when I first looked back at the earth…

…standing on the moon, I cried.
(Alan Shepard)

Aus der Ausstellung Wunder der Natur (2016/2017), Gasometer Oberhausen

Heute ist mal wieder der Tag mit der Earth Hour. Weltweit wird um 20.30 Uhr zu der jeweiligen Ortszeit für eine Stunde das Licht ausgeschaltet, „um gemeinsam ein starkes Zeichen für mehr Klimaschutz zu setzen“.

Überhaupt mal für Klimaschutz, möchte man einwenden. In der vergangenen Woche haben Bundestag und Bundesrat dankenswerterweise ein Milliardenpaket neuer Schulden verabschiedet. Noch mehr Dank gebührt den Grünen (zum Glück endlich wieder in der Opposition, von dort aus haben sie wesentlich mehr Wirkmacht, wie’s scheint), die der kommenden Koalition ein Fünftel der halben Billion für den Klimaschutz abgerungen haben. Ist es zu fassen, dass der Klimaschutz bis dahin in dem Infrastrukturpaket anscheinend überhaupt keine Erwähnung fand?

Man darf natürlich gespannt sein: Was wird tatsächlich in Klimaschutz – besser: Klimarettung – fließen und was doch „nur“ in Klimakatastrophenanpassungsmaßnahmen – so, als könnten man dann einfach weitermachen wie bisher?

Was mich wirklich fassungslos macht, ist die Ignoranz vieler Menschen, die Uneinsichtigkeit, Beharrungstendenz und Selbstbezogenheit:
„Was kann ich allein schon machen?“
„Die Politik muss handeln.“
„Die Wirtschaft muss handeln.“
„Alle anderen müssen was verändern.“
„Aber bitte keine Öko-Diktatur!“
Was nichts anderes heißt als: „Hauptsache, ich muss nicht aus meiner Komfortzone raus!“

Nun ist ja niemand perfekt und niemand kann alles, aber auch wirklich ALLES im Sinne des Klima- und übrigens auch Umwelt- und Naturschutz richtig machen. Aber einiges schon. Und dabei geht es meiner Ansicht nach nicht allein um Verzicht, sondern um einen wertschätzenden, achtsamen, respektvollen, liebevollen, wohlwollenden Umgang mit unserer Lebensgrundlage Erde. Die verdient einen würdevollen Umgang, um die Lebensgrund-Lage nicht immer weiter zu verschlechtern.

Das fängt auch bei uns selbst an, bei einer selbstschätzenden Sorge um sich, führt aber weiter über die Fürsorge für andere bis hin zu einer Sorge um die Möglichkeit in einer gerechten Welt handeln und leben zu können. Gerecht für alle Lebewesen und ihre Lebensgrundlage überall und in allen kommenden Zeiten.

Vor einigen Jahren hat das Pumpenhaus-Theater in Münster unter der Leitung von Manfred Kerklau eine ergreifend schöne und berührenden Theaterperformance inszeniert, dass den Overview-Effekt mit Zitaten von Astronauten angesichts der Erde aus dem All und Texte von William Blake (1757-1827) zusammengeführt hat. Die zentrale Botschaft ist die Fragilität unserer Erde, die es zu achten, zu wahren und zu schätzen gilt. Mit allem drum und dran und was auf ihr drauf lebt. William Blakes poetische Zeilen drücken das sehr bewegend aus:

To see a World in a Grain of Sand
And a Heaven in a Wild Flower
Hold Infinity in the palm of your hand
And Eternity in an hour…
(William Blake, Auguries of Innocence)

 

 

Der Overview-Effekt ist zurückzuführen auf Aussagen von Astronauten, die vom Mond oder einer Raumfähre auf die Erde blicken und mehr als bewegt, berührt, zu Tränen gerührt sind.

When we look down at the Earth from space we see this amazing, indescribably beautiful planet – it looks like a living, breathing organism. But it also, at the same time, looks extremely fragile.
(Shuttle/ISS astronaut Ron Garan)

„Wenn wir auf die Erde aus dem Weltraum herabschauen, sehen wir diesen erstaunlichen, unbeschreibbar schönen Planeten – der wie ein lebender, atmender Organismus aussieht. Aber gleichzeitig sieht sie sehr verletzlich aus.

Wie es der Zufall (Schicksal, Fügung, Intuition) will, habe ich ein wunderbares Buch über sechs Menschen im All gelesen, Astro- und Kosmonauten während 16 Erdumrunden an einem Tag, also in 24 Stunden. Das Buch beschreibt eine ganze Welt in diesen 16 Umlaufbahnen, so der Titel des Buchs von Samantha Harvey in der Übersetzung von Julia Wolf. Worum geht es? Um die Frage, wie sich Denken und Fühlen verändern, „wenn man seine Heimat nur aus weiter Ferne durch ein kleines Fenster sieht“. Die sechs Menschen, neun Monate lang im All unterwegs, beschäftigen sich mit den verschiedensten Fragen, große und kleinen, wichtigen und unbedeutenden, sprechen über Kindheitserinnerungen, Kondensmilch, Hunde auf Gemälden, den zerstörerischen Taifun unter ihnen, darüber, dass es kein unten und oben gibt dort oben im All; sie denken über die Geschichte des Alls nach und die des Planeten Erde, über die Zukunft der Menschheit, über die Schwerelosigkeit und fliegende Mäuse, die das Loslassen gelernt haben – und immer wieder über die Erde in ihrer ganzen Schönheit und Verletzlichkeit.

Worte sind nicht nötig; du musst nur aus dem Fenster blicken und sehen, wie sich das Strahlen verdoppelt und verdoppelt, unaufhörlich. Von hier aus gesehen gleicht die Erde dem Himmel. Sie strömt nur so vor Farbe. Ein hoffnungsvoller Farbenrausch. Wenn wir auf diesem Planeten sind, schauen wir nach oben und denken, der Himmel ist irgendwo anders. Die Astronauten und Kosmonauten denken hingegen mitunter: Vielleicht sind wir alle, wenn wir auf die Welt kommen, bereits gestorben und befinden uns in einem Leben nach dem Tod. Wenn es stimmt, dass wir uns nach dem Tod an einen unwahrscheinlichen, kaum vorstellbaren Ort begeben, dann könnte es genauso gut dieser glänzende, ferne Himmelskörper mit seinem wunderschönen, einsamen Lichterschauspiel sein.

Seit die Crew im All ist, hat es Tausende von Sonnenaufgängen gegeben. Hunderte davon haben sie verfolgt, und wenn sie jetzt wach wären, würden sie von ihren Schlafquartieren ans Fenster schwimmen und einen weiteren beobachten. Sie verstehen nicht, wie sich der Anblick endlos wiederholen und gleichzeitig jedes Mal, jedes einzelne Mal, neu geboren werden kann. Sie würden die Blenden an den Kuppelfenstern öffnen und sich ihrer selbst als einsamer Kopf und Körper im Vakuum des Alls bewusst werden. In einem kleinen Hohlraum mit atembarer Luft hängend. Das Gefühl der Dankbarkeit so überwältigend, dass sie nichts dagegen oder damit tun könnten und es keine Worte und keine Gedanken gibt, die es mit diesem Gefühl aufnehmen könnten, und so würden sie für einen Moment ihre Augen schließen.

„And Eternity in an hour… “

Heute Abend um 20.30 Uhr eine Stunde lang mal kein Licht machen – und dafür vielleicht in den Himmel schauen und staunen.

 

 

 

 

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