Von der industriell-kapitalistischen Arbeitsgesellschaft zur…. ?

…ja, wohin denn eigentlich? Und warum?

Im letzten Beitrag schrieb ich über Tiefenökologie und die Notwendigkeit, angesichts von Umwelt- und Klimakrisen, Artensterben und autoritären Regimen wieder ins Fühlen, Wahrnehmen und in Verbindung zu treten. So ungefähr, grob skizziert. Und ich kündigte an, den Bogen zur Notwendigkeit einer Veränderung von sozialen und gesellschaftlichen Strukturen und Formen des (Zusammen-)Lebens zu schlagen. Das will ich jetzt mal versuchen.

Bauhaus-Museum Weimar

Die Gesellschaft ist in Veränderung begriffen, aber das ist nichts Neues, das war sie immer irgendwie und das war sie auch in den vergangenen Jahrzehnten. Meist dauert es länger, schleichend nur; dann transformieren sich Strukturen, Lebensformen, Werte und Normen in eher evolutionärer Weise. Manchmal aber geht es schneller und in kurzer Abfolge, es kommt einer Revolution gleich.

 

 

 

Man kann in der jüngeren Geschichte bisher drei große industrielle Revolutionen ausmachen:

Gießofen, Isselburger Hütte

Die mechanistische Revolution mit der Einführung von Dampfmaschinen und entsprechend mechanische Produktionsanlagen, bei der die menschliche Arbeitskraft erstmals in großem Maßstab durch Maschinen ersetzt wurde. Eine zweite Revolution brachte die arbeitsteilige Massenproduktion und eine an Effizienz orientierte kapitalistische Wirtschaftsform hervor. Die dritte geht mit einer zunehmenden Digitalisierung einher; hier ist die den Menschen ersetzenden Maschine der Computer.

Und nun, seit Beginn der 2000er in gesellschaftlich relevantem Ausmaß und Stil die Künstliche Intelligenz. Einfach Computer, Laptop und Handy reicht nicht mehr: Erst das Internet und die Wischiwischi-Smartphones und dann in immer schnellerer Abfolge immer kleinere und schnellere Mikrochips, maschinelles Lernen und letztlich die KI. Neu hierbei ist der massive Anstieg von Vernetzung, teils algorithmisch gesteuert, teils durch die Entwicklung von Technologien selbst hervorgebracht, eine direkte, unmittelbare Vernetzung von Menschen, Maschinen und Produkten, aber auch von wissenschaftlichen Disziplinen und ihren Forschungsbereichen:

Der wesentliche Unterschied zu früheren Umwälzungen ist die Interdisziplinarität. Zum ersten Mal verschmelzen alle neuen Technologien miteinander. Die digitale Welt, physische Umgebungen und biologische Elemente laufen in einem einzigen, weltumspannenden System zusammen.(Klaus Schwab, 2016, die Vierte Industrielle Revolution.)

Oh, schon 2016, na sowas, schon soooo alt. Da seht ihr es, zehn Jahre erscheinen vor dem rasanten Verfall, Wandel und Zuwachs an Wissen wie eine Ewigkeit, aber erstens ist es immer noch „wahr“ (was auch immer das ist) und zweitens ist es seitdem nur noch intensiver geworden. Und schlimmer.

Denn spätestens mit der Einführung und Zunahme an KI-gestützten oder von KI übernommenen Aufgaben und Arbeiten verändert sich die Wirtschaft und die Struktur der Arbeit. Und mit ihr die Gesellschaft.

Die gezeichneten Zukunftsszenarien bewegen sich zwischen Dystopie (z.B. der Wegfall von Arbeitsplätzen, da die Digitalisierung und die KI den Menschen und seine Arbeitskraft wie auch seine (leider beschränkte) Intelligenz ablösen und überflüssig machen) und weiterhin fortschrittsgläubiger Zuversicht. So beklagt der Bundesverband der Deutschen Industrie am 02.12.2025:

 

Der Wirtschaftsstandort befindet sich in seiner historisch tiefsten Krise seit Bestehen der Bundesrepublik, doch die Bundesregierung reagiert nicht entschlossen genug. Die deutsche Industrie steht am Ende des Jahres 2025 vor einem dramatischen Tiefpunkt.

