Tief. Ökologisch. Menschlich.

Nachdem ich das „Große Werk“, das ich im Literaturverwaltungsprogramm als „Irrsinn“ abgespeichert habe, beendet hatte, macht sich in meinem Kopf ein ebenso großes, alles vereinnahmendes Vakuum breit (Dank an M. für diese begriffliche Ausleihe!). Es dehnte sich aus wie das Universum, hier und da eingedellt durch lang gehegte Ideen, die – um Verwirklichung heischend – Raum-Zeit-Netz hin und her sprangen und für gnadenlose Desorientierung sorgten.

Man hat es mir vorausgesagt, ich habe es nicht glauben wollen, aber tatsächlich hockte ich planlos auf der Couch, blöde vor mich hin starrend, und suchte meinen Geist zu sammeln und auf wenigstens EINE dieser Ideen zu fokussierend. In dieser Zeit, die sich nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit zäh wie Kaugummi hinzuziehen scheint, tat ich hier ein wenig, fummelte dort ein bissle und pusselte drumherum noch in marginaler Anzahl und Menge. Rang nach Worten, ringe immer noch und brachte nicht einmal den wöchentlich Journal-Beitrag zustande.

In der Zeit halfen mir die zahlreichen Affirmationen einer freundschaftlichen Bekannten, sich doch auf das Wesentliche, achtsam auf sich selbst und immer mit positivem Blick auf die Dinge zu konzentrieren. Unter diesen Botschaften befand sich ein Zitat der amerikanischen Ökophilosophin Joanna Macy. Ich erinnere dieses konkrete Zitat nicht mehr, war aber umgehend von ihm affiziert, emotional elektrisiert und begann mich mit ihrem Konzept der Tiefenökologie zu beschäftigen.

Sie beschreibt damit zunächst – und nicht erst in jüngster Zeit, sondern schon seit langem – unser Verhältnis zu einer durch und durch kapitalisierten Welt und ihre weitreichenden Folgen:

 

Max Beckmann, Selbstporträt beim Zeichnen (Künstler im Krieg), 1915

Ich glaube, dass die Krise, in der wir uns befinden, im Kern geistiger Natur ist. Es ist wie eine Krankheit, die die Kultur ergriffen hat. Sie führt dazu, dass wir unsere tiefsten Werte völlig in Frage gestellt haben und nicht mehr wissen, woran wir uns orientieren sollen. Man kann auch von einem moralischen Kollaps sprechen, der darauf beruht, dass die Beziehung zwischen uns und den Dingen und Wesenheiten in unserer Mitwelt zusammengebrochen ist. Unsere Gesellschaft krankt an ihrem Anthropozentrismus. Durch ihn verstehen wir uns als Krone der Schöpfung und als Mittelpunkt der Welt. Dabei ist der vielleicht größte Mangel unserer Kultur eine wirklich inspirierende Vision einer gesunden Beziehung zwischen uns und der uns umgebenden Welt.

 

 

Ausgehend davon, dass wir angesichts von Krieg und Krisen, von dem ökologischen Zustand Welt Angst und Schmerz empfinden, lässt sich gerade daraus Stärke und Handlungsfähigkeit gewinnen:

Wir glauben, so zerbrechlich und klein zu sein, dass es uns in Stücke reißt, wenn wir es uns erlauben, unsere Gefühle über den Zustand der Welt anzuschauen. Wir fürchten eine tiefe Depression oder Lähmung. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir es aussprechen, merken wir, dass wir nicht isoliert sind, sondern das dieser Schmerz weit hinausgeht über das kleine Ego und Konsequenzen hat, die jenseits unserer individuellen Bedürfnisse und Wünsche liegen. Wir erfahren dann nämlich eine Art größerer Identität. Wenn wir den Schmerz, den wir für die Welt fühlen unterdrücken, dann isoliert uns das. Wenn wir ihn akzeptieren, anerkennen und darüber sprechen, dann wird er zum lebendigen Beweis unserer Verbundenheit mit allem Lebendigen. Und er befreit unsere Hilfsbereitschaft.

