Vor einiger Zeit konntet ihr etwas darüber lesen, wie man sich in den Augen der anderen gespiegelt sehen und sich selbst zur Frage werden kann. Auch über ein Wiedererkennen, Selbsterkennen und Fremdheit im Anderen wurde hier schon ein Text geschrieben. In beiden Fällen ging es um eine reflektierende Auseinandersetzung oder auch Aus-Einander-Setzung, also um eine Distanzierung vom Anderen und vom eigenen Selbst, um sich befragen und dadurch erklären, verantworten und, um einige Erkenntnis bereichert, weiterentwickeln zu können.
Heute möchte ich eine andere Perspektive einnehmen und den Blick auf die Begegnung im Dialog richten. Der Gedanke geht zurück auf Martin Buber, ein jüdischer Religionsphilosoph österreichisch-israelischer Herkunft, der sich mit der unmittelbaren, ganz gegenwärtigen Beziehung von Mensch zu Mensch auseinandergesetzt hat. Er sieht darin ein tief verankertes urmenschliches Bedürfnis und anthropologisches Prinzip. Ohne diese Begegnung, diesen so ermöglichten Dialog ist es dem Menschen nicht möglich, sich selbst nahezukommen und zu verstehen: „Der Mensch wird am Du zum Ich“. Dabei entsteht eine Beziehung, die von Gegenseitigkeit, Direktheit und Gegenwärtigkeit getragen ist und eine starke Intensität wahrnehmbar macht. Buber spricht von einem Kraftfeld in der dialogischen Beziehung, und in dieser Begegnung liegt alles wirkliche Leben bzw. wie es im Original heißt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ (Buber, M. (1923) Ich und du. Satz 35, S. 44). Dabei geht es aber nicht nur um so Dinge wie Einvernehmlichkeit, Gleichklang oder Resonanz, sondern um die Entwicklung von Identität und Menschsein. Was heißt es Ich zu sagen, was heißt es Mensch zu sein?
Das Beitragsbild zeigt Strümpfe, Socken, als Paare zusammen gefasst. In der liebenden Paarbeziehung kann eine solche dialogische Beziehung stattfinden, nicht alltäglich, aber in ausgewählten Momenten vollkommener Übereinstimmung. Aber auch das ist es nicht, was Buber aussagen will, ihm geht es um ein Erkennen der eigenen Menschlichkeit im Anderen.
Ich sehe eine solche dialogische Begegnung in diesem Bild von Maria Lassnig von 2005, das ich im Museum für Gegenwartskunst in Siegen betrachten konnte und das den Titel ‚Paar‘ trägt. Die beiden Personen – links vermutlich ein Mann, rechts eine Frau – beide in rotem Gewand, stehen einander gegenüber, eng, aber ohne körperliche Berührung. Mit Ausnahme des Kopfes: beide neigen den ihren dem anderen zu, die Stirnen liegen leicht aneinander. Der rechte Arm der linken Person scheint sich der rechten zu nähern, aber auch das ist nicht erkennbar, die Bewegung wie der Arm verliert sich in der Undurchsichtigkeit des Schleiers.
Überhaupt, der Schleier: Was hat es damit für eine Bewandtnis? Teils wirkt er nebulös, teils transparent wie eine Plastikplane. Er gibt gleichzeitig Schutz, wie er auch die Begegnung des Paares von der Außenwelt abschottet. Die ist ohnehin nur in fahrigem Türkis im Hintergrund angedeutet, wirkt gleichsam verschleiert und verschleiert ihrerseits. Unter dem Schleier aber der Blick: Direkt, unmittelbar, in tiefster Gegenwärtigkeit des Moments treffen beide Blicke aufeinander und verschmelzen zu einem gegenseitigen Schauen. Anschauen. Gesehenwerden. Einssein in der Unmittelbarkeit des gegenwärtigen Moments. Und Gleichsein, auf Augenhöhe. Da wird nichts auseinander gesetzt, da gibt es nur ein beieinander, miteinander, ineinander stehen. Solche Begegnungen sind selten, stellen aber Sehnsuchtsmomente dar, nicht nur in der Liebesbeziehung, sondern ganz generell im Bereich des Zwischenmenschlichen. Sogar im Beruf: Man sehnt sich nach Authentizität, frei sein im Selbstsein, nach Echtheit und Wahrhaftigkeit – rüber wie ’nüber – vom Ich zum Du und wieder zurück.
Der Lehrer und Coach Benni Schaafstall schrieb auf LinkedIn:
Ich will kein Lehrer mehr sein… sondern Beziehungsgestalter! Nur Stoffvermittler zu sein erfüllt mich nicht mehr. Ich möchte echte Verbindung zu meinen Schüler*innen und Kolleg*innen aufbauen – durch aktives Zuhören, ehrliches Interesse und Kommunikation auf Augenhöhe.
Ähnliches höre ich von „meinen“ Studierenden, auch sie wollen Beziehung, mögen und gemocht werden, unterstützen und fördern. Dabei ist die pädagogische Beziehung ein professionelles Verhältnis, das bei aller Nähe auch professionelle Distanz erfordert, ist es doch per se asymmetrisch, hierarchisch. Sich dabei trotzdem auf Augenhöhe mit Respekt, Anerkennung und Wertschätzung von Mensch zu Mensch zu begegnen ist eine Herausforderung, schiebt sich doch ständig das System dazwischen und stört den Dialog, zerreißt die Begegnung.
Sich wieder mehr zu begegnen täte aber Not, denke ich, wenn ich mir die Welt so anschaue. Was wäre, „Wenn wir wieder wahrnehmen“ und „wach und spürend den Krisen unserer Zeit begegnen“, so der Titel und Untertitel eines ganz bemerkenswerten Buchs? Wenn mehr Achtsamkeit und Würde in die Begegnungen einziehen und einen echten Dialog ermöglichen könnten? Einen Dialog, in dem man sich im anderen erkennt, durch den das Ich über das Du sein Menschsein erkennt?
Könnte nicht doch noch mal ein Wunder geschehen? Könnte nicht vielleicht mehr Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und Vertrauen das Fundament zwischenmenschlicher Beziehungen, auch der beruflichen, politischen, bilden? Sollten Beziehungen aller Art nicht auch die Menschen tragen und ihnen Sicherheit, Frieden und Freiheit spenden? Könnten sich Löwe und Lamm zueinander legen, wie sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen?
So niedlich war es, als der beste Hund der Welt sich innig mit 
einem Schaf unterhielt, aber Hund und Schaf bilden schon lange eine gute Alliance!

