Heute habe ich mir mal wieder einen Tag im Museum gegönnt. Otto Mueller, expressionistischer Maler der Brücke-Gruppe. Sogar mit Führung, was ich selten ertrage, aber diesmal habe ich mich intuitiv dafür entschieden – und ich lag richtig. Habe viel gelernt und meine Gedanken wurden heftig angekurbelt. Kurz vorweg: Ausstellung, Kuration und Raumgestaltung, kritische Parallelausstellung, Führung und schließlich der Katalog sind sehr klug und ästhetisch gestaltet. Aber darum geht es jetzt nicht, sondern um die Fragen, wer Otto Mueller war, vielmehr, wie er sich selbst sieht und wie er sich zeigt. Was sehen wir in seinen Bildern über ihn und die Weise, wie er die Welt und die Kunst sieht?
Von Mueller weiß man anscheinend nicht viel, also die Kunstwelt – ich sowieso nicht. Aber man macht sich so seine Gedanken, z.B. über seinen Hang zum Okkultismus (ich würde sagen zur Spiritualität). Er selbst hat sich vielleicht auch Gedanken über sich selbst gemacht, wenngleich er es nicht für nötig hielt, seinen Bildern Titel zu geben oder sie auch nur zu datieren. Aber er hat sich selbst gemalt; zwei Selbstbildnisse und ein Bildnis, das Erich Heckel von ihm gemalt hat, wurden im Landesmuseum für Kunst und Kultur in Münster ausgestellt, drei sehr verschiedene Ansichten von ihm, von sich.

Otto Mueller, Selbstbildnis (um 1918), Bay. Staatsgemäldesammlung, Sammlung Moderne Kunst, Pinakothek der Moderne, München
Wer war Otto Mueller, fragt die Ausstellung angesichts dieser drei Bilder. Schon seine Selbstbilder – auf der Leinwand (Rupfen eigentlich) und in seiner Vorstellung – sind höchst unterschiedlich, verwegen, verschlagen, geheimnisvoll und mystisch das eine, hart, martialisch und bedrohlich vor dem roten Hintergrund das andere. Das Bild, das er nach außen abgab, so wie Heckel ihn sah, ist wieder anders, seriös, gesellschaftsfähig, geschäftsmäßig, tough.
Wie brachte er diese drei sehr verschiedenen Identitäten zusammen? War er aller drei gleichzeitig oder eher abwechselnd? Stellte er sich unterschiedlichen Menschen in diesen unterschiedlichen Rollen dar – absichtlich, kontextbezogen, situativ? Machte er ein Geheimnis um sich und seine Persönlichkeit?
Dass er immer wieder Masken, Fratzen oder dämonengleiche Gesichter in seine Bilder eingebaut hat, lässt dies fast vermuten, so zum Beispiel bei ‚Maschka mit Maske‘.
Neben diesem Bild hängen vier Bronze-Masken von Schmitt-Rottluff, was die Unsicherheit und leise Beklemmung beim Betrachten des Bildes noch verstärkt. Mueller zeigt sich teilweise auch selbst maskenähnlich, mit offenen Augenhöhlen oder so stark verdunkelt im Hintergrund, dass seine Gesichtszüge sich aufzulösen scheinen.
Das Spiel mit Selbstdarstellung und Maskierung gegenüber der kontemplativen Verschmelzung mit der umgebenden Landschaft im Bild wird bei zweien seiner Aktbilder deutlich. Generell sucht Mueller „den unmittelbaren Ausdruck“, schreibt die Kuration an die Wand, und lässt ihn selbst zu Wort kommen: „Hauptziel meines Strebens ist, mit größtmöglicher Einfachheit Empfindungen von Landschaft und Mensch auszudrücken“.
Ich sehe das in dem linken Bild: das Mädchen, die junge Frau in Rückenansicht scheint ganz eins mit ihrer Umgebung zu werden, sie hält den Kopf gesenkt, vertieft sich in etwas oder in sich selbst. Sie nimmt nicht wahr, dass sie beobachtet wird, vom Maler (imaginativ) oder jetzt von den Ausstellungsbesucherinnen (fiktiv). Sie ist ganz sie selbst.
Ganz anders im zweiten Bild: Hier posiert die Frau, stellt sich dar, verstellt sich dadurch vielleicht, sie inszeniert sich und performiert ihren nur scheinbar natürlich-ursprünglichen Umgang mit der Natur um sie herum.

Otto Mueller, Akt zwischen Bäumen (um 1929); Harvard Art Museums, Boston/ Busch.-Reisinger Museum, Ass. Fund
War die versunken-vertiefte Frau ganz bei sich und authentisch, so ist die Natürlichkeit in diesem Bild vorgetäuscht, das gemalte Modell (wir tun so, als sei das Bild vor Ort in Echtzeit gemalt und vollendet) spielt ihre Authentizität. Das nimmt ihr in meinen Augen die Unmittelbarkeit, gibt ihr aber Selbstbewusstsein und Reflexivität.
Reflexivität auch hier:
Während die im Bild linke Frau die betrachtende Person anzuschauen scheint, richtet sich der Blick der rechten auf ihre Nachbarin. Was denkt sie? Nimmt sie sich in den Augen der Frau dicht neben ihr wahr? Oder versucht sie deren Gedanken, ihren Blick nach außen auf den*die Betrachter*in (den Maler?) zu ergründen? Was bedeutet ihr ihrer beider Nacktheit, die direkte Nähe und die Berührung der Körper? Wie sieht sie sich selbst?
Unmittelbarkeit, Berührung von Haut auf Haut und doch distanznehmende Blicke von rechts nach links und von innen nach außen, nachdenklich, fragen, skeptisch vielleicht. Sich selbst wahrnehmen und spiegeln im anderen. Sich zeigen und doch wieder maskieren, unergründlich.
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Mehr über die Reflexion mit Kunstwerken finden Sie auf meiner Website.
Alle Fotos: Simone Mattstedt; LWL Museum Münster, 04.01.2025; >>Otto Mueller<< Blicke, Körper,Distanz





