Große Worte – kleiner Engel

Bemerken Sie es auch? Die Petitionen häufen sich. Meiner Whatsapp-Blase läuft über, aber auch über E-Mail-Newsletter erreichen mich immer mehr Petitionen mit den unterschiedlichsten Anliegen, rufen zum Unterzeichnen auf, zum Spenden, zu Demonstrationen:

  • gegen die Fakenews der AfD
  • für den Schutz von Ferkeln und erwachsenen Schweinen, von Walen, der Tiefsee und von Korallenriffen
  • Gegen Lügen-Auftritte von Weidel und Elon Musk
  • gegen die Silvester-Böllerei
  • gegen räuberische Fischfangflotten
  • gegen Glyphosat und Sulfurylfluorid
  • für die Rettung des Regenwalds
  • gegen Volksverhetzung
  • für Frieden im Nahen Osten und in der Ukraine
  • für Klimaschutz
  • gegen Betonfabriken auf Java
  • für bezahlbaren Wohnraum
  • gegen Kürzungen im Sozialsektor, in Kunst und Kultur
  • gegen Umweltsünden aller Art
  • für gesunde Ernährung und entsprechende Informationen
  • gegen Zucker in Nahrungsmitteln für Kinder
  • für stabile Renten und gegen steigende Pflegekosten
  • (…)

Was für eine Welt.

Die Petitionen begrüße (und unterschreibe) ich ausdrücklich, ich bewundere die Empörung und das Engagement der Aktiven.

Aber in mir weint es.

Was ist mit den Menschen los, mit den Politiker*innen, überhaupt mit allen? Warum wird so vielen anderen Menschen, Tieren, der Umwelt, der Mitwelt Schaden zugefügt, Schlimmes angetan? Warum schaut jede*r bevorzugt auf sein*ihr eigenes Wohl, die eigene Bequemlichkeit und Komfortzone, die eigenen Vorteile und Benefits und Privilegien?

So jedenfalls kommt es mir vor und ich frage mich ernsthaft: Warum wird so wenig Mitgefühl gezeigt und geteilt?

Wer mich kennt, wird amüsiert sein: Ausgerechnet ich frage nach Mitgefühl, kann ich mich doch nun wirklich nicht zu den Philanthropinnen dieser Welt zählen.

Aber mir geht es um mehr als um die Rettung der Menschheit, es geht mir um die mitfühlende, liebevolle Sorge für unsere Lebensgrundlage, die unsere Mitwelt nun einmal ist. Und die drohen wir zu verlieren, täglich ein Stück mehr, und ich spreche nicht nur von Umwelt und Natur, sondern auch von stärkenden Beziehungen zwischen allem Lebendigen.

Zwei Bücher haben es auf meine zahlreichen, stetig in die Höhe wachsenden Stapel noch zu lesender Bücher geschafft:

„Verlust. Ein Grundproblem der Moderne“ von Andreas Reckwitz und „Die Zeit der Verluste“ von Daniel Schreiber. Beide kennzeichnen die Gegenwart als eine Zeit, in der „Verlusterfahrungen und Verlustängste“ zunehmen (Reckwitz) und „Gewissheiten und lange unumstößlich wirkenden Sicherheiten“ schwinden (Schreiber). Die bisherige Zuversicht und der Glaube in den stetigen Fortschritt und seine Verheißungen weichen zunehmend der Erfahrung, dass Ordnungen zusammenbrechen, Systeme fragil, Selbstverständlichkeiten brüchig werden können. Und das tun sie, politisch, klimatisch, zwischenmenschlich – Verluste „setzen den Ton unserer Zeit“ (Reckwitz).

Es gibt ein Bronzerelief von Käthe Kollwitz ‚Die Klage‘. Kollwitz trauerte um den Verlust ihres Freundes und Wegbegleiters Ernst Barlach, der 1938 starb. In dieser Zeit, bis 1941 dauerte es, modellierte sie diese Arbeit und schrieb später in einem Brief an eine Freundin:

Käthe Kollwitz, Die Klage, 1938-40, Bronze, Sammlung Horn 0051

„Als ich die Klage machte, stand ich unter dem Eindruck von Barlachs Tod und dem furchtbaren Unrecht, das er erlitten hatte. Das furchtbare Unrecht, das Menschen einander zufügen, hat in den drei Jahren sich fortgesetzt und setzt sich noch fort…“ (Käthe Kollwitz, Briefe der Freundschaft, an Trude Bernhard, 1941).

