Sehnsuchtsort Wald – Erinnerungen an den „Dornröschen-Weg“

Der Wald roch nach warmer Erde, Tannennadeln und trockenem Laub, raschelnd im Sommerwind. Er roch nach Fülle, nach verlässlichen Versprechen. Im Herbst würde er sein Blätterkleid abstreifen und seine wahre Baumform enthüllen im Winter, bis im Frühjahr die schlummernden Knospen zu schimmern beginnen, aus den Knospen die jungen zarten Blätter sprießen. Ja, dachte ich, das hier ist ein Wald, in dem man das Leben spürt. Fühlt, was Leben ausmacht. Den Ursprung des Lebens, bevor der Mensch seine anlegte, nutzen und gestalten wollte, was er vorfand. Glaubte es verbessern zu müssen.

Ulla Hahn, Tage in Vitopia. 2022, 45

Ich kann es so gut nachempfinden. Nach-Riechen, Nach-Hören. Ich erinnere viele Waldspaziergänge, in denen mir der Wald, obzwar längst durch Menschenhand gestaltet und genutzt, vorkam wie ein geheimnisvoller, mystischer Ort fern des Alltags. Nicht so urwüchsig, wie der von Ulla Hahn beschriebene Hambacher Forst (noch) ist, aber dennoch verwunschen, voll etwas unheimlicher Geräusche, wenn sich Baumstämme im Wind aneinander reiben, aber auch voll mit Vogelgezwitscher und Nachtigallengesang, Kuckucksrufen und  dem hohen Geschrei der Greifvögel. Und manchmal ein Käuzchen oder eine Eule.

Die ersten Waldspaziergänge machte ich als Kleinkind mit Eltern und Großeltern. Der mittelfränkische Wald erschien mir damals schon ganz anders als der gewohnte westfälische. Höher, größer, duftenden und vor allem: gewundener. Nach oben und unten nämlich, es ging bergauf und bergab. Und es flossen Bächlein hindurch, echte, aber auch nach der Schneeschmelze, da floss und rann der Nicht-mehr-Schnee schlangenartig bergab, rechts und links des Wegs, aber auch mitten hindurch und hinterließ dort tiefe Rinnen, dich sich mal hierhin, mal dorthin wunden, sodass man ständig die Seite wechseln und dazu über die Rinnsale hüpfen musste.

Dieser Wald war aber auch aufgeräumter als der daheim. Es lagen kaum Äste, Zweige oder Zapfen auf den Wegen. Die Wege waren mit kleinen Steinchen ausgelegt, sodass man fast wie auf einer Straße laufen konnte, ganz ohne Stolperfallen. In „unserem“ Wald zuhause gab es Sandwege, dunkler Sand, halt Waldwege, so wie man sie im Wald erwartet. Darauf unzählige Spuren der umstehenden Bäume, Zweige, Laub und Nadeln, Zapfen und Samen und überall schaute Wurzelwerk aus dem Boden. Im Frühjahr und Sommer konnte man auch aufgebrochene Vogeleier finden.

Manche Wege führten durch dunklen Nadelwald, das war etwas unheimlicher, auch im Sommer, als der lichtere Laubwald, der durch verschiedene Grünschattierungen vor allem im Sonnenlicht verzauberte und im Herbst beruhigend rot-gelb-braun leuchtete. Mitten im Wald lag eine Lichtung, die diese Bezeichnung umso rechtmäßiger trug, wenn man aus dem dunklen Nadelwald trat und eine Wiese in der Sonne warm-atmend und voll mit Insekten, die um die Blumen und Blüten herum oder hoch über ihnen tanzten. Libellen und Schmetterlinge zuhauf. Am Rande der Lichtung lagen einige gefällte oder umgestürzte Baumstämme, auf denen wir oft ein Mini-Picknick hielten, Kekse oder Apfelstücke aßen.

Wir mussten mit dem Auto zu diesem Wäldchen fahren und dann von der Straße aus loswandern. Ein Eingang in den Wald hatte es mir besonders angetan, der „Dornröschen-Weg“. In gebückter Haltung schlängelten wir uns durch eine Art Heckenweg, Bäume säumten ihn rechts und links, sie waren so hoch, dass sie sich hoch oben berührten und so den Weg verdunkelten, so jedenfalls kam es mir vor.

Dieser Dornröschenweg schaffte eine Barriere, einen transitartigen Übergang in die Welt des Waldes, die mir dadurch umso abgeschlossener und alltagsferner erschien. Dieser Weg zwischen den Welten verwandelte auch mich ein wenig und machte mich zu einem Teil des Waldes, ich fühlte mich dazugehörend, nicht wie eine Besucherin, ein Eindringling. Es ist eine ganz eigene Welt, die den Menschen nicht braucht. Ich fühlte mich dadurch umfangen, beschützt und behütet. Stille und Ruhe vom Alltagstrubel.

Peter Wohlleben schrieb über das geheime Leben der Bäume und erzählt darin faszinierende Geschichten über ein nur scheinbar vertrautes Lebewesen, das aber mit uns völlig unbekannten beeindruckenden Fähigkeiten mit seinesgleichen kommunizieren und fürsorglich sein kann, das Empfindungen, Gefühle, gar ein Gedächtnis hat.

Denk doch nur, wie es dort in der Erde aussehen muss, dieses Miteinander. Umeinander. Dieses unsichtbare Umarmen. Umschlingen. Kann keines ohne das andere sein. Und dann diese lebendige Stille. Der Stille zuhören. Wie klingt der Wald? Am Morgen, am Mittag, des Nachts? Im Spiel mit dem Wind. Der Brise, dem Sturm…

Ulla Hahn, Tage in Vitopia. 2022, 63

 

Ich liebe es heute noch im Wald zu sein. Kein inszeniertes, konstruiertes, aufgesetztes „Waldbaden“, aus dem sich Profit schlagen lässt oder für das ich viel Geld bezahle. Sondern ganz still, innerlich ruhig, sehend, schauend, hörend, fühlend. Auch hier, an meinem neuen Wohnort, habe ich schon einen Dornröschenweg gefunden, der mich in diese ganz eigene und doch ganz meine Welt leitet.

 

 

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