Neulich war ich mit einer Freundin in dem Film In die Sonne schauen. Er wurde ja sehr gut besprochen, geradezu gehiped, und tatsächlich wollte ich ihn, nachdem ich die Vorschau gesehen hatte, unbedingt anschauen. Hab ich dann also gemacht. Und war verwirrt. Denn zwar saß ich völlig gebannt vor der Leinwand, war fasziniert, mal erschüttert, mal ergriffen, mal belustigt, mal genervt, fühlte mich hineingesogen in die überwältigenden und überwältigend langsamen Bilder und Zeitläufte, die schier endlosen Passagen ohne ein Wort, andauernde Passagen mit langen, eindringlichen und doch seltsam distanzierten Blicken in die Kamera, in den oft abrupten Wechsel von Sprachlosigkeit und Stille, Absurdität und abstoßender Gewalt, Schönheit und Ekelhaftigkeit – und doch konnte ich anschließend nicht mit letzter Sicherheit sagen, wie er mir gefallen hat. Nicht einmal, OB er mir gefallen hat. Ob es ein must have seen-Film ist oder doch eher ein „joa, geht schon, kann man machen“-Film. Ob er zu Recht so hochgelobt wird oder…. okay, ich habe eigentlich keine Ahnung vom Film, aber ich habe Ahnung von mir. Und ich weiß: Wenn ich so verwirrt bin, dann steckt mehr drin. Also: Wirken lassen, abwarten, was im Hinterkopf so geschieht.
Und gestern ist es geschehen. Hat sich etwas sortiert. Der Film über vier Familien in vier Generationen, die nacheinander und verschränkt miteinander auf einem Hof in der Altmark leben, bearbeitet diverse Themen, wie es die „Kino-Zeit“ und andere Medien ja auch verkünden und erläutern:
Es geht um Ausbeutung, Anpassung und Unterdrückung (auch der eigenen Gefühle, Nöte und Bedürfnisse), um Lebenslust und Todessehnsucht, um die stillen Schreie gegen die Unterdrückung. Sie leben in einem patriarchal-autoritären System, das bevölkert wird von den Geistern der Vergangenheit, in einem Zwischenreich zwischen dem Jetzt und dem Reigen des Vergangenen und der Verstorbenen, die hier ganz selbstverständlich in die Gegenwart hinein wirksam sind.
Ja, so kann man das lesen. Das Kino in Münster beschreibt die Geschichte der vier Kinder-Protagonisten, denen sich „während sie ihre eigene Gegenwart durchstreifen, […] ihnen Spuren der Vergangenheit [offenbaren] – unausgesprochene Ängste, verdrängte Traumata, verschüttete Geheimnisse“. Stimmt auch.
Was mich aber in den Bann gezogen hat, ist der Umgang mit Zeit und dem Alter. Mit dem LebensZeitAlter. Ein sogenanntes Juckreizwort, so wie Gedankenspielhölle oder Wirtschaftswunderglaube oder Galgenvogelperspektive.
Und ich mache diesen höchst persönlichen, subjektiven Eindruck an genau einem Bild fest, das recht zu Beginn des Films und dann ein weiteres Mal recht gegen dessen Ende in Groß-Detailaufnahme gezeigt wurde: Eine Hautfaltenhand. Noch so ein Juckreizwort. Die Hautfaltenhand ist ein Indikator für das Lebenszeitalter: Zieht man an der Haut auf der Hand, zieht sie zusammen zu einer Falte, und bleibt diese Falte, so hat man die magische Grenze zwischen Jugend und Alter überschritten.
Da hilft es auch nichts, dass im Sonnenschaufilm der Vergleich zwischen dem jüngsten und dem ältesten Menschen gezogen wird. Zwischen dem Mädchen, das so ernst und tiefgründig via Kamera der Betrachterin direkt in die Seele schaut, und der Urur…oma, die gelassen und abgeklärt nicht mehr viel erwartet, alles schon erlebt hat und ruhig ihrer Arbeit nachgeht. Es bleibt eine Falte, und sie zeigt sich ärgerlicherweise auch auf meiner Hand.
Da hilft es auch nichts, dass eine Kindheitserinnerung aufkommt, die Erinnerung an meine Großeltern, die sich den Spaß mit der Falte auch gemacht haben oder besser gesagt, die meinen Spaß mit ihrer Handfalte auf der Faltenhand geduldig-genügsam mitgetragen haben.
Da hilft es auch nichts, dass der Film doch ein wenig Zukunftszuversicht ausstrahlt – vermutlich durch das Schwimmen im Fluss (wenngleich auch nicht ganz unbeeinträchtigt; eigentlich ist ziemlich viel im Film ziemlich schwer und schwermütig) und das Schauen in die Sonne (schaute eigentlich jemals jemand von den zahlreichen Figuren in die Sonne? Ja, einmal die DDR-Jugendliche, Angelika, die sich „zwischen Todessehnsucht und Lebensgier“ befand und sich hier und da mal mental wegbeamte).
