Innehalten – in Resonanz gehen

Heute gab es in Telgte mal wieder eine Wallfahrt. Sie ereignete sich, sollte ich wohl sagen. Ich kenne sowas aus Bamberg (Marien-Wallfahrten rauf und runter), aus Würzburg (zu Kiliani) und tatsächlich auch noch aus meiner Herkunftsregion, naja, im weitesten Sinne, aus Kevelaer (noch mehr Maria).

In Telgte heute wurde ich durch so eine Art Gesang darauf aufmerksam, oder das, was sich dafür hielt, erst dachte ich, es gäbe mal wieder ein Fußballereignis und es würden irgendwelche Fans grölender Weise vorbeiziehen, aber ganz so grässlich klang es dann doch nicht. Auch als dann eine Reihe an Traktoren in Richtung „Stadt“ (sorry für die Anführungszeichen) tuckerten und pesteten, kam mir keine Erkenntnis, da erst recht nicht. Erst die Nachbarin in den Reihen der Schaulustigen klärte mich auf, dass die Zufußgehenden und Radelnden, die ich leider, LEIDER, verpasst hätte, sowie die geschätzt 15 Traktoren (westfälisch: Trekker; oberfränkisch: Bulldog) aus Osnabrück hierher zur Wallfahrt kämen, d.h. vermutlich ist der Weg die Wallfahrt.

Ich erspare dir, werte Leserin, werter Leser, die sich daran anschließende Empörung über den damit verbundenen vollkommen unnötigen und vermeidbaren CO2-Ausstoß (es kommen zu den Trekkern zahlreiche Autofahrende hinzu; der Zug aus Osnabrück hält in einem Ortsteil von Telgte) und komme lieber auf eine wohlwollende Vermutung der Nachbarin zu sprechen:

Bestimmt dient der Weg auch zum Innehalten, damit die Wallfahrenden mal zu sich kommen.

LOL. Im Trekker. Innehalten. Zu sich kommen. Oder auf der Autobahn. Klar. Ist ja bestimmt abschnittsweise zumindest auch ein Stück Jakobsweg dabei. Voll meditativ. Wie habe ich das nur übersehen können.

Aber ganz abwegig ist der Gedanke ja nicht, zumindest war er in früheren Zeiten wohl maßgeblich für solche Wanderungen, also die zu Fuß, obwohl man da vielleicht eher zu Gott kommen und finden wollte als zu sich selbst. Aber eine Art Innehalten war das sicher, eine Auszeit vom harten Alltag, womöglich ein Hoffnungschöpfen für kommende Jahre und Tage. Auf dem Jakobsweg scheint es ja zu funktionieren, allerdings argwöhne ich, dass das Gehen an sich der kontemplative Kraft- und Hoffnungs – und Zu-sich-selbstkommensspender ist. Ist ja auch auffällig, wie viele Jakobswege es gibt, egal, wo man sich befindet, kann man sicher sein, irgendwo der Jakobsmuschel zu begegnen, in Telgte sowieso.

Auguste Rodin. Der Kuss.

Innehalten kann man übrigens auch angesichts überwältigend schöner Dinge. Vor ein paar Tagen habe ich mal wieder einen sehr klugen Essay von Anne Bogart gelesen, diesmal ging es um Erotik. Erotik ist ja weitaus mehr, wenn nicht sogar etwas ganz anderes, als sexuelle Anziehung oder Spannung. In meinen Augen das Gegenteil von dem, was im Spind hängt und Sex-Appeal genannt wird. Erotik ist schon eine Art Spannung, aber eine, die verbindet, die Resonanz schafft. Die kommt, aber sich nicht auf Kommando herbeirufen oder zwingen lässt. Die auch in Verbindung mit Erkenntnis steht. „Er erkannte sie“ heißt es altertümlich.

