Lebensgeschichtliche Erzählungen

Quelle: Fotocommunity; https://www.fotocommunity.de/photo/geschichtenerzaehler-christine-ellger/38397364

 

Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.

(Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein. FFM 1965, S.45)

Wir alle sind in Geschichten verstrickt, auch in die Geschichten anderer, wir verantworten vieles selbst, müssen aber auch Widerfahrnisse erdulden. Manches Mal geben wir Rechenschaft für Entscheidungen ab und verteidigen unser Handeln, manches Mal ringen wir um Erklärungen für unsere „Geworfenheit“ und sehen uns dem Schicksal, dem „miesen Karma“ oder einfach dem Zufall ausgeliefert.

Wenn wir jemandem unsere Lebensgeschichte erzählen, versuchen wir all das in einen sinnhaften Gesamtzusammenhang zu bringen und alles irgendwie als plausibel in der Chronologie, aber auch in Ursache-Wirkungs-Ketten mit logischen Konsequenzen oder zwangsläufigen Folgen darzustellen. Auch bestimmte Motive, bedeutungsvolle Erfahrungen oder Absichten scheinen uns manchmal wie ein ewiges Lebensthema immer wieder zu begegnen.

(Und just lese ich die Affirmation in einem der niedlichen kleinen Anhänger an den Yogi-Teebeuteln – ihr wisst: Es ist Vesperzeit – und freue mich, wie passend es mal wieder erscheint: „Erleben der Einheit im Inneren schafft Harmonie im Außen.“ Genau darum geht es!)

Wir suchen nach einem alles verbindenden Sinn in unseren Erlebnissen und Erfahrungen, Handlungen und Widerfahrnissen – zumindest in den für uns subjektiv bedeutsamen – der auch das, was wir erdulden, erklären kann und uns als Autor*innen unserer Lebensgeschichte bestätigt.

Einen solchen Sinn können wir auch als Lebensmotto oder Metapher und „roten Faden“ formulieren.

Bei mir ist es das Thema Lernen – Bildung – Leisten. Ich konnte mit fünf Jahren fließend lesen, noch heute wird immer wieder erzählt, dass ich meinen Großeltern aus der Zeitung vorgelesen habe. Weil ich angeblich immer alles (besser) wusste, wurde ich als Blaustrumpf bezeichnet – nicht sehr schmeichelhaft. Ich bin vorzeitig eingeschult worden, was damals ein Riesenakt war und zahlreiche Tests erforderte. Aber die Lehrer – alles höchst konservativ und weitestgehend am humanistischen Bildungsideal orientiert, hielten große Stücke auf mich. Ich erinnere mich an eine Situation – da war ich längst erwachsen und im Studium – als der damalige Grundschulrektor bei meiner Mutter zu Besuch war. In einem so kleinen Ort machte man das, zumal mein Vater zu den eher gehobenen Statusgruppen gehörte. Er saß als so da mit meiner Mutter am Kaffeetisch im Wohnzimmer, ich auf der anderen Seite in ein Buch vertieft (was sonst, ich war IMMER in irgendein Buch vertieft), als die Sprache auch die Musterschülerin kam, die ich mal war. In der Grundschule halt – hat nicht ewig vorgehalten. Der Rektor erzählte erinnernd, dass ich immer alles wusste (stimmt nicht: ich wusste z.B. nicht das Adjektiv zu Regen/regnen – arrrggghhhhh, ggggrrrrr) und bestimmt auch heute noch sagen könnte, wie der linguistische Ausdruck für Fragewörter sei. Klar, wie aus der Pistole geschossen, ich war gut konditioniert: Interrogativpronomina natürlich. Auch diese Episode wurde jahrelang mit stolzgeschwellter Brust erzählt – und ich auf dem Präsentierteller herumgereicht. Nicht nur Bildungs-, sondern auch Leistungsstall.

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Karte aus dem Spiel Dixit

Aber die große Affinität zum Lernen, zum Wissenwollen, auch zum kritischen Hinterfragen war immer schon meins, ganz ohne Konditionierung. Blaustrumpf und Leseratte, das zieht sich durch mein Leben. Büchern war ich schon als Kind zugeneigt (meine Tochter übrigens auch) und ich las früh schon Literatur für deutlich ältere Jugendliche oder für Erwachsene (meine Tochter übrigens auch). Im Dorf gab es ein Schreibwarengeschäft, dort bin ich mehrmals pro Woche hingeradelt, hab mir das nächste Schneiderbuch gekauft und noch auf dem Rad heimwärts angefangen zu lesen. Irgendwann reichte das Taschengeld nicht mehr, dafür aber schien die Stadtbücherei recht gut aufgestellt und in Null Komma Josef fraß ich mich durch die Regale.

Ich hätte gerne Latein gelernt, um mir die ganzen Fremdwörter besser erschließen zu können, aber mein Vater befand, das könne man heute für nichts mehr brauchen. Sagt der Mediziner – lol. Ich also Französisch gelernt, auch schön, immer Einser, aber bei der Studien- und Berufswahl plötzlich zeigte sich, dass Latein für durchaus eine Voraussetzung war. Tja. Das Nachholen schien mir schwierig, wäre es sicher nicht gewesen, aber ich habe mich seltsamerweise abschrecken lassen. Mit Pädagogik konnte ich aber auch wunderbar leben. Da gab es wirklich viel zu lesen, insbesondere in Soziologie und Wissenschaftstheorie (da wären Lateinkenntnisse auch sehr hilfreich gewesen, auch für Texte der geisteswissenschaftlichen Pädagogik). Auch philosophische Texte und Themen haben mich immer wahnsinnig gereizt – bis heute. Präzise mit Begriffen umzugehen, sich die Welt zu erschließen, grundlegende Themen des Menschseins zu – naja, wenigstens zu erörtern, wenn schon nicht zu erklären – das sowieso nicht, Philosophie will verstehen. Genau, verstehen wollen ist mein Movens.

In der Buchhandlung Libreria Acqua Alta, Venedig

In meiner Wohnung stapeln sich ÜBERALL die Bücher, natürlich die noch ungelesenen. Manchmal bekomme ich Panik bei der Vorstellung, sie nicht mehr lesen zu können, bevor ich abtrete, und es kommen ja dauernd neue hinzu. Dreimal im Jahr halte ich (mehr oder weniger) eine Fastenzeit ein. Nein, nein, lesen darf ich natürlich, nur kaufen nicht. Hilft aber nicht viel, ich kaufe vorher noch ordentlich ein. Die Welt will betrogen sein.

Was mich beim Lesen fasziniert, sind die Worte, die für Gegenstände, Dinge, Phänomene, auch Gefühle und Emotionen gefunden werden. Für Erinnerungen und Erlebnisse. Großartig, was Sprache, wenn man sie denn beherrscht, auszudrücken vermag. Kann ich nicht, will ich aber können.

 

Vielleicht hätte ich lieber Germanistik studieren sollen (noch so eine brotlose Kunst).

 

 

Wenn ihr auch mal in euch gehen und eurer Geschichte nachspüren möchtet und euch dazu Unterstützung wünscht, kommt gerne auf mich zu! Mehr zur narrativen Reflexionsbegleitung findet ihr hier.

 

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