Ich habe eine Vorliebe für kuriose kleine Dinge. Oft finde ich welche in Trödelläden oder Flohmärkten, aber häufiger noch unterwegs, am Straßenrand, unter Hecken oder an Böschungen und Rainen, die neben einem Spazierweg herlaufen. Bei solchen Kuriositäten und Fundstücken, handelt es sich oft um verlorene oder weggeworfene Dinge, die anscheinend nicht mehr gewollt werden, ihren Nutzen verloren haben oder schlicht beschädigt sind. Manchmal aber hinterlassen Menschen absichtsvoll einen Beweis ihrer Existenz, so eine Art „Kilroy was here“, und damit meine ich nicht die ewigen Schmierereien an den Zügen der Eurobahn, unter Brücken oder sonstwo, sondern ganz individuelle, persönliche Kritzeleien oder Mini-Kunstwerke. Wie dieses hier zum Beispiel:
Ich habe es auf einem Hörsaal-Tisch, wenn man das so nennen kann, entdeckt anlässlich einer Tagung in Trier im vergangenen September, und da ich es kaum mitnehmen konnte, wie es bei solchen Kunstwerkchen meist der Fall ist, musste ich es fotografieren, dazu brauchte ich keine weitere Aufforderung. Ist es nicht niedlich? Der Ochse sieht ganz zufrieden aus, gleich wird er sich herabbeugen und die Blümchen abzupfen und genüsslich malmen – bis … ja bis er vermutlich eingefangen wird. Ich meine in der Figur hinter dem Ochsen einen Cowboy zu erkennen, der sein Lasso bereit zum Schwung hält. Vielleicht ist es aber auch ein Viehtreiber, der gleich seinen Stock auf das Hinterteil des Tieres sausen lässt und es halt treibt, das Vieh. Zur Arbeit, fürchte ich, sicher wird es gleich vor den Pflug gespannt. Wer mag das Bildchen gekritzelt haben (und wie langweilig muss die Vorlesung gewesen sein???) und welche Geschichte erzählt dieser Jemand damit? Wo ist er aufgewachsen – im „Wilden Westen“ der USA, auf einer Estancia in Argentinien oder vielleicht doch auf einem landwirtschaftlichen Hof irgendwo im Ländlichen? Wie alt mag die Person sein, dass sie ein so archaisches Bild entwirft, und warum platziert sie es ausgerechnet hier und jetzt (wann auch immer das war) in diesem Hörsaal der erziehungswissenschaftlichen Fakultät? Was hat sie dazu inspiriert, wovon handelte die Vorlesung? Viele Fragen. Ich stelle mir vor, ich wäre dort gewesen und hätte – vermutlich gelangweilt (was eigentlich nie vorkommt) – diesen Fall von Sachbeschädigung begangen. Was wäre mir Kritzeliges eingefallen? Vielleicht ein Römer mit Helm, Schwert und Schild, der auf dem Limes steht, wenn man schon mal in Trier ist, denn ich erinnere mich an meinen Aufenthalt als Pfadfinderin im Archäologischen Park in Xanten, den APX, als der Stamm dort ein großes Römerlager besuchte. Deutschlandweit kamen die Pfadfinderstämme da zusammen, mindestens! Ich trug ein Bettlaken als Römergewand, hatte einen Helm und aus Pappe und Holz das ganze Gewerk, was ein römischer Soldat halt so braucht – nach damaligem Kenntnisstand zumindest. Vielleicht hat die Person im Hörsaal in Trier auch so ein Lager besucht, war aber kein Soldat, sondern halt ein Landwirt. Oder es war ein Seniorstudent, der sich auch an seine Kindheit erinnert hat, damals, als die schwere Arbeit noch per Hand erledigt werden musste, also per Ochse vielmehr. Oder es war eine Studentin, die gerade aus ihrem USA-Studienaufenthalt zurückkam, wo sie in Texas oder so ein Rodeo besucht hat. Oder ein*e Grundschul-Lehramtsstudierende*r war im Praktikum und hat – ganz beseelt von der Arbeit mit den lieben Kinderlein – im Geiste ihre alten Playmobilfiguren wieder lebendig werden lassen, selbst wieder ganz zum Kind geworden.