In dem Kunstwerk stellt sich Kollwitz mit den eigenen Gesichtszügen dar und drückt neben der Trauer auch die Wort- und Sprachlosigkeit aus, die sie empfindet, zu der sie aber auch als Künstlerin durch das NS-Regime gezwungen ist.

Menschen fügen einander Unrecht zu, überall, ob Russland in der Ukraine, zwischen den Israelis und den Palästinenser*innen, in diversen afrikanischen Staaten – dies im Großen, aber überall auf der Welt auch im Kleinen, im nur scheinbar Kleinen, das oft genug tiefe Spuren hinterlässt. Tod, Trauer, Angst und Furcht, Depression, Traumatisierung.

Wie dem begegnen? Wie damit umgehen? Verurteilen, verstehen – vielleicht, aber keinesfalls entschuldigen. Unrecht bleibt Unrecht, Gewalt bleibt Gewalt.

Ich frage mich oft, und das ist meine These, warum Täter jeglicher Couleur kein Mitgefühl für diejenigen Wesen aufbringen, Mensch oder Tier oder Umwelt oder Mitwelt, die sie schädigen. Und mehr noch wage ich vorzuschlagen: Wo bleibt die Barmherzigkeit?

Misericordia. Ein großes Wort. Und vorbelastet, kennt man es doch vor allem aus der Religion, übrigens nicht nur aus der christlichen. Alle drei abrahamitischen Religionen weisen auf Barmherzigkeit als eine der herausragendsten Eigenschaften Gottes hin.

Die meisten kennen den „barmherzigen Samariter“, eine Erzählung der Bibel (Lukas 10, 25-37), und tatsächlich richtet sich Barmherzigkeit oft als Form der Nächstenliebe auf den Mitmenschen. Ursprung ist demnach die Eschatologische Rede JesuVom Weltgericht aus Matthäus 25,34-46. Darin beurteilt Jesus Christus im Jüngsten Gericht die Menschen danach, was sie für ihn getan haben, ihn versorgt und sich um ihn gekümmert haben. Nicht was sie für ihn persönlich getan haben, sondern für den Mitmenschen, Gutes oder eben auch Schlechtes. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. Soll heißen: Sorge dich liebevoll, achtsam, mit Zuwendung um deine Nächsten so wie auch um dich selbst. Sorge dich so, wie du dich auch um dich selbst sorgst. Mit Liebe und Barmherzigkeit.

Und in mir regt sich Hoffnung. Möchte ich den Blick abwenden von dem Düsteren, Negativen, das schwer auf der Seele liegt. Möchte das Gute sehen, das es ja auch gibt, so viele Menschen kümmern und sorgen sich, empören sich auch und engagieren sich. Nehmen weitere Menschen mit sich, und so könnte, könnte vielleicht doch etwas bewirkt werden, dass von Mitgefühl, Liebe und Barmherzigkeit getragen ist. Mehr Umweltschutz, Klimaschutz, Tierrechte, mehr Heilung und weniger kriegerische Auseinandersetzungen. Mehr geben und weniger nehmen. Mehr Freude und weniger Leid.

Ganz „Jenseits der Ironie“ befindet sich ein wunderbarer Sammelband, der unter diesem Titel zahlreiche Beiträge aus den unterschiedlichsten Perspektiven und Disziplinen zu „Dialoge[n] der Barmherzigkeit“ zusammenfasst. Zum Beispiel beschreibt Barbara von Wulffen die Barmherzigkeit mit der Schöpfung mit dem Begriff Courtoisie für Franz von Assisis „Haltung, die der Erkenntnis gemeinsamen Geschaffenseins aller Dinge und Lebewesen aus der Liebe des Schöpfers entspringt“ (S. 166). Klingt pathetisch, aus der Zeit gefallen, und doch spielt die Barmherzigkeit in vielen Lebensbereichen und Professionen eine weitaus größere Rolle, als unsere ach so große Nüchternheit und Rationalität vermuten ließe.

