Wer hat an der Uhr gedreht…?

…ist es wirklich schon so spät, werden wir uns morgen früh wieder mal fragen müssen. Zeitumstellung steht an. Wobei wohl kaum die Zeit als vielmehr die Uhr umgestellt wird. Noch aber ist es 17.07 Uhr mitteleuropäischer Winterzeit, die Vesper im WDR 3 hat begonnen, der Tee steht bereit, hat circa 5-8 Minuten vor sich hingezogen – nach Gefühl, eine Hausfrau hat das im Gefühl! – und ich sinniere über die Zeit.

Das mache ich schon den ganzen Tag irgendwie. Denn wie so oft rann mir die Zeit heute nur so durch die Finger, und das an einem Samstag. Und trotzdem ist nichts wirklich erledigt worden. Oder doch?

Immerhin habe ich am Vormittag meinen Kaffee in der Sonne genossen, um dann die Sonne oder vielmehr den Mond bei Anbeißen der glühenden Scheibe zu beobachten, mit der Sonnenfinsternisanschaubrille von 1999 – daran erinnere ich mich gerne. Das Töchterlein aus dem Kindergarten abgeholt, rauf auf den Jakobsberg in Bamberg und gefühlte Stunden die Corona bewundert (die damals noch eine wirklich königliche Bedeutung hatte) (lustig, die Rechtschreib- bzw. Grammatikkorrektur moniert den vermeintlich falschen Artikel! 🙂) und trotzdem ging alles viel zu schnell vorbei. Außerdem musste ich noch einkaufen – feinen Käse und noch feineren Wein, denn ich habe beschlossen, meine Fastenvorsätze an diesem Wochenende über den Haufen zu werfen. Dann habe ich viel länger telefoniert, als ich vorhatte, und musste dann unbedingt noch in der Sonne lesen, dabei bin ich eingeschlafen und – hast du nicht gesehen – war schon wieder Vesperzeit.

Über partielle Finsternisse könnt ihr im zweiten Beitrag noch ein wenig lesen, jetzt soll es eher um die Zeit gehen.

Augustinus von Hippo sagte über die Zeit:

Was ist Zeit? Wenn mich niemand fragt, weiß ich es; wenn ich es einem Fragenden erklären will, weiß ich es nicht. So viel aber wage ich zu behaupten: Wenn nichts vergeht, gäbe es keine vergangene Zeit; wenn nichts näher käme, gäbe es keine zukünftige Zeit; wenn nichts wäre, gäbe es keine Gegenwart.

So geht es mir auch oft, und da hilft mir auch kein Einstein und kein Michael Ende, der das Problem der Zeiträuber auch schon erkannt hatte. Die Schildkröte Kassiopeia kann eine halbe Stunde in die Zukunft schauen und als eher gemächliches Wesen findet sie es je langsamer, umso besser. Ein chinesisches Sprichwort teilt diese Ansicht: wenn du es eilig hast, gehe langsam. Vielleicht war es ja auch eine chinesische Schildkröte.

Das Zitat enthält neben der Unerklärlichkeit des Zeitphänomens noch eine Erkenntnis, die auch als das Paradox der drei Zeiten bekannt ist. Da die Vergangenheit vergangen ist und die Zukunft noch nicht eingetreten, kann es eigentlich nur die Gegenwart geben, aber die ist zum einen sehr flüchtig – in einem Moment ist sie da und im nächsten Augenblick schon wieder vergangen, dafür ist die nächste Gegenwart gerade noch Zukunft. Zum anderen aber ereignen sich Vergangenheit und Zukunft nur in der Gegenwart, und zwar in unserem Bewusstsein (und nicht nur dort), durch die Erinnerung und die Erwartung. Ein seltsam Wesen, diese Zeit….

Es gibt ein Bild von Lyonel Feininger, das mich einlädt, über dieses Phänomen im Hinblick auf ein Leben nachzudenken. Ein Leben, das schon gelebt wurde, ein Leben, das noch gelebt wird, und ein Leben, das im gegenwärtigen Moment stattfindet. Jetzt, und jetzt und jetzt….