Da hilft es auch nichts – ganz im Gegenteil! – dass ich heute, nachdem mir gestern das Hautfaltenhandbild in den Sinn kam, im Radio den Freddy-Mercury-Song Don’t stop me now hörte und in eine super Stimmung geriet (call me Mrs. Fahrenheit) und dachte, Mensch, ja, du hast seit einiger Zeit echt einen Lauf, bist im Flow, viele Dinge machen dir Freude, echt gute Zeit gerade…. Trotzdem juckt mich das Reizwort und ich denke hier und da über die Zeit nach, wie schnell sie vergeht – eins-zwei-drei im Sauseschritt, eilt die Zeit, wir eilen mit – und das Kindl ist auch längst erwachsen und in 3.314 Tagen ist mein erster Tag im Rentenalter.
Da hilft es auch nichts, dass ich Meisterin im Anleiten von biographisch-narrativen Reflexionen bin und im Frühjahr voraussichtlich einen VHS-Kurs zum biographisch-reflexiven Schreiben geben werde und meine eigene Biographie reflexiv aufarbeite und Bücher über längst verstorbene längst vergessene Künstler-Großenkel schreiben will. Kants vier berühmte Fragen „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“ und „Was darf ich hoffen?“ und „Was ist der Mensch?“ lassen sich niemals beantworten, die Geister von Vergangenheit und Gegenwart scheiden sich und die Hoffnung auf eine Zukunft führt letztlich nur zu der Frage „Wann ist ein gutes Leben ein gutes und gelungenes Leben?“.
Da hilft es auch gar nichts, dass eine Freundin, die mich zwischendurch gerade anrief, mir ins Gewissen redete, ich solle mich doch endlich ganzganz lange krankschreiben lassen, jedes Mal, wenn wir telefonierten, würde meine Krankheitssymptomliste (es juckt ganz arg) länger und länger und sei schon jetzt länger als bei einer Neunzigjährigen – na, danke schön auch, das motiviert, aber Freunde dürfen und müssen sogar ehrlich sein.
Da hilft es ganz viel, zwei weitere Lieder gehört zu haben, sehr unterschiedliche Lieder, eines von Robert Schumann aus seiner Dichterliebe (Ich grolle nicht) und Butterflies and Hurricanes von Muse und schon war der Tag einigermaßen gerettet und zumindest die Musikabfolge für meine Beerdigung – keine Angst, es ist nicht akut – ist geplant.
Da hilft es ganz viel, von einigen Erfolgen in den letzten Monaten berichten zu können, über Vitamin B (oder eher M) an eine Fotoausstellung gelangt zu sein, ab und zu mal ein Hinterglasbild zu „malen“ (also es ist Farbe im Einsatz), einige gute Freund*innen, eine Besuchskatze, viele Bücher und ein Cello mein Eigen nennen zu können und Chat GPT zum Sekretär zu haben.
Da hilft es ganz viel, nicht nur neue Musik im Radio kennenzulernen (Die hurrikanauslösenden Schmetterlinge – ich bin ja eher Team Klassik), sondern auch – zack – Konzerttickets buchen zu können, außerdem Bahntickets und Hotels sowie wunderbare CD vom Concerto Köln zu bestellen. Und – zack – steht die Besuchskatze vor der Tür….
Da hilft es ganz viel, erst der Streunerin, dann mir selbst etwas zu essen zu geben, sich seines Lebens zu erfreuen, mit Sonne im Herzen in die Dunkelheit zu schauen – an diesem Herbstregentag – und der vergehenden Zeit freundlich hinterher zu winken, mit der alternden Hautfalte auf der Hand. Morgen ist ein neuer Tag – darf ich hoffen.


Mich hat der Film “ In die Sonne schauen „auch sehr beschäftigt. Kein Film für einen entspannten Nachmittag. Vieles darin war schwer auszuhalten. Auch die Langsamkeit der Kameraführung. Die vielen wortlosen Szenen. Warum eigentlich ? Gibt das nicht Zeit zu schauen und zu begreifen ? Wir werden heute schnell unruhig, wenn wenig passiert, wir nicht unterhalten werden, nicht wahr ? Auch das hat mit unserer Wahrnehmung von Zeit zu tun. Wie wollen wir unsere Lebenszeit verbringen : gehetzt, sprunghaft, oder können und wollen wir die Ruhe auch schätzen, sie in unser Leben lassen ?
Der Film, aber besonders der Artikel von Simone hat mir das Thema noch mal aufgedrückt ( der Film ), bzw. noch mal nahegebracht ( der Artikel ). Und ich nehme mir vor, daß ich es nicht wieder so ganz aus den Augen verliere, bzw., daß es mir nicht aus der Zeit fällt……
Damit hast du völlig recht, liebe Almut, und was für ein schönes Gedankenspiel am Schluss!
Also: Schauen und auch die Blicke anderer aushalten statt sprunghaft von einem Event zum anderen hetzen ohne echte Begegnung und Dialog; sich herausfordern und irritieren lassen, um zu verstehen statt immer noch mehr (KI-generiertes) Wissen einzupauken; mit Zeit und Ruhe den Moment wahrnehmen statt die Uhr im Blick zu haben. Lass uns also in der Zeit bleiben.