Die „Schöpfung“ als Ganzes muss Gegenstand und Ziel von Barmherzigkeit sein, denn auch die Erde nimmt Schaden – ein Prozent ist eben doch niemals genug, sagt der neoliberale kapitalistische Mensch – und der Lebensraum für Mensch und Tier verengt sich immer mehr. Daher gibt es seit einiger Zeit Bemühungen, die Rechte der Natur als Grundrechte anzuerkennen und sie folglich im Grundgesetz zu verankern.

So schlägt das Netzwerk ‚Naturrechte ins Grundgesetz‘ vor, den Art. 1 Abs. 2 des Grundgesetzes neu zu formulieren: „Die Würde der Natur gebietet, die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen, zu pflegen und zu achten und dem Eigenwert der natürlichen Mitwelt im Ganzen der Natur zu achten.“

Dem liegt der Gedanke eines ökologischen Grundvertrags, den der Philosoph Peter Vollbrecht anknüpfend an Kants drei politische Kreise des Bürgerrechts, des Völkerrechts und des Weltbürgerrechts als viertes Friedenswerks vorschlägt:

„Der ökologische Grundvertrag könnte das Friedenswerk der Vernunft auf ein auskömmliches Verhältnis des Menschengeschlechts zur Natur ausweiten. Ein solcher Grundvertrag ist ein sehr ambitioniertes Unternehmen. Denn die Themen der aktuellen umweltpolitischen Diskussion – Klima, Kontaminierung der Böden und des Wassers, industrielle Landwirtschaft und Biodiversität – müssen naturphilosophisch neu justiert werden.“

Statt die Mitwelt nur als Ressource, die es mit möglichst großem Profit auszuschöpfen, besser: auszubeuten gilt, sollten die ästhetischen, moralischen und emotionalen Empfindungen ins Bewusstsein und in Handeln gerufen werden:

„Ein ökologischer Grundvertrag müsste mit dem Stift einer Vernunft geschrieben werden, die weiträumiger ist als diejenige Kants, die sich zu einseitig an nüchternen Rechtsverhältnissen orientiert. Die ökologische Vernunft gründet auch auf Gefühlen.“

Die Wahrnehmung von Gefühlen und Empfindungen ist auch nach meiner Ansicht dringend notwendig, wenn der Schutz des Lebens und der Umwelt wieder zu einem handlungsleitenden Wert erhoben wird. Es wäre viel gewonnen, wenn ein Mehr an Mitgefühl, Sorge und Care-Arbeit, Rücksichtnahme und Weitsicht zu einem Weniger an Machtmissbrauch, ökonomischem Profitdenken auf Kosten anderer, Egoismus und Selbstbezogenheit führen würde.

Aber in mit zweifelt es. Glaubt nicht daran. Sieht zu viel Menschengemachtes, Menschengedachtes, Menschengesagtes, das mich fassungslos zurücklässt. Und mich verlassen Hoffnung und Mut.

Vielleicht kennen Sie die ‚Engel‘ von Paul Klee, ich glaube, es sind 40 Bilder oder mehr. Der ‚Angelus Novus‘ hat es dank Walter Benjamin zu einer gewissen Berühmtheit gebracht als „Engel der Geschichte“, der „das Antlitz der Vergangenheit zugewendet“ hat und der dort nur eine „einzige Katastrophe“ sieht. Der Zukunft hingegen wendet er den Rücken zu.

Paul Klee, es weint, 1939, Zentrum Paul Klee, Bern

Paul Klee, der im Ersten Weltkrieg Schlimmstes erlebt hat, zeichnete kurz vor seinem Tod einen anderen Engel: ‚Es weint‘.

Dieser Engel kauert in sich zusammengesunken, die Flügelspitzen sind wie flehende Hände nach oben ausgestreckt, aus seinen Augen rinnen Tränen. Dieser mit wenigen dünnen Strichen gezeichnete kleine Engel ist in seiner Trauer so erbarmungswürdig und mitleiderregend, man möchte ihn in die Arme nehmen und wiegen und trösten, wissend, dass vermutlich nichts ihn trösten kann.

Wer mich besser kennt, weiß, ich nehme mir schwere Dinge auch schwer zu Herzen. Fluche manchmal und schimpfe wütend über die Erbarmungslosigkeit vieler Menschen, über Machtmissbrauch, Ignoranz, Bevormundung und gewaltvolle Übergriffigkeit. Will auch manchmal über alles hinweg lachen, bin sarkastisch, zynisch auch.

Aber in mir weint es.

 

 

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