Sein Bild ‚Düne am Abend‘ lese ich als Frage, wie ich mein Leben und seine Zeit betrachten kann. Ich versetze mich einmal in die Figur am unteren Bildrand hinein. Hoch aufgerichtet, mit leicht durchgestrecktem Rücken wendet sie sich der Düne zu, ehrfürchtig fast, vielleicht angstvoll. Die Düne erhebt sich machtvoll, sie nimmt fast das gesamte linke Drittel der Leinwand ein und scheint auf die Figur zu zu sinken, so überaufrecht baut sie sich vor ihr auf. Spiegelt den durchgestreckten Rücken. Sie wirkt wie ein riesenhafter Monolith, ein Polyeder – wie der in Dürers Kupferstich ‚Melencolia I‚ von 1514.

Feininger, Lyonel, Düne am Abend. 1927. LWL Kunstmuseum Münster

Der Strand ergießt sich in die Ferne, flüchtet abwärts strebend rechts unten aus dem Bild hinaus. Vom Meer ist nichts zu sehen, nicht einmal zu erahnen, stattdessen scheint ein weiterer monolithischer Block im Himmel zu schweben. Trägt er ihn? Verstellt er den Blick? Suggeriert er ein Etwas im Nichts oder umgekehrt, die Nichtshaftigkeit dessen, was wir Himmel nennen? Mittendrin die Sichel des zunehmenden Mondes.

Die Figur schaut auf die Düne. Sieht in ihr vielleicht die Endlichkeit ihres Lebens. Irgendwann wird es gelebt sein. Wann, weiß niemand. Hinter ihr das Meer, eine scheinbar ewige Vergangenheit, die sie hierher an den Strand der Gegenwart gespült hat. Drehte die Figur sich um, sähe sie vielleicht eine offene, weite, unbekannte, sich in der diesigen dunstigen Ferne am Horizont verlierende Zukunft. Hinter ihr nun die harte Faktizität der Vergangenheit, die unveränderlich ist, nicht mehr zurückzunehmen ist und kaum umgedeutet werden kann. Naja, das vielleicht schon.

Lassen wir die Figur eine weitere Drehung vollziehen, um 90 Grad nach links. Aus ihrer Perspektive; aus unserer, die das Bild betrachten, wendet sie sich nach rechts, ihrer Zukunft entgegen. Nun ist die Endlosigkeit des Strandes hinter ihr und eine weitere Endlosigkeit voller Sand vor ihr. Der Weg scheint vorgezeichnet, die monumentale Düne scheint nun der Startpunkt ihres Wegs, die anderen, niedrigeren flankieren und leiten die noch zu gehende Bahn. Stellen eine Leitplanke dar. Die Vergangenheit bietet Orientierung, die Zukunft bietet Möglichkeiten, ist nicht ganz offen, aber auch weder geschlossen noch abgründig wie das tiefe Meer. Nur der Saum der Wellen umspülen den Weg und geben Ahnung von dem, was kommen mag.

Der Graue Stein in Oberaudorf

Zeit. Manchmal scheint sie mir unüberwindlich, baut sich vor mir auf, sagt mir ‚keine Chance, es ist zu spät, das schaffst du nicht‘. Oder auch: ‚Hättest du dich anders entschieden, jetzt geht nichts mehr, du stehst dir selbst im Weg.‘

Als Vergangenheit verwehrt sie mir eine offene Zukunft, hat alles schon vorbestimmt, determiniert spätere Entscheidungen und Wege. Als Zukunft erscheint sie mir mal voller Wunder und Möglichkeiten, mal als Bedrohung, als düstere Vorahnung auf das noch kommt und das was enden wird.

Das Einzige, was ich wahrnehmen kann, nicht als Wahrheit, aber als Gabe, die ich annehmen darf, ist der gegenwärtige Moment. Er gestattet es zu sehen, zu spüren, in ihm findet Begegnung statt, Resonanz. Die Gegenwart ist ebenso unverfügbar wie Vergangenheit und Zukunft, und gleichzeitig ist alles gleichermaßen und gleichzeitig verfügbar – im Moment der Erinnerung und der Erwartung und der Unmittelbarkeit des Spürens.

Wie gehst du mit Zeit um? Wie nimmst du sie wahr? Wie schaust du zurück – wie schaust du in die Zukunft? Und mit welchen Gefühlen?
Welches Bild drückt deine Gefühle und Gedanken aus? Befrage dich!

Reflexionen über das Leben – gerne in Begleitung!

 

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