Fische und ich

Ich mag Fische. Ich mag überhaupt Tiere, nahezu alle, sofern sie nicht acht Beine haben. Früher hatte ich ein Aquarium, eigentlich zwei, das Kindl hatte auch eins. Heutzutage habe ich Fische in einem winzigen Gartenteich, kleine Fischli natürlich, denen der Teich riesig erscheint. Fische sind sehr pflegeleicht, man kann sie gut allein lassen, denn sie sind nicht besonders mitteilsam. Aber sie hören gerne zu und wohl auch genau hin, denn sie erkennen mich an meinem Schritt und kommen gleich angeschwommen in Erwartung von Futter, das sie dann auch bekommen. Meistens, aber nicht jedes Mal.

Natürlich will ich nicht wirklich über Fische sprechen, das würde dich sicherlich ein wenig langweilen, aber ein wenig Fisch möchte ich dir zumuten. Da gibt es nämlich ein Bild, auf dem ein Fisch eine wichtige Rolle spielt. Eine tragende sogar, wie’s scheint. ‚Die Frau und ihr Fisch‘ heißt es. Es könnte auch umgekehrt sein: Der Fisch und seine Frau, aber das klingt vielleicht anrüchig. Ist auch egal. Interessant ist für mich vielmehr die aufstrebende Dynamik der Bewegung der beiden, so sehe ich es jedenfalls.

(Erwähnte ich schon mal, dass es völlig unwichtig ist, etwas über ein Bild und seine*n Schöpfer*in zu wissen? Es gibt – wenn man mit Kunst reflektieren möchte – nichts zu wissen, nur etwas zu sehen, wahrzunehmen, zu empfinden und zu assoziieren. Und damit kann man dann weiterarbeiten.)

Also schau mit mir zurück aufs Bild.

Man Ray.,Fische (La Femme et son Poisson);1938; LWL Kunstmuseum Münster.

Dynamisch ist auch die Passung der Kurven: Frau und Fisch fügen sich so ineinander, dass es an die Löffelhaltung eines Paares, das sich aneinanderschmiegt, erinnert. Aber Frau und Fisch berühren sich nicht. Sie wirken auch nicht kuschelig-gemütlich, sondern hager, drahtig, athletisch. Die angedeuteten Rippen der Frau spiegeln sich im Schuppenmuster des Fischs und ich ahne die Gräten darunter. Das Paar wirkt auf mich zäh, Frau wie Fisch, und der Fisch trägt die Frau, so sehe ich es. Trotz des Abstands der beiden. Ich sehe sie durchs Wasser flitzen, an die Oberfläche schießen, bereit aufzutauchen in einer synchronen Bewegung.

Das Bild hat für mich etwas Elementares, der Fisch gleitet auf einer blauen Blase aus Wasser, darunter aber erdiges Braun, er ist nicht wirklich im Wasser. Die Frau räkelt sich der Sonne entgegen; helles Licht fällt von links oben in schuppigen Strahlen auf sie. Für mich drückt das Gemälde eine große Lebendigkeit und Kraft aus, obwohl kein Hauch Grün die Szenerie belebt, und auch etwas Unmittelbares in der Begegnung des ungleichen Paares. Trotzdem gibt es eine große Anspannung, eine Überstreckung und Verkrampftheit. Dabei wirken die nackte Frau und der seines Wasserelements enthobene Fisch seltsam ungeschützt. Das Gesicht der Frau wirkt allerdings wesentlich entspannter als das des Fischs, der vielleicht nach Luft schnappt unter der Last des Gewichts der Frau, das er trägt, das er verantwortet.

Mir geht es oft so. Und ich bin der Fisch. Dynamisches Streben, Aufgebot aller Kräfte, nicht in meinem Element, nach Luft schnappend. Und doch strahlt es Stärke aus, Farbigkeit, Verbundenheit zum Wasser, das ahnungsweise auch mich trägt.

Da gibt es noch ein Bild mit Fisch. Im Gegensatz zu diesem kraftvollen Bild oben ist es in meinen Augen ein Ausdruck größter Starrheit, Verkrustung und Fremdheit.

René Magritte, La présence d’esprit (Die Geistesgegenwart). 1960; Folkwang Museum Essen.

Der Titel des Bilds (verzeih die Lichtspiegelung im Foto) von René Magritte ist La présence d’esprit, übersetzt: Die Geistesgegenwart. Oder die Gegenwart des Geistes? Ist nicht ganz dasselbe. 😉

Der Vogel könnte den Geist repräsentieren, der Fisch – hier ganz ohne auch nur einen Tropfen Wasser, zeugt von Entbehrung. Braucht ein großer, wacher Geist Askese und Kargheit? Kann allein von Luft leben? Die Luft im Bild, oder das, was sie vorgibt zu sein, scheint mir sehr smoggy zu sein, staubig, von ähnlichem Farbton wie die trockene, verdorrte Erde. Und dann der Mann zwischen dem Getier – trotz Melone alles andere als vom Geist Pan Tau’s – schaut er genauso trocken, steif in seinem Anzug, wenn auch mit weichen Gesichtszügen starr die betrachtende Person an. Kein Kontakt zwischen Mann und Tieren, farblos leeren Blicks der Fisch, hölzern der Vogel, nicht der leiseste Farbglanz, nichts zeugt von Leichtigkeit, Filigranität der Federn und Schuppen. Gruselig irgendwie. So stelle ich mir Geist nicht vor, ganz im Gegenteil. Kein Hauch eines lebendigen, kreativen Geistes, esprit. Null Inspiration. Und auch hier kein Hauch von frischem, lebendigen Grün. Hier bin ich nichts, nicht mal der Fisch, hier will ich nur weg.

Wie anders dieses Bild, das seit langem mein Lieblingsbild ist. Also eines, das noch lieblingshafter ist als viele andere. Es ist das Bild einer Frau mit Fischen. Hier kommt beides zusammen: Kraft und Lebendigkeit. Fantasie, Kreativität und Richtung, Ziel. Farbe und Struktur. Kreativität und Klarheit. Verspieltheit im Ohrgehänge und den Flossen der Fische, daneben Struktur in den Streifen und Falten. Aufrechte, klare Haltung der Frau und quecksilbriger Glanz der Fische im Hintergrund, die ihr Rückhalt geben. Freundlichkeit, Wärme und Weichheit. Dennoch Direktheit im Blick, Verbundenheit mit der betrachtenden Person wie auch mit den Skalaren, deren Blick auf sie gerichtet ist.

So will ich sein, das ist eine gute Verbindung von Kraft und Energie auf der einen und Struktur auf der anderen Seite. Ruhe und Lebendigkeit. Nichts kommt zu kurz, nichts ist zu viel, zu extrem, zu einseitig. Alles ist stimmig.

 

 

 

 

 

 

Kennst du auch Bilder, die für dich ein zu viel, ein zu wenig, ein genau richtig ausdrücken? Was genau assoziierst du damit? Welche Gefühle weckt das in dir, was löst es aus? Wo in deinem Leben zeigt sich dieses zu viel, zu wenig, genau richtig?

Selbstreflexion mit Kunst kann man lernen und wunderbar nutzen: für die eigene Standortbestimmung und Potenzialentwicklung zum Beispiel. Mehr erfährst du auf meiner Website fabulame.de

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