Hora vesperarum post meridiem consolationem in decore quaero.
Das hat mir die freundliche KI übersetzt; leider bin ich des Lateinischen nicht mächtig, finde aber, es klingt sehr erhaben, stolz und prächtig. Eine Geheimsprache sei es, sagt mal eine Kinderfreundin meiner Tochter.
Und was steht da nun geschrieben? Für alle, die mit mir unter der Lateinlosigkeit des eigenen Sprachschatzes leiden:
Zur Stunde der Vesper am Nachmittag suche ich Trost in der Schönheit.
Nicht besonders originell, ich weiß. Aber die ganze Woche schon beschäftige ich mich mit Trost und mit Schönheit, und zwar in der logischen Verbindung eines Besitzes: „Der Trost der Schönheit“. Es sei eine Suche, untertitelt Gabriele von Arnim ihr Buch. Ich kenne das, die Suche nach Trost und die nach Schönheit und tatsächlich auch die Suche nach dem Trost der Schönheit, nur wusste ich das bis zum Lesen des Buches nicht. Nun aber folge ich Frau Arnim bei ihrer Suche auf Schritt und Tritt, von Zeile zu Zeile und rufe in einem fort, ja! das kenne ich! So geht es mir auch!
Nicht, dass ich trostlos wäre. Aber untröstlich schon. Meistens angesichts des Unbills und der Widrigkeiten in einer an Besitz und Geld, Gewinn und Macht interessierten egoistischen Welt, patriarchalisch noch dazu. Um zu Gelassenheit und Heiterkeit zurückzufinden, Ruhe und Stille Einkehr halten zu lassen in die Aufgestörtheit meiner Gedanken über den weltlichen Irrsinn, suche ich Schönheit und finde darin Trost. Lasse mich berühren, wärmen, kann atmen und wieder fühlen, nehme wahr und werde sensibel.
Schönheit kommt in vielen Hüllen und Facetten daher. In der Seele, in Gemälden, Geigenklängen und Amselgesängen, in Architektur und Körpern, in Skulpturen, in der Liebe und in Freundschaften, ich kunstvoll gedrehten Schneckengehäusen, in Worten und Sätzen, in Empfindungen, Gedanken und Gedichten, in der Zucchiniblüte, im Wohnen, in Wildblumenwiesen oder im kupferfarbenen Abendglühen.
Man gehe nur mit offenen Augen durch die Welt und schaue und beobachte. Man kann sich entscheiden zu beobachten und auch, was man beobachtet. Manchmal reicht ein intuitiv offenes Wahrnehmen und Schauen, manchmal braucht es eine Absicht und ein Ziel. Es sind unterschiedliche Modi. Mal ist es der Moment, der Kairos, der dich findet; mal brauchst du Aufmerksamkeit, die du auf die Dinge richtest. Aber immer muss dein Inneres, deine innere Empfindsamkeit beteiligt sein, um Schönheit wirklich wahrzunehmen. Um zu fühlen. Um dich zu fühlen.
Betrachten heißt sich öffnen:
Schönheit sehen scheint so geläufig, so selbstverständlich, dass wir meist gar nicht bemerken, wenn wir oberflächlich schauen, ohne innerlich zu sehen. Denn wenn ich Schönheit nicht hineinwandern lasse in mich, dann registriert das Auge nur und weidet sich nicht, dann ist Schlnheit keine AugenWeide, und der Trost steht abgesprengt am Zaun. (…) Und auf einmal atmet man in einem solchen Moment tief und wie befreit und stellt überrascht fest: Da bin ich ja.
Ich könnte das ganze Buch hier abschreiben….. Auch das ist nämlich schön, und ich finde Trost in der Ästhetik der Worte und der Sprache, in den Gedanken, die in ihr festgehalten sind und zum Ausdruck kommen, sich in mir eindrücken und mich empfindsam machen für den Trost der Schönheit.
