„Musik hilft!“ sagt der WDR 3 und fordert seit Wochen Hörer*innen und Musiker*innen auf, ihre Heilungsgeschichten und Musikgeschichtchen einzureichen, die dann ins laufende Programm eingestreut wurden und heute in einem Abschlusskonzert ihren Höhepunkt finden.
Das kennt vermutlich jede und jeder: Es gibt bestimmte Musikstücke, die mit einer bestimmten Situation, Person, Lebensphase oder inneren Empfindung verbunden sind und diese bzw. die Erinnerung daran beim Wiederhören erneut wachrufen. Davon erzählten denn auch die ungezählten Geschichten der Menschen, die sich an dieser Aktion beteiligten. Zu den Themen gehörte die erste Liebe, der erste Liebeskummer, Krankheit, Abschied, Verlust, Gänsehautgefühle und tausenderlei Erinnerungen an ganz unterschiedliche, aber immer einschneidende und bewegende Ereignisse im Lebensverlauf.
Eine der weniger subjektiven, nur einen einzelnen Menschen betreffenden Geschichten hörte ich gerade eben (ich habe natürlich nicht wochenlang ununterbrochen am Radio gehockt) und wusste sofort, dass ich das zum Aufhänger des heutigen Beitrags machen möchte, wenngleich ich gar nicht so viel zu sagen habe. Eigentlich treiben mich derzeit nur lauter Gedankenfetzen um, was vielleicht auch daran liegen mag, dass ich seit Wochen mit nichts anderem als meiner Ernährung und Verdauung beschäftigt bin. Legt sich irgendwie aufs Hirn, dass ein wenig blutleer geworden zu sein scheint.
Also zunächst zu der Geschichte und danach zu den daran hängenden, baumelnden Gedankenfetzen.
Es gab vor ca. zwei Jahren eine Initiative, die von einer Gruppe aus Künstler*innen und anderweitig kreativen Menschen gegründet wurde: ARTHELPS. Darunter ist nicht nur Musik, sondern jede Art von Kunst und Kreativität zu verstehen. Ziel ist es, eine „kraftvolle Botschaft des Widerstands und der Hoffnung“ in die Welt zu bringen und insbesondere sogenannten Bedürftigen Unterstützung und eine „zweite Hilfe“zu geben. Eines der Projekte ist die Kampagne RESISTRUMENTS:
Instrumente aus Kriegswaffen
Eine Violine aus einem Raketensprengkopf, ein Cello aus Teilen einer Trägerrakete, eine Gitarre, deren Korpus ein Benzin-Kanister ist, mit dem einst russische Panzer betankt wurden.In den Medien ist es ruhig um den Ukraine-Krieg geworden. Unsere Idee war es, diese Stille zu durchbrechen und erneut die Aufmerksamkeit auf die anhaltende Not vor Ort zu lenken – und das mit einer beeindruckenden Initiative: Wir nutzen Instrumente, die einst Kriegswaffen waren, um nicht nur Musik zu schaffen, sondern auch eine kraftvolle Botschaft des Widerstands und der Hoffnung zu senden.
Ich erinnere mich an die Zeit der großen Fluchtbewegungen aus der Ukraine, in der in den Medien wochenlang endlose Autoschlangen und Massen von Menschen an Bahnhöfen zu sehen waren. Und häufig stand mittendrin ein Flügel, an dem zum Beispiel der als „Piano Man“ bekannt gewordene Davide Martello saß und spielte.
Daniel Schreiber, von dem ich noch viel zu wenig gelesen habe, ruft mit seinem Buch Liebe! zu einer „Politik der Versöhnung“, gar zu einer Politik der Liebe auf. Liegt auf meinem Stapel. Also das Buch.
Am gleichen Tag habe ich das Buch Die Stunde der Raubtiere gekauft; Giuliano da Empoli untersucht die autokratische Macht, von der wir seit einigen Jahren (oder sind es schon Jahrzehnte?) nur allzuviel ertragen mussten – sichtbar, greifbar und bedrohlich. Der Untertitel: Macht und Gewalt der neuen Fürsten – in Anspielung auf den Fürsten von Machiavelli. Zu diesen Fürsten – gemessen am Goldzuwachs kann man das fast wörtlich nehmen – gehört natürlich auch der gelb-orangefarbene Mann in den USA, dem vorgestern Katrin Eigendorf für seinen „Deal“ im Nahen Osten Anerkennung zollte. Ich bin skeptisch, ob diese als Deal und Business missverstandene Pseudopolitik Anerkennung verdient. Aber das Fürsten-Buch soll angeblich klarmachen, dass auch Krieg aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus geführt wird. Dass er schmutziges Geschäft ist, wusste ich schon. Liegt mithin auch auf meinem Stapel – das Buch.
Katrin Eigendorf: Sie „warb“ auf LinkedIn (oder war es Instagram? Egal.) für das Buch von Eli Sharavi – 491 Tage – und ihren gemeinsamen Auftritt bei Markus Lanz. Hab ich mir dann angeschaut. Und war (und bin) im Zwiespalt. Da sitze ich im Warmen und Trockenen auf meiner ach so bequemen Coach und höre jemandem zu, der über seine Gefangenschaft bei der Hamas, über Misshandlung, Hunger, Schmerz, Angst und Trauer spricht. Das müsse die Welt erfahren, hieß es, es sei wichtig, um zu verstehen, was Menschen Menschen antun können. Als ob wir das nicht längst wüssten. Aber verstehen wir es wirklich? KÖNNEN wir es verstehen, nur weil es einer erzählt und schreibt? Müssen wir es verstehen oder reichte es nicht, wenn wir erkennen würden, dass es falsch, unrecht, unmoralisch und verwerflich ist? Ist nicht vielmehr eine gewisse Sensationslust, Lust am Leid der anderen und Befriedigung über die eigene privilegierte Situation mit im Spiel, die sich hinter einer heuchlerischen Betroffenheitsprosa verbirgt? Ich bin unsicher. Habe den Mann bewundert, wie er da saß und anscheinend (scheinbar?) kühlen Blutes, unbewegt, unberührt von seinen Qualen berichtet. Sich als pragmatisch dem Leben zugewandt beschreibt. Als hoffnungsvoll, trotz allem. Als jemanden, der auch den palästinensischen Menschen und denen der Hamas mit Mitgefühl begegnet und auf Vergebung gepolt ist. Glaube ich es? Bin ich anmaßend, wenn ich es infrage stelle? Was weiß ich über Liebe und Hoffnung und Glaube. Was ist die größte unter ihnen? Ich fühle mich trotzdem voyeuristisch. Ein Wort, das mir W. geliehen hat, als ich keine fand.
W. war es dann auch, die mir verriet, dass es für das eigene Seelenheil sowie das Wohlergehen aller Seelen dieser Welt am besten sei, wenn man Liebe, Wohlwollen, Nachsicht und Sanftmut ausstrahlen würde. Das sei ein Aussenden von Liebe und Glück in die ganze Welt, das ganze Universum. Sagen Deepak Chopra und alle Weisheitslehren auch immer. Hat Daniel Schreiber von ihnen gelernt? Kann ich von all diesen weisen Seelen auch etwas lernen? Ist ja nicht so, als würde ich mich nicht seit Jahren darum bemühen, mich ETWAS weniger zu ärgern, ETWAS weniger über Dummheit und Ignoranz aufregen, ETWAS weniger gereizt auf Egoismus reagieren und ETWAS weniger Punkte auf meine persönliche Hassliste schreiben.
Hab ich bislang noch nicht sooooo gut geschafft.
Wird vielleicht mal Zeit.
Vielleicht sollten wir üben, Mensch unter Menschen zu sein.

