Wohin man will

Ernst Ludwig Kirchner, Alpweg nach dem Gewitter, 1923/1924; LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

 

In der heute zugestellten ZEIT Wissen wurde am Ende des Hefts unter „Der besten Frage am Schluss“ ein Bild von vier älteren Menschen gezeigt, die miteinander auf einer Bank zwischen Feldern und Wiesen sitzen und über die Landschaft schauen. Mein erster Impuls war „Die haben es gut!“. Sitzen da ganz in Ruhe, wirken vertraut, haben Zeit und Muße … das wünsche ich mir auch!

Eine wirklich kluge Frage dazu fiel mir nicht ein, aber ich geriet ein wenig ins Träumen und stellte mir vor mein Arbeitsleben oder zumindest die abhängige Erwerbsarbeit hinter mir zu lassen und nur noch das tun zu dürfen, wozu ich Lust habe.

Zwischen Arbeit und Leben habe ich eigentlich nie wirklich unterschieden, aber da ich die bezahlte Arbeit im Moment nicht mehr als erfüllend erlebe, sehne ich mir einen Gewinn von Aktion Mensch (immerhin habe ich zwei Lose!) in zweistellige Millionenhöhe herbei oder einen Mäzen oder eine Millionenerbin, die ihr Vermögen rückverteilen möchte.

Ich fürchte nur, ich muss das selbst in die Hand nehmen und irgendetwas verändern. Oder zumindest herausfinden, was sich ändern soll und in welche Richtung ich mich verändern will.

Wie so oft hilft auch da die Versenkung in ein Kunstwerk, in diesem Fall in eine Landschaft. Nicht so eine langweilige ostwestfälische – plattes Land, nur durchbrochen von Höfen, Dorfbauernschaften, Zäunen, Pappeln oder Weiden und natürlich Radwegen. Mea culpa!

Nein, eher eine etwas abwechslungsreichere, die unterschiedliche Perspektiven bietet. Zum Beispiel die hier von Ernst Ludwig Kirchner. Das Dorf Monstein bei Davos.

Ernst Ludwig Kirchner, Dorf Monstein bei Davos. 1927. Essen, Museum Folkwang

Was für eine Ruhe es ausstrahlt und doch so viel Dynamik durch die Farbgebung und die Linienführung. Oben die wilden Hügel und Berge, mittig das verwunschene Dorf, das sich so ins Tal hineinkuschelt.

Ich wäre gerne in dem kleinen roten Haus rechts von der Kirche. Nicht nur, weil es farblich so schön herausleuchtet, sondern weil es einen guten Platz zwischen der Kirche mit dem vermutlich benachbarten Kirchplatz und dem Dorf hat, das sich ins Tal schmiegt. Ich wäre also zwischen einem Ort der Stille und der Contemplation und den im Dorf lebenden Menschen, mit denen es sich plaudern und angeregte Gespräche führen lässt. Austausch und auch Diskussionen sind mir ebenso wichtig wie Rückzug, Alleinsein und Stille. Und weil das Häuschen so schön rot ist und sich darin von fast allen anderen Häusern abhebt, hat es irgendwie etwas Besonderes, ohne aber unbescheiden der gar protzig zu sein

Gleichzeitig bieten die hinter dem Dorf liegenden Hügel Schutz, sie sind bewaldet und daher wohl gut erklimmbar, laden zu Spaziergängen ein und bieten an ihrem Gipfel einen feinen Ausblick über das Tal. Und manchmal ließe sich auch eine weitere Tour zu den schneebedeckten Bergen im Hintergrund des Bildes unternehmen. Von dort hat mal einen fantastischen Überblick über die ganze Gebirgslandschaft, kann mal tief durchatmen in der reinen winterlichen Bergluft und abschalten von Alltag und Mühen. Oder ich verlasse das Dorf und gehe weiter runter ins Tal auf dem Weg links vorne im Bild. Besuche die nächstgelegene Stadt, lasse es mir in einem Café oder Restaurant oder beidem gut gehen, stöbere durch die Buchhandlungen (natürlich!), besuche Museen und Ausstellungen oder ein Konzert…..

Für eine berufliche Tätigkeit, wie ich sie mir vorstelle, hieße das, ich könnte Nachdenken, Forschen und Lernen kombinieren mit Austausch und Diskussion. Ich könnte sowohl einen Überblick über größere Zusammenhänge haben als auch mich tief in ein Fachgebiet einarbeiten, reinknieen. Ich könnte mir meine Arbeit so einteilen, wie ich gerade mental eingestellt bin. Und wenn Tagungen und Kongresse anstehen, könnte ich ohne langes Tamtam einfach hinfahren. Und mich inspirieren lassen. Neue Gedanken und Perspektiven kennenlernen, die ich mit heim ins Dörfle nehmen, um dort die Dinge zum Besseren zu verändern. Um kreativ und innovativ sein zu können.

Meine reale Situation im Job ist allerdings so ganz anders. Da werde ich eher in einem der drei kleinen Schuppen, die gleich unterhalb des Hangs stehen, gehalten. Im Schatten des Hügels gedeiht kaum etwas, es ist kalt und bleibt auch im Sommer kalt, kaum dass je der Schnee einmal schmilzt. Die Häuserl stehen auch noch auf Stelzen, sie haben nicht nur keinen Kontakt zum Dorf mit seinen Menschen, sondern nicht mal zum Boden. Sie heben sich kaum von dem Hügel ab. Vielleicht sind es eher Heuschober, eigentlich unbewohnbar. Gruselig.

Ich denke, im nächsten Sommer werde ich zunächst einmal einen der Berge besteigen und mich neu orientieren, um meine Möglichkeiten, die ich zehn Jahre vor der Rente noch habe, auszuloten. Dann zurück ins Dorf, wo ich meine Sachen zusammen suche und schaue, was ich säen kann, wie ich mein Feld bestellen kann. Dann ab in die Kirche und in der Stille meine Entscheidung treffen, anschließend den Weg hinab in die Stadt, wo ich Kontakte knüpfen und die eine oder andere Option für mich nutzen kann. So kommt Bewegung in die Sache. Und das, obwohl das Gemälde ganz still hält.

Der Auerbach bei Oberaudorf

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