Max Beckmann, Marode Soldaten, 1914

Verbunden durch die Gedanken der Tiefenökologie, die mit einem praktischen Buddhismus zusammengedacht wird, hat sich ein starkes Netzwerk gebildet, auch durch Lebensgemeinschaften in sogenannten Ökodörfern, das nach diesem Konzept lebt und es sich wohl auch zur Aufgabe macht hat, es weiterzuverbreiten.

Was wir also brauchen, ist ein Quantensprung in unserer Fähigkeit, miteinander in Beziehung zu treten, zu teilen und zu reagieren. In dem verstärkten Aufbau kooperativer Arbeits- und Lebensstrukturen – die wir dringend brauchen – geht es darum, großzügig mit den eigenen Fähigkeiten und Stärken zu kultivieren und sie mit anderen zu teilen.

 

Ich fürchte ja, diese Community könnte das sein, was man – vorschnell vielleicht – als esoterisch abtun könnte, aber neugierig bin ich doch geworden und habe mich zu einem Online-Treffen im März sowie zu einem ganzen Einführungstag im September angemeldet – in Präsenz! Gefährlich für Esoterik-Fürchterinnen wie mich….

Und trotzdem: Letztlich sind es diese Gedanken, die auch mich schon seit längerem umtreiben, ohne dass ich sie so hätte einordnen, ein Konzept für sie entwickeln oder auch nur benennen können. Aber sie drücken sich in allem aus, was mir wichtig ist und was ich in den vergangenen Jahren als meine „Mission“ entdeckt habe, und sie finden ihren Ausdruck auch in meiner Fotografie, vor allem in den Bildern, die ich unter dem Bild des Fragilen zusammenfasse.

Sie finden sich in meiner Art, Kunst zu betrachten, wahrzunehmen, zu schauen. In meiner Hinwendung zum (Selbst-)Reflektieren und meinem Bemühen darum, es anderen Menschen nahezubringen, es ihnen sogar – im Rahmen meiner Möglichkeiten – abzuverlangen. Und natürlich sind es diese Gedanken, vor allem aber Gefühle, die mich dazu motivieren, immer stärker auf mein Konsumverhalten zu achten (da höre ich die Eine oder Andere laut schon auflachen), mich ökoverträglich zu verhalten und zunehmend politischer zu werden (ich vernehme das Seufzen der Einen oder Anderen angesichts der zahlreichen Petitionsaufrufe im Whatsapp-Status).

Mitbringsel zur Ausstellung SOLASTALGIE im MGGU s.u.)

Denn es ist wahr: Ich leide angesichts der zunehmenden Zerstörung der Um- und Mitwelt, der Ökosysteme, der Artenvielfalt; ich kranke an der Ignoranz von Politiker*innen, Regierungen und Staaten, die gerade zur Stärkung der Wirtschaft und ihrer eigenen (zunehmend autoritären) Machtposition einen klima- und umweltpolitischen Rückwärtsgang einlegen. Nicht dass sie jemals aufs Gaspedal gedrückt hätten! Aber – so formuliert es Joanna Macy:

In der Anerkennung der Tatsache, dass du mit deiner Welt leiden kannst, liegen wichtige Informationen darüber, wer du wirklich bist. Wenn man sich mit diesem Schmerz befreundet, wenn man ihn als ein Indiz für die innere Verbundenheit allen Lebens ehrt, werden deine Hände, deine Augen, dein Herz, dein Verstehen aus ihrer Starre und Verschlossenheit befreit und deine Motivation wird gestärkt.

 

Vielleicht ist auch dies ein Grund und Movens dafür, mich jahrelang mit dem Thema Authentizität beschäftigt zu haben und es weiterhin zu tun; möglicherweise liegt in meinen Gefühlen von Angst und Schmerz, Trauer und auch Wut der Grund für den Versuch Verbindung, Verbundenheit und die großen, universellen menschlichen Gefühle in meinen Bildern – dilettantisch zwar, aber doch zunehmend selbstsicher – einzufangen und in der bildenden Kunst, auch in Film und Literatur zu suchen und zu sehen. Und tatsächlich stärkt und festigt diese reflexive Auseinandersetzung meine Haltung, intensiviert den Wunsch nach Veröffentlichung von Bildern und Reflexionsmaterialien (alles bislang erfolglos, allerdings auch noch weitgehend Zukunftsmusik) und motiviert mich dazu, mich auch lokal politisch zu engagieren (auch noch Zukunftsmusik – noch orientiere ich mich ja, wenn auch das heutzutage absolut notwendige Vision-Board bereits erstellt ist 😉).