Du kennst das: Gehst raus in die Natur, in den Wald, an den Fluss, durch die Wiesen und Felder. Am Strand entlang oder die Berge hinauf. Jede*r hat so ihre Vorlieben. Du gehst raus und findest es schön. Atmest auf. Lässt den Blick schweifen. Es tut dir gut.
Was tut dir gut, was findest du? Was brauchst du, um dich wohlzufühlen, ganz bei dir zu sein? Zur Ruhe zu kommen….
Meine Ruhe finde ich in Schönheit, die mir Trost gibt, und ich finde Schönheit in allen diesen Dingen, die leben und vom Leben zeugen und Leben ermöglichen. Meinen Trost finde ich im Lebendigen, das an sich schön ist, aber nicht davon weiß. Das eins ist mit Welt und Raum und Zeit. Das lebt und überlebt und auch dafür kämpft, aber nicht hasst. Nicht weiß um die Endlichkeit und Vergänglichkeit. Das einfach ist.
Wir nennen unser Leben auch Dasein. Leben heißt, da zu sein. Sich wahrzunehmen in der Welt.
Aber nicht im Getrenntsein, im Unterschied, Differenz, im Gegensatz. Sondern in der Zugehörigkeit, der Teilhabe.
Ich bewundere die Tapferkeit kleinster Lebewesen, der Welt und ihrer Gefahren zu trotzen und dabei gerade nicht zu trotzen, nicht tapfer zu sein, sondern einfach nur zu sein. Ich erfreue mich aber auch an der Freude der Meise über die Erdnusshälften, die sie in lustvollen, triumphierenden Schwüngen davonfliegend stibitzt. An der Freude der Amsel über die Rosinen und ihrem Stolz über ihren Mut, sie mir von der Hand genommen zu haben. Sogar die Füße hat sie draufgesetzt – Mann, toll! Freimal bringt sie Mut und zunehmend Vertrauen auf, bis sie beschließt, es sei genug, mehr schafft sie nicht. Die restlichen Früchte erhält sie in der für sie bereitgestellten Schale, zum Glück, ich höre sie aufatmen und den Stein von ihrem Herzen fallen! (Immer wieder diese Amsel, denkst du, hat Simone denn nichts anderes zu tun? Doch, natürlich, aber wenig macht mir so viel Freude.)
Trost in der Schönheit der Kunst, natürlich! Kunst spricht, spricht mich an, wirkt, dass es in mir zu sprechen beginnt. Und dann entsteht Stille, ein Moment des Innehaltens, etwas rührt mich an „und keine Qual rühret sie an“ (Brahms Requiem), sondern nur Trost. Farben und Formen sprechen die Sinne an, erzeugen den Eindruck einer Haptik (Bloß „Nicht berühren!“), und es ist ihnen egal, was der Künstler damit zum Ausdruck bringen wollte. Mir ist es meist auch egal. Aber genau hinschauen möchte ich schon, erst schauen und wahrnehmen, dann betrachten und fragen und danach wissen wollen. Ab dem Betrachten stiehlt sich der Trost schon wieder auf leisen Sohlen davon. Dann erwacht die Erkenntnis. Auch gut.
Die KI spricht auch:
Das Wort „Trost“ hat seinen Ursprung im Althochdeutschen und steht in etymologischer Verbindung zum indogermanischen Wortstamm „treu“. Dieser Stamm bedeutet Festigkeit, seelischen Halt, Zuversicht und Ermutigung im Leid. In der griechischen Sprache bedeutet das Wort für „Trost“ (parēgoriá) Zuspruch, Ermahnung und Ermutigung.
Stimmt: Ein Stamm bedeutet Festigkeit, Halt, Ermutigung. Bäume, Bäume von unten, eine meiner Leidenschaften. Viele Menschen gehen in den Wald und umarmen Bäume, Peter Wohlleben (nomen est omen) enträtselt das geheime Leben der Bäume und ihre Sprache, Waldbaden liegt auch im Trend. Ich gehe einfach nur spazieren. Tue aber vermutlich genau das: Baden im Wald, in den Gerüchen, der feuchten Luft, dem Rascheln des Laubs und dem leisen Knarzen der Stämme, die sich im Wind aneinanderreiben. Gehen auf weichem Boden oder stolpern über Wurzeln. Vögel singen – immer seltener leider.
