Kennst Du das auch? Da nimmst Du Dir etwas vor, willst eine Idee realisieren, etwas schaffen und erschaffen, schöpferisch sein, aber der zündende Gedanke fehlt, der Funke springt nicht über. Der Geist will einfach nicht blitzen und nichts wird Dir eingegeben, nicht die leiseste Erleuchtung kommt über Dich.
So erging es mir jetzt fast ein Jahr lang. Ich hatte den Entschluss gefasst, irgendetwas mit meiner Fotografie anzustellen, meine Bilder – allesamt popelige Handyfotos – irgendwie unter die Leute zu bringen, sei es im Rahmen einer Ausstellung, als Karten oder in einer Buchveröffentlichung. Aber nichts regte sich in mir, null Inspiration. Meine Gedanken kreisten immer wieder erfolglos um dieselben Fragen, ohne Antworten zu finden oder einen Weg zu sehen, und ich verharrte in Lethargie. So wie der Engel – so es sich bei der Frauengestalt denn um einen handelt – in dem Bild Melencolia I von Albrecht Dürer.
Nichts scheint sich zu rühren, alles ist wie erstarrt, ohnehin sind überwiegend unbelebte Dinge abgebildet, Werkzeug, eine Leiter, eine Kugel, eine Waage im Gleichgewicht… Neben dem Engel (ich bezeichne ihn/sie jetzt mal so) hockt ein Putto und döst in sich zusammen gesunken vor sich hin. Die einzige Bewegung im Bild stammt von einer etwas irrigen Fledermaus, die eine Art Banner vor sich aufgespannt hat. Alles versinkt in Lethargie. Der Engel starrt nachdenklich vor sich hin, den Blick in die Ferne gerichtet, der Griffel über dem Buch in Bewegungslosigkeit.
So erging es mir in den letzten Monaten mit meinem Vorhaben. Völlig lethargisch, wie gelähmt. Blöde vor mich hin starrend. Sprichwörtlich, nicht wirklich. Ich fühlte mich tatsächlich so, als hätte ich Albrecht Dürers Eingeständnis seines Nichtwissens in hoher Potenz verinnerlicht:
Unser blöd gemüt kan zu solcher volkommenheit nicht kommen. Denn unser erkenntnis ist trügerisch, und steckt die finsternis so hart in uns, das auch unser tappendes suchen fehl geht.
Vielleicht aber ist auch die Lethargie nur trügerischer Schein, hinter dem es gärt und brodelt. Vielleicht arbeitete es in mir, taten im berühmten Hinterkopf das Gemüt und der Geist ihren Dienst und wirkten ganz ohne mein Zutun. Reichten der Intuition die Hand und warteten gemeinsam auf den Kairos.
Dann nämlich – plötzlich, unerwartet und jenseits jeder Absicht – bricht es sich Bahn. Mit einem Mal wusste ich, wie ich es anstellen kann, wie und womit ich überhaupt erst einmal beginnen könnte. Zack, da war der Geistesblitz, und ich traf eine Entscheidung. Und handelte. Und rief jemanden an. Und dieser Jemand schrieb am nächsten Tag eine E-Mail, und noch eine, und schrieb, ein Exposé sei gewünscht. Läuft! Zumindest der Anfang ist gemacht. Das Ventil war rausgeflogen, der kreative Fluss begann zu sprudeln und nahm seinen Lauf. Ein gewaltvoller Moment! Explosiv und vulkanisch irgendwie. Oder – um im Bild zu bleiben – wie ein Geysir.
Es ist wie im Bild rechts: Ich sehe darin eine Art Urknall. Das Rot, das die Kristalle umrahmt, bringt eine große Dynamik und Leidenschaft ins ansonsten kühle Bild. Die sternförmig nach außen strebenden Linien im satten Blau gehen über den Bildrand hinaus. Tatsächlich scheint mir die Kristallartigkeit der Kristalle von einer Leuchtkraft Sternen gleich zu sein. Das gleißende Beinahe-Zentrum schleudert seine Energie fliehkräftig nach außen, zieht meinen Blick jedoch magisch an.
Das sich-Bahnbrechen von Kreativität vollzieht sich mit voller Wucht, aber das ist nur die eine Wahrheit. Die andere ist, dass es dabei nicht bleiben darf. Die Sprengung eines Gebäudes muss kontrolliert erfolgen, sie folgt einer Choreographie von Dynamit, und so darf auch Kreativität, Intuition und die Performanz des Handelns nicht ungesteuert erfolgen. Ins Handeln zu kommen, ist immer eine Entscheidung, und sie setzt Entscheidungen voraus, die den Rahmen setzen. Innerhalb dieses Rahmens kann man sich frei bewegen, aber die Entscheidung für etwas schließt alles andere kategorisch aus. Damit geht eine gewisse Gewalt und Grausamkeit einher. Genau dies soll es sein – alles andere nicht!
Mit einem Mal war ich festgelegt. Wie gefangen, so gehangen. Die Gewalt der Entscheidung, dies und nicht anderes zu unternehmen, brachte die Kreativität nicht nur in Fluss, sondern legte sie auch in einem Flussbett fest. Begrenzt alles weitere Handeln rechts und links, erfordert weitere Entscheidungen, die sich zwangsläufig anschließen. Gleichzeitig gehe ich Risiken ein, das Risiko des Nichtbestehens, des Scheiterns. Ich habe den Mund sehr voll genommen; nun muss ich mich bewähren, muss das Versprechen eines guten Plans auch halten, darf nicht entlarvt werden als Aufschneiderin, Hochstaplerin. Muss meine Kompetenzen unter Beweis stellen.
Da ist es gut, wenn die Kugel nicht unbegrenzt in Tal rollt wie der „dicke fette Pfannkuchen“ aus dem Märchen – kantaper kantaper in den Wald hinein. Besser ist es, ihr Lauf wird aufgehalten durch einen Pflock, das Tempo gebremst und ihre Energie zielgerichtet umgeleitet. Handhabbar gemacht, transformiert.
Pure kreative Gewalt führt zu nichts, verpufft irgendwann, mündet im Chaos oder führt zu Ermüdung und Lethargie. In dieser spannungsreichen Dissonanz eine Entscheidung zu treffen, macht erst handlungsfähig. Die Genauigkeit der Begrenzung durch die Entscheidung schafft Raum für ein Gefühl von Freiheit. „Die Begrenzungen wirken dabei wie eine Linse, die das Ereignis […] scharf stellt und vergrößert […]“, schreibt Anne Bogart in ihrem Essayband „Die Arbeit an sich selbst“ und schließt ihre Überlegungen zur Gewalt und Grausamkeit von Entscheidungen in der Kunst mit den Worten:
Ideen kommen und gehen, doch das eigentlich Wichtige ist, daß man sich einer Entscheidung verpflichtet, ihrer Klarheit und Kommunikativität. Es geht nicht so sehr um die richtige Idee oder auch nur um die richtige Entscheidung als vielmehr darum, wie es um die Entschlossenheit bestellt ist. […]
Die Reflexion anhand von Bildern, speziell Kunstwerken kann viel in Bewegung setzen – es ist, als würde man ein Mobilé anpusten, um dann seine Elemente von allen Seiten betrachten zu können. Probier es doch mal aus! Ich begleite dich gerne dabei.
Schreib mir einfach eine E-Mail: reflexion@fabulame.de.



