Max Ernst, Historie naturelle, 1926 © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Unter dem Blick deiner Augen bin ich mir zur Frage geworden.
Diese Aussage hat es mir angetan. Sie stammt von dem römischen Bischof und Kirchenlehrer Augustinus von Hippo, der auch Augustinus von Thagaste genannt wird und von 354 bis 480 gelebt hat. Nicht nur klingt der Satz sehr poetisch, er drückt auch in aller Kürze aus, dass wir nichts sein können ohne ein Gegenüber. Was wir von uns selbst denken, unser Selbstbild, braucht den bestätigenden, affirmativen oder eben auch infrage stellenden Blick eines Anderen.
Und das bedeutet auch, dass wir nicht einfach werden können, was wir sind, sondern dass wir uns durch einen ständigen Dialog mit anderen zu dem machen, was wir sein können und sein wollen. Mit konkreten Anderen oder verallgemeinerten. Mit bedeutsamen Anderen oder durch zufällige Begegnungen, die in uns Fragen aufwerfen.
Wie sehen uns andere und wie möchten wir gesehen werden? Wie sehen wir uns selbst und wie stellen wir uns dar? Zeigen wir uns authentisch oder inszenieren wir uns und performen unsere Identität?
Dass Identität und Selbst uns wichtig sind, zeigen die Millionen von Selfies, die wir im Laufe unseres (Handy)Lebens machen und verschicken. Wir zeigen uns dabei meisten nicht so, wie wir in einem einzelnen Moment sind, sondern posen, ziehen Schnuten, suchen nach dem richtigen Blickwinkel, der uns möglichst optimal in Szene setzt. Momentane Gefühle oder Werthaltungen spielen dabei keine Rolle. Und oft genug löschen wir die Bilder, weil sie uns nicht „treffen“, weil wir (in den eigenen Augen) nicht schön oder attraktiv genug seien. Oder einfach nur nicht wie wir selbst aussehen, nicht authentisch sind, uns nicht so zeigen, wie wir gerne sein und gesehen werden möchten.

ANTON JOSEF TRČKA, EGON SCHIELE MIT GESPITZTEM MUND, 1914 © Leopold Privatsammlung | Leopold, Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger; Foto: Privat
In der frühen Porträtmalerei ging es darum, jemanden bzw. sich selbst nicht nur möglichst selbstähnlich ins Bild zu setzen, sondern die gemalte Figur mit bestimmten Symbolen auszustatten, die Auskunft über ihre Herkunft und ihren Status geben, die Reichtum bezeugen, gesellschaftliche Positionen repräsentieren, Macht und Einfluss sichtbar machen. Mit der beginnenden Moderne änderte sich das grundsätzlich, eigentlich früher schon, in der Aufklärung und der Romantik ging es mehr und mehr (auch) um andere Fragen. Zunehmend aber trat die Person, die Persönlichkeit mit ihren inneren Empfindungen und Gedanken, ihrer Originalität und Singularität in den Vordergrund.
Selbstbildnis und Autoporträt werfen dabei natürlich Fragen danach auf, ob sich ein Selbst überhaupt im Bild darstellen lässt, das „einen bekenntnishaften Einblick in seine Biographie, in sein Selbst- und Weltbild gestattete“*. Aber jede Selbstdarstellung drückt etwas aus, was gesehen werden soll, und jedes Selbstbildnis – auch das eigene – bietet die Möglichkeit, sich im Blick, in den Augen dieses selbstbildhaften Gegenübers zu spiegeln und sich selbst zur Frage zu werden.
Viele, die meisten, vielleicht alle Künstlerinnen und Künstler haben sich selbst gemalt, oft genug den Blick direkt auf die betrachtende Person gerichtet. Das Selbstbildnis schaut uns an und wir – als die, die wir angeschaut werden – schauen zurück. Was sehen wir?
Nehmen wir beispielsweise Egon Schiele. Er ist bekannt für grotesk verzerrte, verbogene und gerüstartige Körper, und auch sich selbst hat er häufig in dieser Weise dargestellt. Viele Bilder findet Ihr in der Digitalen Sammlung des Leopold Museums in Wien.**
Wenn ich dieses Porträt – Selbstbildnis mit Lampionfrüchten von 1912 – von ihm anschaue, sehe ich einen kokett-selbstbewussten jungen Mann, der dennoch leicht unsicher-zweifelnd schaut. Sein Blick fixiert den/die Betrachter*in direkt, aber wegen der leichten Drehung des Kopfes aus nur einem Auge, was auf mich etwas abschätzend wirkt und gar etwas von oben herab, der Kopf ist leicht geneigt.
Oder aber… nein, vielleicht doch anders: Sein Blick scheint nicht direkt auf die betrachtende Person gerichtet zu sein, er geht ganz leicht, wie verträumt oder gedankenverloren, an ihr vorbei. Ich bin nicht sicher, ob ich angesehen werden, ob ich gemeint bin. Die Körperhaltung ist nicht gerade und aufrecht, sondern verdreht oder geknickt, was den verlorenen Eindruck unterstreicht.
Die Haare sowie das Hemd sind dunkelgrau und auch die Gesichtsfarbe wirkt bis auf die Wange grau schattiert. Dagegen springt die Farbe der Lippen kontrastreich heraus, das Rot ist kräftiger als die Tönung der Wangen. Dies korrespondiert mit den tief orangefarbenen Lampionfrüchten im seitlichen, ansonsten hellen Hintergrund, deren wenige Blätter aber verwelkt und dürr wirken.
Was drückt das Bild aus oder vielmehr: Was lege ich hinein? Die Selbstbewusstheit des Blicks und der akzentreichen Farbgebung. Die Fragilität des leicht unsicheren, eben doch nicht ganz direkten Blicks und des brüchigen Zweigleins, das Schiele nicht stützen kann. Das matte, triste Grau und das zerknitterte Gesicht, das sich von der reifen Frucht abhebt.
Ich frage mich: Bin ich selbstbewusst, souverän? Verletzlich und aus dem Gleichgewicht zu bringen? Brüchig gar? Wann behaupte ich mich und wann bildet meine Präsenz feine Risse, wie ein trockenes Blatt in der zudrückenden Hand? Welche Leuchtkraft kann ich von mir geben, welche Ausdrucksstärke, wo kann ich überzeugen, wo bleibe ich farblos?
Schiele habe sich „intensiv mit der Darstellung des eigenen Gesichts, des eigenen Körpers, der eigenen Persönlichkeit beschäftigt“, schreibt das Leopold Museum**, und sein Name stehe für das zentrale Thema der Wiener Moderne: die Krise des Individuums.
Mir scheint, die Krise besteht weiterhin und womöglich mehr denn je.
Mit Kunst als Spiegel die eigene Seele abtasten, Potenziale und Irrtümer erkennen – das zeige ich euch gerne mit fabula Me!
*Barbara Kuhn (Hrsg.) (2016): Selbst-Bild und Selbst-Bilder. Autoporträt und Zeit in Literatur, Kunst und Philosophie. Paderborn: Wilhelm Fink. S.10f.
** zuletzt abgerufen am 01-03-2025

