Trauer und Verlust – Ein Neubeginn

Karfreitag. Zeit für Requiem, Stabat Mater und Passion. Die ganze Fastenzeit schon und nun die Karwoche hindurch. Neben dem Totenmonat November eine Zeit, die der Trauer gewidmet ist. Und dem Neuanfang, der Hoffnung, der Versöhnung.

Ich liebe die Musik und die Worte dieser Tage und Stunden am Karfreitag. Höre seit Stunden schon die Sendung zum Karfreitag auf WDR 3 mit „nach innen gekehrter Musik und mit Gedichten zwischen Tod und Hoffnung“, die zwischen den Musikbeiträgen mit ruhiger Stimme vorgetragen, zwischen- und nachgetragen werden und den Anfang mit dem Ende zu verbinden scheinen. Zeit mich nach innen zu kehren.

Totenmusik, Trauermusik, Leidensmusik, ergreifend, schwer und melancholisch. Überhaupt habe ich eine melancholische Ader, bin ich ein melancholischer Mensch. Einerseits. Wende ich mich um, ist eine andere Seite zu sehen, eine voll Aufbruchstimmung, Begeisterung und Ideen, die nach Verwirklichung streben.

Und doch bahnt sich hier und da durch einen schmalen Riss, wenige Millimeter groß nur, die Trauer. Trauer über Menschen, die ich verloren habe, die gegangen oder gestorben sind. Trauer über den Verlust von Dingen, manchmal, öfter über den Verlust von Zeiten und Lebensphasen. Über Dinge, die ich nicht gewagt habe, Schritte, die ich nicht gegangen bin. Wer hätte ich sein können, wenn? Wer kann ich noch sein und werden?

Der Text des Deutschen Requiems von Johannes Brahms ist voll von Trauer, aber auch reich an Trost, Hoffnung und Versöhnung mit allem erfahrenen Leid, allen erlebten Schmerzen.

Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen, und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. (…) So seid nun geduldig, lieben Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn. Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig darüber, bis er empfahe den Morgenregen und Abendregen. (…) Herr, lehre doch mich, daß ein Ende mit mir haben muß, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muß. (…) Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Sehet mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost funden. (…) Denn wir haben hie keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir. (…) Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach.

Allesamt Texte aus der Bibel – sei’s drum – sie sind doch voller Kraft und Poesie und geben Zuversicht, denn „wir werden aber alle verwandelt werden; (…) Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? (…)“. Sind das nicht großartige Worte, zu denen du dir allerdings dringend die Musik anhören müsstest, um zu erleben, wie Brahms noch so unglaublich viel mehr daraus machen kann, nein, falsch: Er holt durch seine Musik alles, wirklich alles erdenkliche Seelenleben aus diesen Worten heraus und flasht dich damit zu Tode.

Ich erinnere mich, vor einigen Jahren das Requiem mit der Kantorei an St. Joseph gesungen zu haben, es muss an Palmsonntag im Jahr 2016 gewesen sein; wir, der Chor, wir sangen zusammen mit dem GrauSchumacher Piano Duo, mein Vater war zwei Jahre zuvor gestorben, ich stand im Sopran ganz vorne, mir gleich gegenüber, face to face, saß eine junge Frau in der ersten Kirchenbank, die weinte sich die Augen aus dem Leib und mir zerriss es das Herz. Mit Kloß im Hals hohe Töne singen, diese Töne, diese Worte – ich habe es kein zweites Mal erlebt.

Seitdem sind noch weitere Menschen gestorben, die mir nahestanden, viele Menschen, von denen die Welt gehört hat, in Kriegen und Krisen. Auch andere Wesen sind gegangen, und Dinge verloren, und jedes Mal das Gefühl von Trauer und Verlust.

Kürzlich habe ich einen Essay von Daniel Schreiber gelesen: Die Zeit der Verluste. Ein hochintelligenter, tief reflexiver Text über Tod, Trauer, Verlust, Verlorenheit. Der Tod eines Menschen, der Verlust von Sicherheiten, verlorenes Vertrauen, eine verlorene Zukunft. Kein rein privates Bekenntnis, sondern ein in die Welt gerichteter Blick. Eine Brücke zwischen Sterben und Leben, im Gespräch mit den Gespenstern unserer Vergangenheit und einer vielleicht nur zögerlichen, verhaltenen Zuversicht, eine „Zuversicht gesenkter Erwartungen“[1].

Toll ist, wie Daniel Schreiber zwischen seinen Erinnerungen, den Gesprächen in der Gegenwart eines winterlichen Venedigs und seinen Reflexionen über philosophische und literarische Ideen wechselt – drei Seiten Literatur! -, sehr klug, sehr besonnen und für die Leserin wunderbar nachvollziehbar. So sollen Essays sein, denkt sie ein übers andere Mal, so klug, belesen und verständnisvoll. So poetisch in den Worten und intelligent in den Gefühlen. Genauso! Ich kann das nur bewundern. Und beneiden. Und betrauern, dass ich dazu nicht fähig bin. Frage mich selbst: Welche Gespenster trage ich in mir, lasse sie unten in der Gruft in ihrem Sarg oder sonstwo. Welche umgeben mich hin und wieder, viel zu selten, viel zu nebulös. Was habe ich verloren, aber noch längst nicht betrauert. Was lebt in mir, ohne dass ich davon auch nur ahne. Worauf kann ich aufbauen und weitergehen, weiter schauen.

Fotografiert im Dortmunder U, 2025

Schlangenhausen. Geburt. 1920-1930. Salzburg Museum.

