Toll! Prima! Super! – Über das Loben

Wie leicht geht es uns von den Lippen, so ein Lob. Und wir brechen in kleinere Begeisterungsstürme aus und werfen mit Adjektiven wie super, klasse, toll oder – etwas zeitgemäßer – krass oder mega um uns. Für nahezu alles, was man uns erzählt. Für jegliche Leistung, wobei nicht definiert ist, was eine Leistung ausmacht.

Neulich, auf einer social media Plattform, gab es so ein Beispiel. Eine Person veröffentlichte eine Präsentation ihrer Tochter (mit deren Zustimmung, wie sie ausdrücklich betonte) aus dem Englischunterricht, in der sie sich gegen die Diskriminierung von Frauen positionierte. Es gab viel Zustimmung und Anerkennung in den antwortenden Kommentaren, aber ein Kommentar entlockte mir daheim am Küchentisch ein fassungsloses „Echt jetzt?!?“ Da stand ganz schnöde zu lesen „Das hat sie toll gemacht!“

Im Ernst? Diese wirklich beeindruckende Leistung einer Jugendlichen so beiläufig abzutun, schien mir stellvertretend wie ein Schlag ins Gesicht. Da hätte sie doch besser gar nichts schreiben sollen. Andere Beiträge hoben die Präsentation selbst oder die Sprachgewandtheit, den kritischen Blick oder den Mut hervor und fanden dafür etwas mehr Worte und vor allem Anerkennung, die sich qualitativ auf einzelne Merkmale beziehen und keine pauschale Bewertung ausdrücken, wie es bei toll oder super der Fall ist. Ich hätte es gerne als großartig hervorgehoben, dass das Mädchen die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts überhaupt wahrgenommen hat, emotional darauf reagiert hat und affiziert war und auch das wahrgenommen und in Worte gefasst hat. Das allein ist in meinen Augen anerkennnenswert.

Schon als meine Tochter noch klein war und wir uns stundenlang auf Spielplätzen umhertrieben, auch um dem Einzelkind ausreichend Sozialkontakte zu ermöglichen, beobachtete ich bei den anderen Müttern, das sie für jede Kleinigkeit in Begeisterungsstürme ausbrachen und lauthals – teils über den gesamten Spielplatz hinweg – ihr Prima! Toll!! Klasse!!! Super!!!!!!! riefen. Furchtbar. Ich habe schon diese Brüllerei gehasst, aber auch die kritiklose Unreflektiertheit des angeblichen Lobs. Meine Tochter und ich hatten da eine Zeichensprache entwickelt, vielmehr sie ergab sich aus unserer Art der Verbindung und Verständigung, die auch ohne Worte auskam, vor allem aber ohne Lärm. Mir war es aber eher wichtig, dass deutlich wurde, was genau gelobt wird, und das Lob sollte auch angemessen sein und nicht pauschal alles hervorheben, sondern sich nur auf das richten, was wirklich gut war, und das stärken und ermutigen, was noch nicht so gut geklappt hat.

Ein Lob sollte immer berechtigt sein, sich also auf etwas richten, das anerkennend benannte werden kann, und es sollte nicht geheuchelt sein – keine Lobhudelei bitte! Maria Montessori legte Wert darauf, mit einem Lob, das immer ein Fremdurteil ist, nicht zur Abhängigkeit der gelobten Person beizutragen, daher sollte die Sache als Leistung gelobt werden, nicht die Person, die etwas geleistet hat. Die Leistung muss dabei der aktiven Einflussnahme und Wirksamkeit entspringen, nicht einem zugeschriebenen Talent oder einer Begabung, die eine Person nicht verantworten kann. Stattdessen kann die Anerkennung einer Leistung die Sache selbst hervorheben und mit einer Ermutigung und Bestärkung kombiniert werden. Die Psychologie unterscheidet da zwischen einem Fähigkeitslob und einem Anerkennungslob. Ein sogenanntes Meisterungslob („Du hast es geschafft/bewältigt“; Du hast den Dreh jetzt raus“) wirkt sich auf die intrinsische Motivation aus und stärkt das Selbstwertgefühl, während ein Vergleichslob („Das hast du am besten von allen gemacht/besser als alle anderen“) sich eher motivationsmindernd aus, weil das Bessermachen in den Vordergrund rückt.  Übertriebenes Loben führt sogar trotz gut gemeinter Absicht dazu, dass sich Kinder weniger zutrauen, wie eine Studie zeigen konnte, https://www.psychologie.uzh.ch/de/bereiche/dev/lifespan/erleben/berichte/lob.html als Kinder, die gar nicht oder angemessen gelobt wurden.

Richtiges Loben ist nicht immer einfach, und gerade der letztgenannte Aspekt des übertriebenen Lobens zeigt, dass ein Lob auch ernstgemeint und authentisch sein muss. Manchmal ist es da vielleicht auch besser, eine Leistung gar nicht zu kommentieren. Was auch nicht immer ganz einfach ist. Ich erinnere die immer gleichen Bilder meiner damals zweijährigen Tochter, die sie über Wochen im Kindergarten gemalt hatte und auf denen immer dieselbe „Kritzelei“ (in meinen Augen) zu sehen war, die sie mir aber stets sehr stolz präsentiert hat.

Ich war zunehmend ratlos, wie ich darauf zu reagieren und mit diesem Stolz umzugehen hatte, bis mir eines Tages – ungeduldig, wie ich leider bin – die Kragen platzte und ich, sehr authentisch zwar, aber auch sehr unhöflich und abwertend, kommentierte, dass diese Bilder keine Entwicklung und in diesen Kritzeleien eigentlich auch keine Leistung erkennen ließen.

DAS aber brachte die Erzieherin auf den Plan und sie widersprach mir freundlich, aber bestimmt, dass die Zweijährige aber doch ganz gewissenhaft das ganze Blatt ausgefüllt und den Stift auch ganz nah an den Rand geführt habe, ohne darüber hinaus zu malen.

Oh. Das saß. Ich war nicht nur sehr beschämt, sondern sah nun auch, was ich sonst noch hätte hervorheben können: Die reiche Farbauswahl. Unterschiedlich starke Linien. Die Wildheit der Stiftführung in den zack-zack Zick-Zack-Linien, aus der Mut und Entschlossenheit sprach. Oder auch die Zartheit kleinerer Kringel und Schleifen und Bögen, die große Sorgfalt erkennen ließ.

Ich bin nicht ganz sicher, ob ich das täglich über Wochen und Monate hinweg durchgehalten hätte, aber ich hätte bestimmt mehr für das Selbstwertgefühl meiner Tochter tun können, wenn ich ihren Werken mehr Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit geschenkt hätte. Da hatte ich noch etwas gutzumachen.

Meine Tochter übrigens reagierte auf meinen ungeduldig-abfälligen Kommentar ganz souverän und überdies verständnislos über meine Unkenntnis mit den Worten: „Aber Mama, das ist doch eine Buntmaschine!“ Zack. Großartig.

anonym (aus Datenschutzgründen)

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