Egal, bei Bogart steht noch etwas anderes im Vordergrund, nämlich das innehalten. Erotisch ist etwas, das uns innehalten lässt, zu dem wir uns hingezogen fühlen aufgrund einer spürbaren Kraft und Energie, so stark, dass uns die Orientierung verloren geht und wir uns unwiderruflich verändern. Dafür ist Interesse eine wesentliche Voraussetzung. Inter-esse: Zwischen-Sein. Bogart spricht von einer Grenzerfahrung und einer Schwellenwahrnehmung.

In den Momenten, in denen das Interesse erregt wird und wir auf einmal innehalten müssen, stehen wir unmittelbar an einer Kreuzung. An dieser Kreuzung zerfallen all die Definitionen und Voraussetzungen, die uns geformt und bis zum gegenwärtigen Moment geführt haben. Zurück bleibt nur ein Gefühl der Orientierungslosigkeit, eine ungezügelte Aufregung, ein Eindruck, als würden wir aus der Reserve gelockt.

Wie vom Blitz getroffen und vom Donner gerührt, das kennt sicher Jede*r, die*der sich schon einmal auf den ersten Blick verliebt hat. Es geschieht etwas zwischen uns und der Person oder dem, womit wir in Kontakt treten, wenn Resonanz im inter-esse entsteht, eine Reaktion erfolgt. Das ist es, was uns verändert, unwiderruflich.

Interesse an etwas oder jemandem erzeugt immer eine Reaktion, und die daraus entstehende intime Interaktion kann uns auf ewig verändern.

Bogart schreibt darüber, weil sie vor einem Bild von Anselm Kiefer – Osiris und Iris – innehalten musste, ein Bild, das ich leider noch nicht im Original gesehen habe. Aber es gibt viele andere Bilder, aber auch Filme, Musikstücke oder Dinge in der Natur, die mich innehalten lassen. Und es entsteht etwas. Es verändert etwas. Es verändert auch mich, mal im Großen, meist im Kleinen.

Zuletzt hat mich ein Bild von Cartier-Bresson in den Bann gezogen, mich in sich hineingesogen. Das war in der Chagall-Ausstellung im Picasso-Museum in Münster. Nicht weit davon entfernt (meine ich mich zu erinnern) hing das Bild ‚Die Familie‘ von Chagall. Unterschiedlicher kann ein Sujet, eine Expression und die darauffolgende Orientierungslosigkeit kaum sein.

Marc Chagall. Die Familie.1975-76

Henri Cartier-Bresson. Downtown. 1947

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Innegehalten habe ich auch bei zwei Filmen, die ich gestern auf Arte gesehen habe: ‚Vatersland‘ von Petra Seeger und ‚Wenn Hirsche Flügel haben‘ von Stanislas Carré de Malberg (wen’s interessiert). Vatersland ist noch fünf Tage in der Arte-Mediathek, also schnell anschauen! In beiden Filmen geht es (auch) um Familie, im ersten pur, in zweiten unter anderem. Die beiden Filme scheinen mir mit den Bildern oben zu korrespondieren: Einmal geht es um das Thema unauflöslicher Bindungen, zum anderen um Isolation, Einkapselung und Einsamkeit. So sehe ich es jedenfalls.

Wenn ich darüber nachdenke, was es ist, das mich innehalten lässt, erfahre ich immer auch etwas über mich selbst. Ich kann Analogien zwischen dem Gegenüber und mir selbst ziehen. Mich fragen, was da in Resonanz geht, was mich orientierungslos werden lässt. Und ich erfahre immer etwas Neues, egal, wie oft ich mich mit mir selbst und den Dingen auseinandersetze.

Bestimmt kennst du das auch – natürlich. Wie gehst du damit um? Erkennst du Momente des Innehaltens? Wo erlebst du sie? Worin spürst du Energie, Resonanz und Reaktion? Lässt du solche Begegnungen, Momente des Zwischen-Seins zu? Suchst du sie aktiv auf?

Die Frage könnte auch lauten: Gehst du schon oder trekkerst du noch?

 

 

 

 

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