Noch einmal Joanna Macy (sorry):

Indem ich erlebe, dass ich nicht zerbreche, wenn ich Verbundenheit und damit auch starke Gefühle zulasse und nicht verdränge, entstehen in mir Stärke und Mut

Um in Verbindung gehen und Resonanz spüren zu können, ist die souveräne „Beherrschung“ – eigentlich das Gegenteil von Beherrschung, nämlich Sein und Zulassenkönnen – der „kostbarsten Ressource in unseren Köpfen notwendig: Ich rede vom „Geschenk der Aufmerksamkeit“ (nachzulesen in ZEIT Wissen No. 5 von Sept./Okt. 2025, 22):

Aufmerksamkeit ist die Grundlage dessen, was uns zu Menschen macht: unserer Fähigkeiten zu Liebe, Respekt, Nähe und Fürsorge. Ohne Aufmerksamkeit gibt es keine echten Begegnungen. Ohne Aufmerksamkeit gibt es keine Menschlichkeit.

Allerdings ist es in einer so schnelllebigen, lauten, von Social Media und KI bestimmten Welt nicht gerade einfach, souverän aufmerksam zu sein. Dennoch oder gerade deshalb boomt seit längerem schon die Achtsamkeitsindustrie. Achtsam essen, trinken und Rosinen kauen, achtsam gehen, achtsam Pausen gestalten, achtsam gegen Stress vorgehen und präventiv neue Belastungen vermeiden, achtsam Podcasts hören – besonders nachts, wenn man mal wieder nicht einschlafen kann, da hört man dann extra-Einschlaf-Podcasts – irre….

 

 

Die Perfidie der Aufmerksamkeitsökonomie besteht darin, dass sie uns an dieser Wurzel des Daseins packt und diese Wurzel dann zu einer Ware degradiert. Die beste Schutzmaßnahme für unsere Aufmerksamkeit ist es, sie von einer Ware wieder zu einem Geschenk zu machen.

Und deswegen liebe ich es zu schauen – aus dem Fenster, in den Himmel, auf eine gekräuselte Wasseroberfläche, in das Blätterschwirren eines windbewegten Baumes. Ich liebe es, irgendwelche Tiere zu beobachten, z.B. – sehr kontemplativ – Kühe beim Grasen, oder Vögel am und im Futterhaus. Oder eben Kunst zu betrachten, in Museen mit ihren (hoffentlich) stillen, sich nur scheinbar passiv darbietenden Räumen aufzuatmen und in ein Bild und damit in meine Gefühls- und Gedankenwelt einzutauchen.

Von der Tiefenökologie über starke Gefühle zur höchst fokussierten Daseinsweise einer Aufmerksamkeitshaltung – da ist es doch nicht weit hergeholt, auch über soziale und gesellschaftliche Verbindungen nachzudenken, denn nicht nur Umwelt und Klima sind bedroht und in Zerstörung begriffen, auch die gesellschaftliche Welt und die Demokratie als Garantin von Freiheit und Pluralität ist es.

Puuuh….. Okay – bisschen viel auf einmal? Finde ich auch. Ich setze hier mal einen Punkt. Und mache nächste Woche weiter.

Ich möchte ein wenig karnevalistisch schließen:

Dass zu viel Verbindung auch nicht gut ist, zeigt die alle Jahre wiederkehrende Kondom-Kampagne. Das Gesundheitsamt auch unserer schönen Landeshauptstadt mischt sich stark regulierend ein und lässt über Taxifahrende an den dollen Tagen 5.000 Kondome an allzu verbindungswillige Karnevalist*innen verteilen. Denn für die Folgen und Nebenwirkungen will sich auch hier niemand verantwortlich zeigen. Das wusste auch schon Marc Aurel (um 176 v.u.Z.):

Menschen, die nur essen, schlafen und sich begatten, ausleeren und (..) mit Scheltworten um sich werfen? (…) Was wird aus ihnen nach einer kleinen Weile werden? (…) Lästern werden sie mit harten Worten die Tugend.

Allaf und helau!

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert