Mensch, Holz und Zeit

Seit Jahren schon bin ich leidenschaftliche Leserin des ‚Anderen Advent‘, ein Adventskalender des Vereins ‚Andere Zeiten e.V.‘ Drauf gebracht hat mich ein Freund aus Würzburger Tagen, der mir diesen Kalender über einen längeren Zeitraum in liebevoll gestalteten Briefen und Päckchen zuschickte. Inzwischen kaufe ich ihn mir selbst und freue mich schon Wochen vorher darauf, ihn zu lesen und neben den Texten auch die bildliche Gestaltung zu genießen.

Am vergangenen Mittwoch, dem 3. Dezember titelte die Doppelseite

MENSCH, WO BIST DU?

Abgebildet war ein Skulpturen-Paar aus Holz, das der Künstler Aron Demetz in besonderer Weise so durch Sandstrahlung bearbeitet war, dass die weicheren Jahresringe, die im Sommer entstehen, entfernt werden, die härteren aus den Winterzeiten aber stehenbleiben.

Wer in Münster lebt und in der Adventszeit im vergangenen Jahr den City-Advent in der Überwasserkirche besucht hat, kennt seine Skulpturen. Ich war damals nicht in der Überwasserkirche, wie ärgerlich, aber die Skulptur ‚Vestire il tempo‘ – ‚Die Zeit bekleiden‘ steht anscheinend noch im Münsteraner Paulus-Dom. Werde ich mir anschauen.

Das abgebildete Paar nun löste verschiedene Assoziationen in mir aus.

Nach Aussage des Künstlers werden die Erzählungen der einzelnen Jahre herausgearbeitet und sowohl die „Größe als auch offene Stellen des Menschseins“ sichtbar gemacht. Tatsächlich inspirierte mich die Betrachtung des Bildes zu Gedanken an eine raue Schale, an die Vernarbungen alter Wunden, aber auch an die Widerständigkeit in der Zeit. An Bahnen, die bereits abgeperlte Erlebnisse hinterlassen haben. Die Körper, die miteinander interagieren, erzeugen in mir den Eindruck und die innere Empfindung von Halten und gehalten werden, von Formen und geformt werden. Die hintere Figur blickt achtsam und sorgend auf den Rücken der vorderen, so als wolle sie ihr Werk oder die Wirkung ihres Haltens in Augenschein nehmen. Ihr Kollege steht aufrecht, gerade und schaut geradeaus und hat seinen Arm vertrauensvoll und entspannt seinem Helfer überlassen.

Ist es ein Tanz? Eine Familienaufstellung? Wird Maß genommen für ein Kleidungsstück? Die Zeit bekleiden, Erzählungen des Lebens erinnern, Identität schaffen.

Die Figuren stehen auf einem festen, soliden Sockel, einem dicken Baumschnitt, aus dem sie herauswachsen und durch den sie verwurzelt sind. Ein sicheres Fundament, das der Zeit, dem Wandel trotzt. Bindung aufbaut, trägt, Halt gibt. – Wer hält mich, wem bin ich ein Halt? Was hat mich geformt, Bahnen hinterlassen, sandgestrahlt? Wo sind meine offenen Stellen?

Im vorvergangenen Sommer habe ich im Spitäle in Würzburg ganz ähnliche Skulpturen bewundert, die des Künstlers Gil Topaz, die er aber von Hand bearbeitet hat und zwar mit Schlägen ins Material immer rundherum. Die Jahresringe sind hier metaphorischer Natur: Auch hier ist das Thema die Zeit und die „Vergangenheit als DNA des modernen Menschen“. Vergangenheit, die sich ins Genmaterial einschreibt, deren Erzählungen im Körpergedächtnis bewahrt werden.

Was mögen wir mit uns herumtragen? Welche Mitgift haben uns unsere Ahnen gegeben? Welche Erfahrungen haben sich in uns eingegraben, wurden in uns hineingeschlagen? Und wie bestimmen sie, wer wird sind, welche Zukunft uns erwartet und was wir in ihr gestalten können?

Das bringt mich unweigerlich zu den Ringen von Rainer Maria Rilke, der vorgestern, am 4. Dezember, seinen 150. Geburtstag feierte und der schrieb

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen…

Auch dieses Gedicht, auf die Jahresringe eines Baumschnitts gelegt, war 2014/2015 im ‚Anderen Advent‘ zu lesen, am 3. Januar 2015. Mehr als zehn Jahre ist das nun her. Kurz zuvor bin ich nach Münster gezogen, meine Tochter kam krank und verletzt aus Tansania zurück und mein Vater war gestorben. All das hat sich mir eingeschrieben, wirkt noch heute, hat mich und mein Leben bestimmt, mich und meine Zukunft mit geformt, hat mich härter gemacht, hat mich weicher gemacht, hat rundherum Kerben in mich geschlagen. Und all die Jahre danach kamen weitere dazu, weitere Ringe, neue Kerben, mancherlei Schläge, manche sind vernarbt, andere sind mir als offene Stellen geblieben.

Nun ist wieder eine Adventszeit angebrochen, der ‚Andere Advent‘ liegt auf meinem Tisch, einen zweiten Adventskalender hat mir eine liebe Freundin geschenkt und viel Zeit für mich selbst darin versteckt, Türchen für Türchen öffnet mir Raum für Erinnerungen, Nach-Denken, Aufdecken und Festhalten. Schön. Wertvoll. Bereichernd.

Ich wachse daran, an beiden Adventskalendern, an Worten und an Bildern, an Poesie, an Kunst, an achtsamer Sorge. Ziehe meine Ringe nach. Und bin dankbar für so viel Halt.

Heute übrigens wartete der ‚Andere Advent‘ mit „Passender Kleidung“ für deine Seele und geschenkten Worten auf,
Worten wie

Zusammenfreude

Nachtfäden

Trostflimmern

Seelenanker.

 

Welche Gedanken kannst du zu Worten formen und wie Kleidung tragen, die zu deiner Seele passt? Teile sie gerne in einem Kommentar. Danke.

 

 

 

 

 

 

 

 

Was hat sich in dich eingeschrieben, um welche Ringe lebst du dein Leben, welche Erzählungen schlummern in deinen Kerben? Nimm dir Zeit für dich und deine Geschichte, deine Zukunft und den heutigen Moment.

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