Wir erwarten für dieses Jahr einen Produktionseinbruch um zwei Prozent, somit geht die Industrieproduktion das vierte Jahr in Folge zurück. Das ist keine konjunkturelle Delle, sondern ein struktureller Abstieg.

Hingegen zeichnet beispielsweise SAP ein deutlich optimistisches Bild einer agilen Arbeitswelt mit mobilen und flexiblen, aber natürlich resilienten Fachkräften, einer von Vielfalt, Inklusion und Mehrgenerationalität charakterisierten Belegschaft, die in hybriden Arbeitsplatzmodellen ihre Rollen und Kompetenzen den Anforderungen einer hochdynamischen Arbeitskultur willig anpassen.

Die haufe akademie geht noch weiter und färbt schön:

Künstliche Intelligenz ersetzt dich nicht, sie unterstützt und entlastet dich, sie verstärkt deine Fähigkeiten und macht dich produktiver.

Die Grenzen zwischen Arbeitsplatz, Arbeitszeit und Privatleben verschwimmen komplett. Europäische Unternehmen reagieren damit auf steigende Lebenshaltungskosten und den Wunsch ihrer Mitarbeitenden nach besserer Work-Life-Balance und mehr Selbstbestimmung.

Klassische Hierarchien lösen sich auf. Statt lebenslanger Anstellung in einer Abteilung arbeitest du in wechselnden Projektteams. Expertise wird wichtiger als die Position im Organigramm.

Für Mitarbeitende muss Arbeit zunehmend einen Zweck erfüllen, der über den reinen Profit hinausgeht. Besonders jüngere Generationen wählen Arbeitgebende nach ihrem gesellschaftlichen Beitrag aus. (haufe akademie; Ausschnitte, überwiegend wörtlich zitiert.)

Und die Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft bleibt betont sachlich in ihren Szenarien der Transformation, Automation 1.0, Industrie 4.0 (da haben wir sie wieder, die vierte industrielle Revolution!), Plattformökonomie und Ambivalenz. Der wahrscheinlichste Ausgang sei wohl die Ambivalenz. Auch die gesellschaftlichen Handlungsperspektiven scheinen utopisch – ich führe sie hier gar nicht erst auf.

Fazit und Bilanz: Nix gwieß waas ma net. (Nix gewisses weiß man nicht.) Trotzdem und eigentlich eine höchst spannende Angelegenheit …

… wäre da nicht ein gewisser Herr Merz, die einen umfassenden Umbau des Sozialstaats bei gleichzeitiger Steigerung von Fleiß und Arbeitswilligkeit der davon profitierenden Arbeitnehmer*innen fordert. Davon sprechen die zitierten Propheten allerdings nicht.

So, und nun kommt endlich die Anknüpfung an die Tiefenökologie (danke fürs so lange Aus- und Durchhalten!)

Der Jurist, Journalist und Unternehmensgründer Stefan Borst beschreibt im Philosophie Magazin 02/2026 eine Zukunft, in der sich Wohlstand und Würde (hört hört!) nicht mehr wie bisher aus dem Wert der Arbeitsleistung speisen, sondern aus anderen Werten erwachsen müssen, und was das sein könne, sei nun zu diskutieren. Mit dem technologischen Fortschritt in KI und Robotik falle  „der letzte Rückzugsort für menschliche Tätigkeit“, die nicht nur den Lebensunterhalt im Tausch gegen Arbeitsleistung sichert, sondern auch identitäts- und sinnstiftend wirke. Identität und Sinn interpretiere ich jetzt mal in das Merkmal ‚Würde‘ hinein. Auch Borst zeichnet eine dystopische Entwicklung ausgehend von der Optimierung über Konzentration bis zur Desintegration und schlägt eine gesellschaftliche Transformation auf vier Ebenen oder in vier Schritten vor (beides sei denkbar).

