… setzt sich nieder auf mein‘ Fuß … naja, nicht ganz. Aber aus der Hand fressen, das macht die Amsel, zögerlich zwar, doch der Appetit auf die Rosinen ist groß genug.
In meiner Familie wird Tierliebe großgeschrieben, insbesondere Vögel haben es uns angetan. Die Chatverläufe quellen über von Fotos von Vögeln aller Art, auch von Igeln, Eichhörnchen und – hm ja, bestimmten Tieren, die eigentlich zum Abschuss freigegeben sind, daher schweigen wir über den Besuch ganzer Familien dieser possierlichen Tierchen in Mutters Garten. Und allen Viechern wird Futter hingestellt, artgerecht und von guter Qualität, Körner, Saaten und Samen, Nüsse und Beeren und eben die von Amseln heißbegehrten Rosinen. Ganz zu schweigen vom Katzenfutter für die Igel. Die Katzen bekommen aber auch Katzenfutter.
Es vergeht auch kein Telefonat, ohne dass ein plötzlicher Ausruf die Ankunft des Buntspechts oder des Dompfaffs oder Stieglitz kommentiert. Auch Käuzchen gehörten schon zu den Gästen oder ganz besondere Besucher wie ein Schwanenpaar mit fünf Jungen, Grau- und Silberreiher, Mandarinenten, Nilgänse oder zuletzt eine verloren gegangene Weißwangengans. Das war ein besonderes Ereignis, das für tagelange Aufregung und Rätselraten sorgte, woher sie kam, wohin sie ging und wie sie es in Mutters Garten geschafft hatte.
Eine besondere Vorliebe habe ich für Möwen, Greifvögel, Mauersegler, Zugvögel, Vogelschwärme aller Art und Eulen. Die allerdings selten zu sehen sind. Manchmal aber zu hören, in Sommernächten, also eher Käuze.
Es werden auch gegen Fensterscheiben geflogene Vögel gerettet, das ist eine Spezialkompetenz in unserer Familie. Meine Güte, wie viele schockstarre Vögel haben wir vom Boden aufgeklaubt oder auch aus der Regentonne gefischt, bevor mein Vater dafür eine Abdeckung angefertigt hat. Oder auch die Maus, die ans Vogelfutter wollte, es dann aber nicht mehr aus dem Futtereimer rausgeschafft hat. Als ich sie fand, hielt ich sie zuerst für tot, merkte dann aber, sie lebt noch, also behutsam aus dem Eimer geholt, in die hohlen Hände genommen, gewärmt und angehaucht, mit Wasser rund ums Schnäuzchen befeuchtet, um sie dann nach den ersten orientierenden Bewegungen mit Müsli zu versorgen. So süß, wie sie das dann genüsslich mümmelte.
Natürlich stehen und hängen auch überall Futterstellen und es sind Nistkästen angebracht. Ein Dohlenpaar wollte unbedingt auf den Balken, die aus dem Dach ragen, gleich oben am Balkon, ihr Nest errichten, was bei dieser Art heißt, sie schmeißen einen Haufen Reisig und kleine Zweige übereinander, aber die hielten dort überhaupt nicht und fielen ein ums andere Mal herunter. Die Dohlen fingen immer wieder von vorne an und sammelten unermüdlich die heruntergefallenen Zweige auf, schichteten sie wieder auf, brachten dadurch weitere Zweige zum Absturz, sammelten diese wieder….. ein gefiederter Sisyphos. Mein Vater konnte das nicht mit ansehen, erbarmte sich ihrer und bastelte ein Drahtgeflecht, das er auf den Balken anbrachte. Kurz drauf schwatzten junge Dohlen unter dem Dach.
Die Liebe und das Bedürfnis der Fürsorge für Tiere haben wir Geschwister unter anderem von unserem Vater. Der hielt sein Fernglas und das Vogelkundebuch stets griffbereit und hielt uns – gefragt oder ungefragt (meistens ungefragt) – mit Informationen und Belehrungen über Nestbaukünste, Nahrungsvorlieben, Lieblingsmelodien und die Farben des Federkleids auf dem Laufenden. Er konnte sich da richtig reinsteigern und als entlang des Flüsschens jenseits der Straße die Wiesen und Weiden wieder versumpft wurden und sich Schnepfen und Austernfischer ansiedelten, wurden Spaziergänge geradezu zu Exkursionen ausgedehnt. Spaziergänge führten auch in Wälder, auch da lauschten wir dem Gesang von Buchfink, Nachtigall und Co. und auch der Kuckuck mischte sich manchmal ein. Auf den Feldern bzw. hoch über ihnen trällerten die Lerchen, als hätten sie die Romantik nie überwunden, und eine besondere Herausforderung stellten uns die Greifvögel, denn hier durfte auch das Flugbild bestimmt werden.
Viele Dinge habe ich vergessen und anhand des Gesangs kann ich nur wenige Vogelarten sicher bestimmen, aber mein Interesse und eine besondere Affinität haben sich bis heute gehalten und außergewöhnliche Begegnungen mit der gefiederten, aber auch der befellten Welt werden nach wie vor untereinander ausgetauscht, vor allem zwischen meiner Mutter und mir. Diese Familientradition verbindet uns bis heute, das Fernglas liegt immer noch in der obersten Schublade, der Vogelführer steht noch im selben Regal wie früher, als mein Vater unsere Beobachtungsgabe schulte. Und mich auch irgendwie auf die Geduldsprobe stellte.
Aber es hat sich gelohnt: Neben der Amsel hat mir auch schon ein Eichhörnchen die Nuss aus der Hand genommen, eine Streunerkatze hat sich zähmen lassen (gegen Futter selbstverständlich) und manchmal lässt sich auch der Igel – mal an der rechten, mal an der linken – stachelfreien Bauchseite kraulen. Er ist allerdings weniger begeistert als ich.
Jetzt im Winter ist der Himmel eher leer, dafür tummelt es sich an den Futterstellen. Einige Wochen dauert es noch, dann ziehen die ersten Vögel zurück in den Norden, immer früher am Morgen weckrufen die Amseln und Meisen. Dann Anfang Mai kehren die Schwalben und Mauersegler wieder und beleben den hoffentlich sonnig-blauen Himmel.
Vögel üben eine besondere Faszination auf mich aus, manche wegen ihrer Keckheit, manche wegen ihrer majestätischen Überlegenheit. Sie führen den Blick in die Weite oder auch ganz nah heran. Sie haben erstaunliche Fähigkeiten, jede Art auf ihre Weise, und sie verführen die Gedanken und manchmal auch die Seele dazu, mit ihnen zu fliegen.
Wie aus Geschichten und biographischen Erzählungen Kenntnis über sich selbst gewonnen werden kann, erfahren Sie auf meiner Website und sehr gerne von mir persönlich!




Vielen lieben Dank für diesen interessanten Beitrag. Es ist eine große Freude Deine Beiträge zu lesen.