Wer hätte es nicht schon getan: An Silvester oder Neujahr einen Vorsatz fassen, der das kommende Jahr bestimmen wird. Ein neues Ziel wird gesetzt und will erreicht werden. Das alte Jahr scheidet mit dem Erreichen eines früheren oder aber mit einem Fehlschlagen desselben Ziels. Es ist gescheitert: Das Ziel, der Weg dorthin, somit das Jahr und letztlich auch der Vorsatz und die Person, die ihn gefasst hat. Wer kenntet es nicht?
Viele Menschen lassen es deshalb einfach mit den Vorsätzen, nehmen sich nichts mehr vor, gehen einem möglichen Scheitern aus dem Weg, winken müde ab: „Ach ja, das kenne ich schon…“, „Ich kenne mich, wird eh nix draus!“ oder „Hat eh keinen Zweck, ich hab so meine Gewohnheiten…“
Studien zeigen, dass es sechs bis acht Wochen benötigt, um sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden, neue zu erlernen oder alte durch neue zu ersetzen. Und Ziele lassen sich – auch das ist Gemeingut – besser erreichen, wenn sie SMART sind: Spezifisch, Messbar, Attraktiv, Realistisch und Terminiert. In kleine Portionen aufgeteilt geht es Schritt für Schritt dem Ziel entgegen, die Kunst der kleinen Schritte, hat es Antoine de Saint-Exupéry genannt und ein Gebet dazu erdacht. Wie Sie die Kraft ansprechen, wenn Sie nicht religiös sind (ich bin es auch nicht, genieße aber geistliche oder spirituelle Worte ebenso wie Musik), bleibt dabei ganz Ihnen überlassen.
Ich bitte nicht um große Wunder und Visionen, Herr,
sondern um Kraft für den Alltag.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.
Gib, dass ich lerne, meine Zeit richtig einzuteilen.
Schenke mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden,
was erstrangig und was zweitrangig ist.
Lass mich nicht durch das Leben rutschen,
sondern lass mich auf Lichtblicke und Höhepunkte achten.
Lass mich erkennen, dass Träume nicht weiterhelfen,
weder Träume über die Vergangenheit, noch über die Zukunft.
Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun,
und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.
Bewahre mich vor dem naiven Glauben,
es müsse im Leben alles glattgehen.
Schenke mir die nüchterne Erkenntnis,
dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge und Rückschläge
eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind,
durch die wir wachsen und reifen.
Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt.
Schicke mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat,
mir die Wahrheit zu sagen.
Herr, ich möchte dich und die anderen immer aussprechen lassen.
Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt.
Ich weiß, dass sich manche Probleme dadurch lösen,
dass man nichts tut.
Gib, dass ich warten kann.
Du weißt, Herr, wie wichtig Freundschaften für uns sind.
Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin.
Verleihe mir die nötige Fantasie,
im rechten Augenblick an der richtigen Stelle ein Päckchen Güte abzugeben.
Dies kann mit oder ohne Worte geschehen.
Mach aus mir einen Menschen,
der einem Schiff mit Tiefgang gleicht,
um auch die zu erreichen, die „unten“ sind.
Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht alles, was ich mir wünsche,
sondern gib mir das, was ich wirklich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Amen.
Ich finde, das sind alles wichtige Werte, nach denen zu streben es sich jederzeit lohnt, Scheitern und Rückschläge inbegriffen.
Hannah Arendt widmete der Natalität als „Gebürtlichkeit“ des Menschen weite Teile ihrer Philosophie, da diese als ein Anfangen-Können die spezifische Freiheit des Menschen begründet. Das Anfangen-können bildet dabei die Grundstruktur des Daseins, aus der sich die Notwendigkeit der Verantwortungsübernahme sowohl zur Gestaltung der eigenen Existenz als auch der mit anderen gemeinsam geteilten Welt begründen lässt.
Auf Silvester und das Ding mit den Vorsätzen übertragen ließe sich sagen, es ist beinahe eine moralische Pflicht, für sich, für andere und für ein gutes Leben insgesamt zu sorgen. In diesem Sinne – Prosit Neujahr!