Im Zentrum stehen folgende Gedanken:

  • Teile den erwirtschafteten Überschuss, steigere dadurch Wohlbefinden und Vertrauen und schaffe faire Chancengleichheit und reale Freiheit für alle!
  • Verändere die Eigentumsverhältnisse an Daten, Plattformen und Algorithmen und mache sie zu einem Allgemeingut, zu einem kollektiven Gut! Dies schaffe Transparenz, Vernetzung und Freiheit.
  • Definiere Status über Kompetenz statt über Kapital und Vermögen! „Anerkennung erhält, wer durch seine Arbeit zur Gemeinschaft beiträgt“ und nicht zur Renditesteigerung.
  • Nutze den materiellen Überfluss, den KI etc. schaffen für die Pflege von Beziehungen, Gemeinschaft, Bewusstsein und … tadaaaa!… der Erde. ‚Hüterschaft‘ ist die Bezeichnung für dieses radikale Modell des Umdenkens weg vom Kapitalismus hin zur… jawoll! … Tiefenökologie.

Geschafft! Hier endlich landet der Bogen bei der Tiefenökologie. War irgendwie wie Bergsteigen (nehme ich an).

Dieses letzte Modell einer „Stewardship-Ökonomie“stellt „Erhalt, Erneuerung und Entwicklung der Grundlagen des Lebens selbst in den Mittelpunkt“ und bezieht sich dabei explizit auf die Tiefenökologie von Arne Naess und setzt Ziele wie Teilhabe, Kreativität, Fürsorge und eben Hüterschaft als die Werte an, aus denen künftig Wohlstand und Würde erwachsen können – wohlbemerkt mit und auf der Grundlage der digitalen Technologien und ihrer Produkte und Leistungen.

Während die oben skizzierten Zukunftsszenarien einer sich im Wandel befindlichen Gesellschaft stets dem kapitalistischen Denken einer an Effizienz, Verwertung und Wachstum orientierten Wirtschaft verhaftet bleiben und in der Systemlogik argumentieren, geht Stefan Borst über diese hinaus, bewegt sich außerhalb des Bestehenden und denkt ein anderes, neues System. Er beschränkt seine Analyse nicht auf Wirtschaft und Arbeitswelt, sondern fragt nach den Auswirkungen auf die Gesellschaft und danach, wie gesamtgesellschaftlich mit den umstürzlerischen Veränderungen umgegangen werden kann. Nicht nur Reaktion, bloß Anpassung, sondern Grundsatzfragen und Gestaltungsantworten. Oder zumindest Vorschläge. Vorschläge für ein Leben in Würde, mit Sinn und in Sicherheit jenseits von Erwerbstätigkeit. Darin verankert Borst auch das hohe Gut der Bildung: eine Bildung für Demokratie, die – statt nur auf den Eintritt in den Arbeitsmarkt vorzubereiten – demokratische Werte, „Freiheit, Bürgersinn und Sinnstiftung fördert“. Wohlbefinden. Nachhaltigkeit und Verbundenheit wären dann die neuen Maßstäbe und damit höherwertig als ökonomische Kennziffern.

Stefan Borst beendet seinen Essay im PhiloMag mit einer optimistischen Vision:

Hinter der Desintegration eröffnet sich eine Möglichkeit. Befreit vom Zwang der Arbeit könnte die Menschheit erstmals Gesellschaften gestalten, die gerechter, menschlicher und nachhaltiger sind.

Gestern am 20. Februar war der Welttag der sozialen Gerechtigkeit. Aber die Forderung nach mehr Arbeit, mehr (Wirtschafts-)Leistung und Steigerung des Wirtschaftswachstums bei gleichzeitigem Abbau des Sozialstaats, Kürzung von Bürgergeld/Grundsicherung, außerdem Rückschritte bei der Förderung von Erneuerbaren Energien, beim Umwelt- und Artenschutz, bei Pestizid- und Düngemittelverboten, dazu mehr Straßenneu- und -ausbau – schöngeredet als Technologiemix (so war doch das Schlagwort, oder?) – führt völlig in die falsche Richtung.

Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit müssen zusammengedacht werden. Reformen innerhalb des Bestehenden sind keine hinreichende Antwort auf Grundsatzfragen. Ideologische Probleme können nicht praktisch gelöst werden. Strukturwandel muss von Grund auf neu gestaltet werden, sozialverträglich, umweltverträglich und „enkeltauglich“.

PS: Das Beitragsbild zeigt übrigens einen Stoffbehang, der mit unzähligen Computerchips und Leuchtdioden bestückt ist. Gehört in die Ausstellung Solastalgie im MGGU in FFM. Sollte irgendeine Landschaft darstellen, wenn es denn leuchtet, aber leider funktionierte es nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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