Es ist Hannah Arendt, die – alles verloren, ihre Rechte, ihre Nationalität, ihr früheres Leben, aber niemals ihr Integrität – von der natalité (Natalität) spricht. Sie zählt zu den Grundbedingungen menschlicher Existenz: „das Leben selbst und die Erde, Natalität und Mortalität, Weltlichkeit und Pluralität“[2]. Die Natalität, die Gebürtlichkeit als Grundbedingung der menschlichen Existenz zu verstehen, beinhaltet die Idee, dass „dem Neuankömmling die Fähigkeit zukommt, selbst einen neuen Anfang zu machen, d. h. zu handeln“[3]. Und die Freiheit, eine Freiheit, die im Anfangen-Können liegt, ein Prinzip des immer wieder geboren-sein-Könnens in der Welt. Natalität als Grundbedingung, Vermögen und Prinzip bilden bei Arendt die Grundstruktur des Daseins, in der eine Verantwortungsübernahme sowohl zur Gestaltung der eigenen Existenz als auch zur Gestaltung einer mit anderen geteilten Welt begründet liegt [4]. Also trotz aller Verluste, aller Trauer, aller erwartbaren Schwierigkeiten immer wieder neu beginnen können, verändern, gestaltend, verantwortend. Auch sich selbst gegenüber.

 

Noch einmal Daniel Schreiber, der seiner Trauer in Venedig zu begegnen sucht:

Während unserer Unterhaltung merke ich, wie sehr ich jene Person, die unerschrocken in die Zukunft schaut, vermisse. Jene Person, die ich einmal war und die in einer Welt lebte, in der sie sich alle möglichen Zukunftsvorstellungen machen konnte. […] [I]ch trauere dieser Person hinterher, die sie hatte, ich vermisse ihre Zuversicht. […] Ich zünde mir eine Zigarette an, ziehe an ihr. Der Rauch breitet sich in meiner Lunge aus. Er macht für kurze Zeit meine Gedanken klarer und sorgt dafür, dass meine Gefühle etwas weniger ausschlagen, eine Spur weniger intensiv sind, als sie es sonst wären. Ich rauche wegen dieses Hauchs der Erleichterung, rauche, weil es meinen Schmerz etwas erträglicher macht. […] Ich rauche, um die Kulissen meines Lebens vor dem Einstürzen zu bewahren, um den Grad der Erschütterung zu verringern, die die Verluste der vergangenen Jahre nach sich ziehen. Und ich frage mich, ob es nicht an der Zeit wäre, damit aufzuhören. Ob es nicht an der Zeit ist, mich dem Schmerz in seinem vollen Umfang zu stellen, den Verlusten meines Lebens ungefiltert zu begegnen, die Erschütterung in mich aufzunehmen und zu schauen, was mit den Kulissen passiert, wenn ich sie nicht mehr künstlich aufrechterhalte. Womöglich werden sie stehen bleiben wie die Kulissen dieser spektakulären Theaterbühne, die vor mir liegt. [5]

Ersetze Rauchen durch irgendetwas anderes, was dich abzulenken imstande ist, ich bin sicher, du wirst etwas finden. Bei mir sind es Projekte, Bücher, Filme, Lernen, immer weiter lernen. Als Erleichterungsbeschaffer, Erträglichmacher und Einsturzbewahrer. Aber auch, weil ich mich meiner „eigenen Verzweiflung zu widersetzen“[6] versuche, um mir und meiner Welt und der Welt der anderen mit viel Vorstellungskraft neue, andersartige Möglichkeiten für eine Zukunft zu eröffnen, die hier und jetzt immer wieder neu beginnt. Also: worauf noch warten?

Am Ende seines Essays beschreibt Daniel Schreiber die Begegnung mit einer Möwe, die sich neben ihn auf die Balustrade setzt und einige Male seinen Blick sucht, was ihn, den Autor, anregt, über geteiltes Leid, Verletzlichkeit und Ausgeliefertsein zu sinnieren.

Als sich die Möwe wieder zu mir umschaut, vermeine ich ihr Ausgeliefertsein sehen zu können. Sehen zu können, wie sie ihren Leidenschaften und ihrem Begehren folgt, ohne darüber nachzudenken. Wie treu ergeben sie ihrem Schicksal ist, auch wenn sie davon keinen Begriff hat. Und für einen kurzen Moment werden dieser Tag, diese Stadt, diese Arbeit der Trauer, diese Zeit mit all ihren Ereignissen und Bedrohungen bedeutungslos. Wir erkennen die glücklichen Momente im Leben nur selten. Dies könnte einer von ihnen sein.

Inzwischen, einige Stunden später, in denen ich recherchiert, mit einer lieben Freundin telefoniert, gegessen und Kaffee getrunken habe, wird im Radio die Matthäus-Passion von Bach gespielt. „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“, beginnt der Eingangschor. Dank an alle, die mir geholfen haben zu klagen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Daniel Schreiber (2023). Die Zeit der Verluste. Berlin, München: Hanser. S.127
[2] Hannah Arendt (1998). Vita activa oder Vom tätigen Leben. 10. Auflage. München, Zürich: Piper. S.21
[3] Hannah Arendt (1998). Vita activa oder Vom tätigen Leben. 10. Auflage. München, Zürich: Piper. S.18
[4] vgl. Springer, Katja (2018). Natalität als Grundstruktur des Daseins in der Philosophie Hannah Arendts
[5] Daniel Schreiber (2023). Die Zeit der Verluste. Berlin, München: Hanser. S.120-125
[6] Daniel Schreiber (2023). Die Zeit der Verluste. Berlin, München: Hanser. S.121

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