Fremd sind wir uns selbst.
Dieses Zitat von Paul Ricœur lässt gleich mehrere Saiten in mir anklingen. Einige tief gestimmte Saiten tönen in Melancholie, manch andere in Neugier auf die Welt.
Eigentlich sollte man doch annehmen, man kennt sich selbst am besten. Andererseits weiß man um die eigenen blinden Flecken. Was darunter verborgen sein mag, sehen häufig nur die anderen. Die allerdings nur die Fassade sehen, und dieser Blick ist dann auch noch getrübt durch die eigenen Seh-Einstellungen. Die Sichtfenster sind getrübt, jahrelange Erfahrung hat sich auf ihnen abgelagert, frühere Erlebnisse haben nur kleine Ausschnitte mit ihrem Ärmel blankgerieben. Der Blick hindurch sieht niemals das Ganze und hinter dem Äußeren niemals den Kern, das Wesentliche. Das Wesentliche ist für die Augen ohnehin unsichtbar, heißt es.
Mit dem Blick, den ich auf mich selbst richte, sehe vielleicht die Schale, aber niemals so, wie andere sie sehen und immer nur seitenverkehrt im Spiegel oder von oben nach unten. Meinen Kern hingehen kann ich nur erahnen, erfühlen, erspüren. Aber auch dieser Zugang ist verstellt von Altem und Fremden:
Was ich einmal erlernt habe.
Was die Leute denken oder sagen.
Was schon immer so war.
Was wirklich wichtig ist im Leben.
Was sich bewährt hat.
Worauf es wirklich ankommt.
Was mich weiterbringt.
Womit sich ein erfolgreiches Leben führen lässt.
Was richtig ist (für andere).
Was man halt so macht.
Was mich ausmacht, woraus mein Kern besteht, was das für mich Wesentliche ist, kann ich nicht immer gleich sagen. Das heißt: inzwischen schon. Oder noch anders: Geahnt, gespürt, vielleicht gewusst habe ich es längst. Aber es sichtbar und hörbar zu machen, lerne ich jetzt erst.
Was mir vertraut ist, aus meinem Inneren, meinen inneren Empfindungen und meiner Originalität, ist für andere vielleicht fremd. Und umgekehrt: Was ich von den meisten Menschen sehe und höre, ist mir völlig unverständlich.
…letztendlich geht jeder seinen Weg allein.
(Rose von der Au)
Dem Versuch, mich verständlich zu machen, geht der Versuch, mich auszudrücken, mich zu erzählen, voraus. Verbal, in Geschichten und Selbstdarstellungen, nonverbal zum Beispiel durch künstlerischen Ausdruck. Bildnerisch, fotografisch, zeichnerisch, plastisch gestaltend, video-künstlerisch, schreibend, komponierend. Whatever. Hier ist das Fremde keineswegs trennend und isolierend, sondern fragend, anrufend, auffordernd. Auffordernd, sich zu hinterfragen, in ein Verhältnis zu setzen, eine Haltung zu entwickeln. Die Perspektive zu wechseln und sich selbst an eine andere Stelle, in eine andere Haut zu versetzen. Was wäre wenn? Wem könnte ich begegnen? Was würde das für mich bedeuten? Was halte ich davon? Finde ich mich selbst darin wieder? Kann ich es mir aneignen, zueigen machen – zum Eigenen machen?
Vor mehreren Jahren war ich in einer Ausstellung über „Die zweite Haut“ im Museum Schloss Moyland. Dort zeigten Werke von 20 ausstellenden Künstler*innen, „was es bedeuten kann, sich eine ‚zweite Haut‘ überzustreifen, um sich von der Natur abzugrenzen oder mit ihr zu verbinden. Welche Geschichten lassen sich mit Kleidungsstücken erzählen? Können wir unsere Vergangenheit wie ein Stück Kleidung ablegen und wie ist es, die eigene Haut als Kleidung zu tragen?“ So schrieb eine der Beteiligten, Doborah Sengl. Ich schätze, in gewisser Weise hat dies jede*r schon einmal gemacht. Mit ihrem* Typ gespielt, Neues ausprobiert, den eigenen Style verändert. Ein alter Werbeslogan versprach, der Friseur (und die Friseurin) gebe dem ICH neuen Schwung. Wirkt von außen nach innen.
Umgekehrt wirkt die zunehmende Selbstkenntnis nach außen. Logisch. Sage mir, was du liest, isst, trägst, sagst, schaust, hörst…. und ich sage dir, wer du bist. Inklusive blinder Flecken. Das macht Begegnungen mit Menschen und ihren kulturellen Erzeugnissen, dem Ausdruck ihrer Selbste, so spannend und aufregend.
Aber auch riskant. Man kann scheitern. Es bleibt eine fragile Angelegenheit. Und es bleibt vielleicht ein kleiner Kummer darüber zurück, es nicht ganz zu schaffen, dem eigenen Selbst den Weg nach außen zu bahnen und mit der durchs vorsichtig geöffnete Fenster gestreckten Hand eine verwandte Seele zu erreichen.
Fremd bin ich ausgezogen, fremd kehr‘ ich wieder heim.
(Wilhelm Müller/Schubert, Winterreise)



