Ich blicke zurück auf ein intensives, bereicherndes Kunst- und Kulturwochenende in Chemnitz. Viel gelaufen, viel gesehen, viel erlebt. Und viele gehaltvolle Gespräche mit völlig fremden Menschen geführt, nicht nur über Kunst.
Ein Gespräch brachte mich auf den Gedanken eines kleinen Projekts über Menschen, die Kunst betrachten. Da kamen zwei Dinge zusammen: Zum einen sollte ich für eine Fortbildung üben, „kluge“ Fragen zu stellen. Ich bilde mir ein, so ganz ungeschickt stelle ich mich dabei nicht an, also brauchte ich eine neue Herausforderung. Zum anderen hatte ich am Abend vorher einen Film gesehen….
Wer meine Fotos kennt, weiß, Menschen kommen darauf eher nicht vor – im Gegenteil, ich versuche möglichst menschenbefreit zu fotografieren. Und wer dieses Journal kennt, hat erfahren können: Ich schreibe über Kunst und über das, was sie auszulösen, zu bewirken vermag. Über Assoziationen, Gedanken und Reflexionen, Gefühle, Emotionen. Über die Menschen schreibe ich nicht, aber letztlich sind ja sie es, um die es geht. Um ihre Motivationen und Absichten, ihre Selbsterkenntnis und Haltungen.
Die Idee, zur Abwechslung mal Menschen zu fotografieren und dabei etwas von ihnen, ihren inneren Empfindungen und Gedanken einzufangen, konkretisierte sich angesichts von Köpfen. Chemnitzer Köpfen, um genau zu sein. Und noch genauer: einem bestimmten Kopf, dessen Eigentümer und Träger der Inhaber der Galerie ist, in denen die Köpfe ausgestellt sind. Die Porträt-Skulpturen stammen von dem Bildhauer Ulrich Eißner, der auch mit dem Galeristen Bernhard Weise gut bekannt ist.
Und da ich kluge Fragen an fremde Menschen richten wollte, habe ich Herrn Weise in ein Gespräch verstrickt und ihn gebeten, sich neben seinem Porträt fotografieren zu lassen.
Was er gerne tat. Und damit war der Samen für eine kleine Idee gelegt, die eine Befruchtung durch eben den Film erfuhr, den ich bereits erwähnte.
Einer der Protagonisten im ARTE-Spielfilm Roter Himmel erarbeitete nebenbei (die Haupthandlung werde ich an dieser Stelle völlig ignorieren) eine Mappe für die Kunstakademie zum Thema Wasser. Glücklicherweise befand er sich gerade an der Ostsee, da gibt es recht viel von diesem Element, aber statt einfach nur langweilige Bilder von einer großen Menge wellenförmigen Wassers zu machen, richtete er den Fokus auf Menschen, die versonnen, versunken, schwelgend, nachdenklich, innig oder melancholisch aufs Meer schauen. Der junge Künstlerfotograf – Felix – fotografierte sie zunächst von hinten, unbemerkt, um sie dann von vorne zu porträtieren. Mit dem Meer im Hintergrund. Das hat mir gefallen. Wie im Übrigen der ganze Film. Nun diese Idee aufzugreifen und zu versuchen sichtbar zu machen, was Menschen durch die Betrachtung von Kunst empfinden mögen, welchen Gedanken und Gefühlen sie sich hingeben und was davon in ihrem Gesicht, ihrem Blick, ihrer Haltung nachhallt, schien und scheint mir eine neue Herangehensweise für meine Auseinandersetzung mit Kunst und Reflexion zu sein.
Und so war ein neues Projekt geboren, durch Zufälle inspiriert, durch Gelegenheiten ermöglicht. In dem Zusammentreffen von Film, Fotografie und Skulptur entwickelte sich ein neuer Gedanke.
Daher nun also ein neuer Blick, ein fragendes Interesse an der Resonanz von Kunst auf den Menschen.
Menschen vor Kunst
Ich sehe in ihren Blicken so unterschiedliche Dinge wie Ruhe, Selbstbewusstsein, Stolz, Freude, Selbstsicherheit, Inspiration…. Sie spiegeln das Erlebnis, Kunst zu betrachten, Kunst zu genießen. Die Befriedigung vielleicht darüber, mit dem Privileg gesegnet zu sein, Sinn und Verständnis für die in Kunst manifestierten Gedanken und Ideen entwickeln zu können. Diese ‚Höheren Weihen‘ empfangen zu dürfen.
In der Tat war die gesamte Atmosphäre meinem Empfinden nach getragen von Entspanntheit, Ruhe, Gelassenheit, Heiterkeit und Zufriedenheit. Egal ob auf dem Garagen-Campus, der Industrie-Brachen-Um-Gestaltung ibug oder der Munch-Ausstellung – halt, stopp, da war etwas anders. Die Menschen dort wirkten unruhig, fast gehetzt, die Atmosphäre war brüchig, wie Krakelee, flüchtig und irrlichternd. Kaum jemand vertiefte sich in die Bildbetrachtung, häufig huschten die Besuchenden von Bild zu Bild, richteten rasch den Fokus ihres Smartphones aus und wandten sich wie getrieben wieder ab. Ich übertreibe vielleicht ein wenig, aber den Unterschied zu den anderen Ausstellungsstätten in der Markthalle oder dem Garagen-Campus empfand ich schon als deutlich.
Obwohl die junge Kunst des Graffiti, der StreetArt oder der Ethno-Fotografie (keine Ahnung, ob das wirklich so heißt, ich nenne das jetzt einfach mal so, wenn lange gewachsene private Kulturen wie die Garagenhöfe (ein „Ort des freien Ausdrucks“, an dem die Garagen ebenso lange wie die Besitzer auf das heiß ersehnte Auto warten, auf das „prachtvolle und wertvolle“, wie es eine Projektangehörige nannte), obwohl also diese Art der Kunst sehr aufregend, vielgestaltig, wild und provozierend wirkt, war gerade dort die Stimmung äußerst kontemplativ, gechillt geradezu, selbstbewusst auch und souverän. Und das an Orten, wie dem Garagen-Campus, die – ehemals urban und fortschrittlich – dem Verfall anheimgegeben waren, lost places, fotogen in ihrer Baufälligkeit, und doch aufrecht sich behauptend, der Zeit und dem Vergessen trotzend.
Und dort sammeln sich ‚Menschen vor Kunst‘, begeistern sich für die Vergänglichkeit auf der einen und dem Schöpferischen, der Gebürtlichkeit auf der anderen Seite. Und in ihren Augen kommt beides zusammen und wirft Fragen auf.
Wie geht es euch beim Betrachten der Bilder und der porträtierten Personen? Nutzt gerne die Kommentarfunktion, um euren Eindruck, eure Meinung mit uns zu teilen. Danke!


















