Neben meiner Vorliebe für Kunst, die meine Intuition anspricht, Gefühle wachruft und Gedanken in Fluss bringt, ist es die Literatur, aus der ich mir Worte und Sätze leihe, um all das zum Ausdruck zu bringen, was ich selbst nicht in Worte zu fassen vermag.
Gerade habe ich ein Buch, eine Art Reise- und Innensichterzählung, von Arezu Weitholz zu Ende gelesen. ‚Beinahe Alaska‘ heißt es. Nachdem ich die Autorin bei einer Lesung erleben und genießen konnte – ihre Literatur und sie selbst – habe ich mir dieses Buch gekauft. Ein anderes kannte ich bereits und war auch davon sehr fasziniert.
In ‚Beinahe Alaska‘ haben mich die Beschreibungen von Landschaft, ihren Tieren, Meer und Menschen berührt und meine Imagination angeregt, ich sah alle bildlich vor mir, beinahe zu Anfassen. Zu Lachen gebracht haben mich ihre teils sarkastischen, aber immer genauesten und pointierten Charakterisierungen ihrer Mitreisenden auf dieser Schiffstour von Grönland (nicht ganz) nach Alaska. Erschüttert war ich über die Lebensumstände der Inuit, über die von Arezu Weitholz beschriebene, nein: belebte strukturelle Benachteiligung der Inuit und ihr Leiden unter der sozialen Ungleichheit und Marginalisierung.
Das Buch endet versöhnlich und wieder beim Meer – hier ein kurzer Ausschnitt von den letzten Seiten (184) der Erzählung:
Die MS Svalbard neigte sich bedächtig zu einer Seite, drückte nach vorne, sank nach unten, stieg wieder empor, neigte sich langsam zur anderen Seite und zog sich kraftvoll in Zeitlupe zurück, verharrte dort eine Sekunde, zwei, drei, während man gespannt darauf wartete, wie lange sie es aushalten würde, bis sie sich erneut nach vorn senkte, und man war fast erleichtert, wenn sie nach mehreren Seitenwechseln wieder hochstieg, als wäre man gemeinsam mit ihr obenauf einem gigantischen Wellenkamm und triumphierte über das herrliche Meer. Dieser unregelmäßige Tanz auf den Wellen hatte etwas Machtvolles, er ergriff vollständig Besitz von einem. Man beobachtete und war gleichzeitig Teil des Spektakels, Teil dieses Gewieges und Gehebes, das so schon war und auch ein bisschen Angst machte.
Da ich Meer, Schiffe und auch Häfen liebe, wusste ich gleich, wovon sie spricht und ihre Worte zogen mich in die Erinnerung an selbst erlebte Schiffsreisen, von Athen/Piräus nach Patmos, mit der Fähre über den Ärmelkanal oder von Travemünde nach Helsinki vor drei Jahren am 2. Weihnachtsfeiertag. Eine Reise in die Dunkelheit, die ich damals gerade nötig hatte. Ich erinnere mich nachts lange an der Reling gestanden und runter in die Gischt des vom Schiff zerteilten Wassers geschaut zu haben. Gefühlte Stunden lang.
Am Tag nach meiner Ankunft ging ich (natürlich!) ins Museum für zeitgenössische Kunst Kiasma und traf dort unvermittelt auf ein Kunstwerk, das diese Gischt nachzubilden schien, natürlich, es konnte nicht anders sein! Die Künstlerin ist bestimmt auch mit dem Schiff durch die nächtliche See gefahren und hat versonnen vom Deck runter aufs Meer und in die Gischt geschaut und sich an Vergangenes erinnert und auf Kommendes gehofft. Sich Gedanken über ihre Begegnungen mit sonderbaren Menschen gemacht, sich gefragt, welche Sonderbarkeiten diese Menschen an ihr wahrgenommen haben mögen. Sich gefragt, wer sie ist.

Ann Veronica James, Ann Veronica Janssens, Installation view, Kiasma – Museum of Contemporary Art, Helsinki, Finland, 2018
Und dann – kaum war sie an ihrem Reiseziel angekommen – hat sie sich hingesetzt und dieses Kunstwerk entworfen, hingeworfen aus farbigem Sand auf dunklen Grund oder gesprüht mit zischender Farbe aus der Dose und hat ihre Erinnerungen und Erwartungen, ihre schweren Gefühle und leichten Gedanken (oder vielleicht war es auch umgekehrt) von sich geschleudert und alles mit der Gischt dem Meer übergeben und „das Meer würde mich anschauen und sagen, was machst du mit deinem Leben, und ich würde lachen und sagen, warte mal ab“ (Arezu Weitholz, Beinahe Alaska, 186).