Ähnlich verspielt ist dieses wirklich sehr feine und filigrane Kunstwerkchen, das ich tatsächlich hätte mitnehmen können, aber was wäre es wert ohne den wirklich sehr besonderen Fundort: Die Schlitze unterhalb eines Zugfensters, aus denen immer diese unangenehm kalte Luft rausgeblasen wird. War es auch Langeweile oder vielmehr Muße, die die Künstlerin oder den Künstler inspiriert hat, diese winzigen Mini-Schiffchen zu falten, eine ganze Flotte ist das! Das war im August 2018, und tatsächlich bin ich mit diesem Zug am Rhein entlang gefahren, die alte IC-Strecke. Vielleicht war die Künstlerin auf derselben Strecke unterwegs und es hat ihr so gefallen – der Rhein mit all seinen Schiffen und Frachtern – dass sie nicht anders konnte, als Schiffchen zu falten. Als Material musste der Reiseplan herhalten, der damals noch in diesen Netzen den Reisenden an jedem Sitz angeboten wurde, damit er sich gut zurechtfinden möge. Vielleicht war die Künstlerin ein ausgesprochen geduldiges und feinmotorisch begabtes Kind, das sie die Zeit mit Mini-Bötchen-Falten vertrieben hat. Wenn ich mit dem Zug fahre, kommen immer nur drei Beschäftigungen infrage: Lesen, aus dem Fenster schauen oder schlafen. Das Aus-dem-Fenster-Schauen habe ich von meinem Vater – glaube ich, denn ist er nicht immer mit dem Auto gefahren, während ich reisekrankes Kind mit dem Zug hinterherzockeln durfte? Nein, sicher war er es, der mich immer angehalten hat, rauszuschauen und Dinge zu entdecken und er machte mich permanent auf irgendetwas aufmerksam, meistens auf uralte Burgen entlang der Rheinstrecke. Die wirklich sehr entspannende Angewohnheit des Rausschauens, während der Zug mehr oder weniger schnell durch die Lande rattert, pflege ich noch heute sehr gern und es gibt auch meistens etwas Nettes zu entdecken und wenn nicht, kann man immer noch seinen Gedanken nachhängen. Ich bin immer reichlich ratlos, wenn ich im Zug die Kinder heute beobachte, und schlimmer noch deren erwachsene Begleitpersonen, die ständig nur auf irgendwas rumdaddeln, im günstigen Fall mit Kopfhörern, im ungünstigen mit lautem, digital-nervigem Geplärre und Gepiepse, statt sich zu unterhalten oder eben aus dem Fenster zu schauen….Ach was solls, die Welt ist eh nicht mehr zu retten…..
…. hat sich sicher auch dieser Autor seines Lebens gedacht, als er seinem Unmut einen Namen gab und sich – schon wieder Zug! – hier auf der Rückenlehne des Vordersitzes verewigt hat. Das ist nun etwas beklemmend. Unzufrieden! lese ich da, oder? Das heißt es wohl und das ist sicher auch aufrichtig gemeint – der Arme – hätte er sich sonst die Zeit genommen, um dieses eine, eindeutige Wort in den Sitz zu ritzen? Womit mag er denn wohl unzufrieden sein? Mit der gesamten Situation vermutlich. Nun, wenn man Eurobahn fahren muss, ist das mehr als verständlich, trotzdem ist die Wortwahl ungewöhnlich. Sch… Bahn! wäre erwartbarer oder FckErbhn oder so was in der Art. Künstlerisch ist es jedenfalls nicht zu nennen, aber doch sehr ausdrucksvoll. Ich denke oft an dieses unzufrieden!, wenn ich mit der Bahn zur Arbeit fahre oder von dort wieder zurück, und je nachdem, wie der Tag verlief, stimme ich dem zu und denke, ich kritzel gleich ein Aber echt – voll! darunter. Richtig unzufrieden, so insgesamt und generell, war ich eigentlich nie, es gab immer irgendetwas, was gut lief oder mir Freude machte, egal wie mies der Rest war. Dieses unzufrieden aber wirkt total, absolut und definitiv. Ich fühle mit diesem Autor, der womöglich sein ganzes Leben in schwarzen Farben geschrieben hat oder der vielleicht auch gar keine Chance hatte, seine Lebensgeschichte in Farben zu schreiben, ja, überhaupt selbst zu schreiben. Wem oder was ist er ausgeliefert, warum kann er dem Ganzen keine positive Wendung geben? Mir ist das mehr oder weniger immer gelungen, nicht immer sofort, nicht immer allein, zum Glück gab es immer liebe Freundinnen und Freunde, aber am Ende wurde doch stets alles gut.
Das wünsche ich auch dem jungen Menschen, der seiner Angebeteten diesen wunderbaren Frühlingsgruß geschenkt hat. Ist es nicht schön, so wunderschön und romantisch? 🥰🤗☺️
In diesem Sinne lasse ich dich für heute zurück – mit einem sonnig-warmen Gefühl, so hoffe ich!
Mit Bildern Deine Geschichten erzählen – am besten die Geschichte und Geschichten Deines Lebens. Finde deinen persönlichen Episoden-Guide unter www.fabulame.de.