Trost spüren kannst du auch, wenn du ihn spendest. Wem spendest du Trost? Wann?
Mich rührt und reut es, wenn meine animistische Seele Verlassenes und Verlorenes findet. Ich bin sehr empathisch, hypersensitiv und spüre auch da, wo bloße Materie ist, die selbst nichts spürt, aber ich überspringe dieses Wissen und frage, von wem dieses Etwas verlassen oder verloren wurde. Ich spüre stellvertretend erst den Verlust und dann den Trost, der sich wie ein alter Geruch in der Materie verfangen hat und sie als leiser Hauch umweht. Manches wartet noch.
Die Fülle der Schönheit lässt uns nicht nur das unentrinnbar Vergängliche spüren, wir erkennen auch traurig, was uns so häufig fehlt in der Welt, in der wir leben: Phantasie, Lust, Düfte, Farben, Glut, Zärtlichkeit, Aufbruch. Eine Anstiftung unserer Sinne.
Natur, Sprache, Kunst, Dinge …. da darf die Musik nicht fehlen. Im Hintergrund läuft wie immer um diese Zeit die Vesper auf WRD 3. Vorhin ein Brandenburgisches Konzert. Bach. Der Größte, wie nicht nur ich finde. In der Musik, auch in seiner lässt Trost sich finden, Schönheit ganz unbedingt. Und auch hier eicht es zu lauschen, innerlich still zu werden. Lauchen, hören, in sich hineinhören.
Ich erinnere eine Situation: Die Bamberger Symphoniker spielten Dvořáks „Neue Welt“ unter Jakob Hrůša, es gab irgendwo einen Einsatz der Streicher – und mein Begleiter und versanken synchron in einer überwältigenden Gefühlswallung und rutschten darauf tief in den Sitz hinein wie auf einer glänzenden Spur Zartbitterschokolade. Zum Verrücktwerden schön.
Die Japaner lieben und leben (angeblich) Wabi Sabi: Schlichtheit, Bescheidenheit, Natürlichkeit und Einsamkeit. Altern, die Vergänglichkeit, das Unperfekte unter der Patina des Lebens. Neulich schickte mir eine Freundin ein Video, das zeigt, wie eine Teeschale mit Sprüngen und Rissen angefertigt wird. Es dauert Tage und erfordert einen enormen Aufwand. Nur um eine kaputte und wieder zusammengefügte Teeschale zu haben. Aber was für eine Liebe zum Detail und letztlich doch zur Perfektion des Unperfekten wird da hinein gesteckt! Ich sollte darüber meditieren (und vermutlich einschlafen), aber ich war schon sehr fasziniert.
Aber Wabi Sabi liebe ich auch, das Vergängliche, Vergehende, Verlebte, Abgenutzte und Abgeliebte.
Jede*r sucht Trost auf ganz eigene Fragen und Schmerzen. Findet Schönheit in ganz eigenen kleinen oder großen Dingen. Dafür gibt es keinen Maßstab. Zum Glück. Ich finde Trost in Schönheit. Und Schönheit in ganz unterschiedlichen Dingen, die für andere oft wunderlich sind.
Schönheit als Trost. Mehr denn je brauchen wir die Schönheit, um unsere angegriffene, eingerissene Schutzschicht zu stärken. (…) Das Gift von Krieg und Tod nicht in jede Freude träufeln, mich trösten lassen, um auch andere trösten zu können. Um im großen energetischen Feld die Balance zwischen zerstörerischer und heilender Kraft zu halten, welt- und lebensbejahende Gedanken ins Universum zu atmen.

