Sei achtsam! Achte gut auf dich! Führe ein Leben in Achtsamkeit!
Solche und ähnliche Aussagen hörst du sicher auch oft. Und bemühst dich um bewusstes Essen, übungshalber mit Rosine, meditatives Gehen, achtsame Sinneswahrnehmungen. Lauschst den Umgebungsgeräuschen, riechst an dem Stück Schokolade, bevor du es dir in den Mund steckst und es langsam, gaaaanz laaaangsaaaaam zergehen lässt, und ertastest und erspürst jede Oberfläche und den Kontakt deines Körpers mit der Sitzfläches deines Stuhls.
Das Wesen von Achtsamkeit ist das meditative Aufgehen mit allem um dich herum, im präsenten Gewahrwerden deiner Umwelt, die im Zustand des „Inter-Seins“ als Mit-Welt erfahren wird, deren Teil du bist.
Achtsamkeit ist eine Art von Energie, die wir dann erzeugen, wenn wir unseren Geist zurück zu unserem Körper bringen und mit dem in Berührung kommen, was im gegenwärtigen Moment in uns und um uns herum vor sich geht. (Thich Nhat Hanh)
Diese Energie im meditativen Zustand erfasst dabei neben der Achtsamkeit auch die Konzentration und die Einsicht. Anhaltende Achtsamkeit führt in tiefe Konzentration und tiefe Konzentration ermöglicht die Einsicht, die keine intellektuelle Einsicht ist, sondern das Eintauchen in die Präsenz, in das Dasein desjenigen, worauf sich Achtsamkeit und Konzentration richten.
[…] and when your mindfulness and concentration are powerful enough, you touch things deeply, and you’ll discover their nature, the insight. And when you have an insight, your insight is a liberating factor; it will liberate you from your anger, your fear, your despair. (Thich Nhat Hanh)
Ich erfahre das als eine tiefe Verbindung mit den Dingen und vor allem mit der belebten Mitwelt. Gerade im Gehen, im Spazierengehen und Flanieren entsteht diese Verbindung als eine Art von Einssein, ein Flow, in dem Grenzen zwischen Innen und Außen, Ich und Anderem aufgehoben zu sein scheinen. Alles schwingt in einer Frequenz, steht in Resonanz. Ich empfinde Ruhe in mir und kann alle möglichen Gedanken kommen und gehen lassen und oft sind auch einfach gar keine Gedanken in mir, nur Ruhe und Tiefe und MittendrinSein.
Achtsamkeit erlaubt es dir, jeden Moment, der dir zu leben gegeben wurde, auf eine tiefe Weise zu leben.
Das Schmecken, Riechen, Schauen und Lauschen sind ebenso Übungen wie das meditative Gehen, sie sind nötig, um in diesen Zustand tiefen Seins einzutauchen.
Heute im Radio – mal wieder – hörte ich ein Gespräch mit Nils Mönkemeyer, ein wunderbar begabter Bratschist, der von einer ähnlichen Erfahrung erzählte, einem Zustand tiefer Verbundenheit mit dem Publikum und einem gemeinschaftlichen Eintauchen in die Musik. Und er erzählte von einer Metapher, die mit der Musik des Flamenco verbunden wird: dem „Duende“.
Duende bezeichnet eine intensive, leidenschaftliche Energie, einen magischen Zauber oder eine Seele im Zustand gesteigerter Emotion, eine tiefe, emotionale Verbindung zwischen dem Künstler und dem Publikum, die durch den Flamenco-Tanz und die Musik erzeugt wird. Die verbindet eine Kraft, die über rein technische oder stilistische Elemente hinausgeht und die Kunst mit dieser besonderen Energie zu durchdringen vermag. Das Wort Duende beschreibt aber auch – und daher stammt es wohl auch – kleine Kobolde oder Geister beziehen, die in der spanischen Mythologie vorkommen und die sich an die Fersen der Menschen heften und sie im Geiste zusammenbringen. Ein ulkiger Gedanke, aber ein wunderschönes Bild, das mich heiter stimmt.
Und tatsächlich habe ich oft das Gefühl von so einem Kobold begleitet zu werden, der mich nicht nur in Verbindung bringt, in einen Zustand des All-Eins-Seins versetzt, sondern mir auch Flausen in den Kopf setzt in Form von Assoziationen und Gefühlen, die mich vermutlich auf Außenstehende schrullig wirken lassen. Ich spreche dann mit Tieren, auch mit Käfern oder Ameisen, bewundere ihre Fähigkeiten oder lobe ihre Schönheit. Ich rette auch Regenwürmer, die nach dem Regen -den sie nämlich gar nicht ertragen, sie ersticken darin – auf den Wegen herumliegen und bette sie zurück in die Erde. Ich atme Gerüche in der Luft und streichle Steine, Pflanzen und Wasser. Und höre jetzt lieber auf, weitere Beispiele aufzuzählen, sonst nimmt mich niemand mehr ernst, geht mir aus dem Weg und verlacht mich. Ich lache selbst über mich. Und trotzdem kann ich ohne dieses Gefühl nicht überleben (schon gar nicht in der heutigen Zeit). Ein Gefühl tiefen Verständnisses, Mitgefühls und Barmherzigkeit mit den Kreaturen und unserem Lebensraum. Mich anrühren und berühren lassen. In diesen Gefühlen des Inter-Seins, Interbeings, Heilung erfahren und zur Heilung der Mit-Welt – auch im ökologischen Sinne – beitragen.
Und natürlich finde ich für all das Bilder – wie hier unschwer zu erkennen ist – und ich mache selbst auch Bilder, der Einfachheit halber mit der Handy-Kamera. Zur Erinnerung, Auffrischung, Dokumentation des Gefühls der Verbundenheit.
Was bringt dich in Verbindung, in Flow, ins Eins-Sein? Tätigkeiten? Sinneseindrücke? Ein bestimmtes Erleben? Welche Bilder trägst du in dir? Welche Assoziationen und Gefühle lösen sie in dir aus?
Mit Bildern reflektieren. Zugang zu sich selbst finden. Authentisch werden.

