Geschichten im Kunstwerk

In Comics oder Graphic Novels wird mit vielen Bildern und meist wenig Text eine große Geschichte erzählt. Werden Charaktere zum Leben erweckt, Landschaften und Welten geschaffen, mit parallelen oder verkehrten Zeiten gespielt. Oft taucht man so tief in diese Bilderwelten ein, dass Fantasie und Realität, die Figuren in den Geschichten und die eigene Identität verschwimmen.

Das kann die Reflexion eigener Gedanken, Entscheidungen oder Überzeugungen anstoßen und bereichern und oft genug findet man dadurch Antworten auf scheinbar unlösbare Fragen oder Herausforderungen, die das Leben uns abverlangt. Dafür reicht auch ein einzelnes Bild. Am liebsten arbeite ich mit Kunstwerken: Zeichnungen, Gemälde oder Druckgraphik, aber auch mit Skulpturen oder abstrakter Kunst. Ich frage mich, welche Geschichte damit erzählt wird oder denke mir einfach eine eigene Story dazu aus.

Zum Beispiel zu diesem Bild hier: In der Erdbeerzeit von Gabriele Münter. Ich habe es im Lenbachhaus München gesehen und die kräftigen Farben, die gleichwohl eine leichte Atmosphäre, fast eine Urlaubsstimmung an diesem schönen Platz oberhalb des Wassers – Meer oder der Staffelsee? – erzeugen, üben eine starke Anziehungskraft auf mich aus.

Abb.: Gabriele Münter, In der Erdbeerzeit (Terrassen-Café), 1919, Lenbachhaus, Gabriele Münter Stiftung 1957, © VG Bild-Kunst, Bonn 2024

Als erstes ging mein Blick auf das aufmerksame, ein wenig ernste Gesicht der grauhaarigen, wohl etwas älteren Dame, die der ihr gegenüber sitzenden Frau im blauen, rot getupften Kleid konzentriert zuzuhören scheint. Dann nehme ich nacheinander den sonnengefluteten Himmel über dem ruhigen Wasser, die blaue Kopfbedeckung der jungen Frau und die Haube oder das Kopftuch des Mädchens wahr; letztere stützt ihren linken Fuß leger-elegant auf der Quersprosse des Gartenstuhls ab. Die drei Frauen – es scheinen auch drei Generationen zu sein: Mutter, Tochter und Enkelin – scheinen sich an einem sonnigen Tag dort auf dieser Terrasse zu einem Nachmittagskaffee getroffen zu haben. Die Sonne steht nicht mehr sehr hoch und die Luft ist vielleicht schon kühl. Vor ihnen auf dem Tisch stehen zwei Schüsseln mit Erdbeeren; das Mädchen führt eine der roten süßen Früchte mit einem Löffel zum Mund.

Was mögen die erwachsenen Frauen zu besprechen haben? Die Jüngere scheint nichts zu verzehren, sie ist es, die spricht, und obwohl ihr Gesicht nicht zu erkennen ist und sie ganz am Bildrand platziert ist, bestimmt sie durch die auf sich weisende Geste die Geschichte. Das Mädchen ist nicht am Gespräch beteiligt, sie konzentriert sich ganz auf ihre Erdbeeren, während ihre Großmutter ihrer Tochter aufmerksam zuhört. Es scheint keine gute Nachricht zu sein, die ruhige Stimmung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ernste Dinge besprochen werden. Eine neue Stellung, die die Jüngere in der entfernten Stadt antreten wird, was mit einem Umzug verbunden ist, sie wird mit ihrer Tochter die Mutter und Oma dort am See zurücklassen. Oder sie unterbreitet ihrer Mutter, dass sie sich von ihrem Mann trennen wird, er ist ohnehin dauernd auf Geschäftsreise und hat ständig irgendwelche Affären und nun ist sie nicht mehr bereit, das mitzutragen, sollen die Leute doch reden! Die Frauen haben sich diesen stillen, abgelegenen Ort, der zu dieser Jahreszeit noch nicht so überlaufen ist, extra für dieses intime Gespräch ausgesucht. Dennoch wird gleich der Vater des Mädchens auftauchen, schnaufen, weil er aufgeregt, empört und auch angstvoll den Berg hinausgelaufen, fast gerannt ist, aus Sorge davor, seine Frau und Tochter zu verlieren. Er wird sie nicht überzeugen und halten können und wütend wird er die Erdbeerschalen mit einer unwirschen Handbewegung vom Tisch fegen!

Oder alles ist ganz harmlos: nach einem längeren Aufstieg die Steilküste hoch freuen sich alle drei über die wohlverdienten, kühlenden Erdbeeren und das endlich doch noch warme Frühlingswetter, das bereits eine Ahnung vom nahenden Sommer und das erfrischende Bad im See bei sanfter Brise gibt. Nun sitzen sie da, unterhalten sich in Ruhe über die neuesten Ereignisse und genießen die friedliche Stimmung des Nachmittags, dort über dem See. Der Vater des Mädchens muss leider arbeiten, er hat selten Zeit für seine Familie, aber heimlich hat er sich freigenommen an diesem ersten schönen Tag im Frühsommer, an dem die Erdbeerernte begonnen hat, und er wird sich gleich anschleichen und die Damengesellschaft gleich freudig überraschen! Mitbringen wird er einen Strauß Frühlingsblumen für seine Frau, Pralinen für die Schwiegermutter und den neuen Band der Lieblingsbuchserie seiner Tochter, die froh sein wird, sich in die Lektüre vertiefen zu können und dem Gespräch der Erwachsenen zu entkommen.

Welche Botschaft könnte ich diesem Bild, diesem Szenario entnehmen? Dass es guttut, sich hier und da ausreichend Zeit und Ruhe für den innigen Austausch mit nahestehenden Menschen zu nehmen? Eine persönliche Extrazeit, den Alltag durchbrechend, ganz exklusiv. Verbunden mit Bewegung, leicht und kontemplativ, in der Natur, die für schöne Stimmungsmomente sorgt. Zur Erdbeerzeit vielleicht – aber nicht nur!

Nehme ich mir genügend Zeit oder gibt es nur Extreme: Arbeit auf der einen und Erschöpfung auf der anderen Seite? Busy sein und etwas leisten (müssen), und dann Rückzug in die eigene Privatheit, in Ruhe und sogenannter Me-Time, die zwar wichtig ist, aber doch auch selbstbezogen. Was ist mit sozialer Zeit? Zeit mit Freunden, die man mit Lachen und Geschichtenerzählen, mit angeregten Diskussionen und persönlichem Austausch füllen kann. Kommt das nicht vielleicht manchmal zu kurz? Gerade war ich bei einer lieben Freundin und ihrem Mann zum Neujahrsessen, in wenigen Wochen kommen sie zu mir und wir feiern das chinesische Neujahrsfest – das Jahr der Holz-Schlange. Und vielleicht gibt es dann schon Erdbeeren – wer weiß…

 

Mit Kunstwerken reflektieren, über das Bild ganz intuitiv einen Zugang zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen finden – wie das geht, erfahren Sie auf meiner Website!

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