Es war ein Kind, das wollte nicht

Ich war ein garstiges Kind. Garstig wie ein Marabu. Das jedenfalls sagte meine Oma immer, was nicht heißen sollte, ich sei hässlich gewesen, obwohl so ein Marabu ja wirklich beklagenswert hässlich ist. Aber das war es nicht, sondern ich musste es mir immer anhören, wenn ich mal wieder ungezogen war, ungehorsam, und Widerworte gab. Ich weiß nicht, ob ich wirklich soooo unartig war, eigentlich hielt ich mich immer für sehr folgsam und brav, aber das ist nur die eine Seite.

Die andere Seite zeigt mich als eigenwillig, nach Unabhängigkeit strebend, dickköpfig und hartnäckig, kritisch und ein bisschen neunmalklug. Ich habe auch wirklich, ganz bestimmt immer versucht, ganz artig zu sein und auch meinen Teller leerzuessen (ein Trauma!!!), selbst wenn es diese schrecklichen riesigen Erbsen mit der unzerkaubaren Schale gab. Brav alle in den Mund geschoben, heimlich aber in der Backentasche gesammelt, nach dem Essen ums Haus herumgelaufen, wo mich niemand sehen konnte, und – zack! – das ganze fiese Schalenkompott in eine Ecke gespuckt. Vordergründig folgsam, aber im Wesen eigenwillig und „verhaltenskreativ“. Oder lösungsorientiert.

Dabei ging es mir nie ums Prinzip, ich war keine Rebellin. Oder jedenfalls nicht immer, nicht von Anfang an. In der Pubertät vielleicht, aber da ist es ja normal, unangepasst zu sein, heilsam sogar, sich gegen die Elterngeneration aufzunehmen, die eigene Persönlichkeit zu entdecken und zu festigen, eigene Wege zu gehen. Erik Erikson meint dazu, um für die Aufgaben im Erwachsenenleben gerüstet zu sein, vollziehe sich die Entwicklung der Persönlichkeit in acht Stufen, und die Entwicklungsaufgabe im Jugendalter sei es eben, sich in ein Verhältnis zur Gesellschaft und ihren Erwartungen an die sozialen Rollen zu setzen, die eigenen sozialen Rollen zu finden und durch die Antithese von Identität und Identitätskonfusion ein entsprechendes Selbstbild zu konstituieren. Heißt: Ich weiß, was ich soll, aber das ist nicht immer das, was ich will, was mich größtmöglich verwirrt, woraus ich eine Lösung für mich selbst finden muss. Bis es soweit ist, gehe ich allen auf die Nerven.

Nun, ich tat das schon wesentlich früher, aber ob ich nun in besonderem Maße für die Bewältigung der Erwachsenenaufgaben gewappnet bin, wage ich nicht zu beurteilen. Denn leider bin ich immer noch widerständig, obwohl ich Pubertät und auch die Trotzphase lange überwunden zu haben glaube. Das ist ein vielschichtiges Problem.

Ingeborg Lüscher, Das Hemd. 1981

Was mich stört, ist jegliche Art von Bevormundung und jede Form von Ignoranz meiner Interessen und Bedürfnisse. Ich hasse auch alle Versuche mich zu manipulieren – sofern ich es merke – ich lebe eine „Hermeneutik des Verdachts“ (Nietzsche), bin also grundsätzlich misstrauisch, beäuge kritisch jede Maßnahme und Intervention, die nicht mit mir abgestimmt ist, und begegne jeder noch so kleinen Übergriffigkeit mit einer vehementen Gegenwehr. (Ich weigere mich auch zu bügeln.) Und das gilt nicht nur für mich selbst: Stellvertretend für die Interessen und Bedürfnisse anderer, vor allem jener, die sich nicht wehren können, die unterdrückt werden und in Abhängigkeitsverhältnissen stehen – ich meine nicht nur Menschen allgemein, sondern insbesondere Kinder, Geflüchtete, Ghettoisierte oder Diskriminierte (aber ebenso Tiere, die wie auch immer dem Menschen, seiner Raumbeanspruchung und seiner Gefräßigkeit zum Opfer fallen) – stellvertretend für all jene könnte ich Tobsuchtsanfälle bekommen, mich zornig aufregen und einen (kleinen) Aufstand proben und dem machtvollen Übergriff die Stirn bieten. (Und Netanjahu übers Knie legen.)

Dabei geht es mir um die Sache, ich will keineswegs meinerseits Macht ausüben, höchstens vielleicht die Macht der Vernunft, von Verstand, Anstand und Ethik über die Dummheit, Ignoranz, Sinnlosigkeit und Unlogik. Um nur einiges zu nennen…. (klingt dogmatisch; ich bewundere die verständnisvolle und entschuldigende Empathie einer Kollegin, die erstmal alle möglichen Perspektiven einzunehmen bemüht ist!)

Wenn beides zusammen kommt – Bevormundung und Unvernunft, Unverstand und Unlogik etc. – dann werde ich eisern und beginne den Kampf. Ganz strategisch, mit der mir möglichen Unterstützung und so klar wie möglich. Diplomatisch wäre zu viel gesagt, denn dazu bin ich zu direkt, aber höflich – höflich, aber bestimmt. So bringe ich Kritik vor, versuche die Argumentation der Gegnerin durch das Aufdecken von Widersprüchen zu entkräften oder zumindest andere Argumente dagegenzuhalten. Mein Ziel: Klar, erst einmal meinen eigenen Weg gehen zu können, mich nicht aufhalten oder auch nur ausbremsen zu lassen. Aber auch: Machtstrukturen aufzubrechen versuchen, sinnlose, weil unsachliche und rein zur Unterdrückung genutzte Hierarchien aufzulösen. Mich nicht gängeln zu lassen und gleichzeitig dem System etwas entgegenzusetzen. Ein Kampf gegen Windmühlen, ich weiß, aber Klappe halten? Is nich!

Stephan Balkenhol, Miss Liberty

Neulich erzählte mir mein Onkel, er sei genauso, schon immer so gewesen (aha, ein Familienthema, die Gene sind schuld!), was ihm vor vielen Jahren eine Kündigung eingebracht habe. Danach hat er seine Klappe gehalten. Hm. Vernünftig scheint es schon. Aber ein sehr erfolgreicher Schulleiter sagte mir vor vielen Jahren, es sei einfacher, sich im Nachhinein zu entschuldigen, als vorher um Erlaubnis zu fragen und dann keine Genehmigung/Erlaubnis/Freigabe zu bekommen. Diese Weisheit habe ich mir zu eigen gemacht. Ist nicht immer ganz so vernünftig. Aber meistens zielführend. Nun, im aktuellen Fall leider nicht.

Neben der DNA meines Onkels (vermittelt über meine Mutter, nehme ich an) trage ich aber auch noch das Diktum meines Vaters in mir, der die Logik und die Ratio immer, wirklich IMMER als oberstes Gebot vor sich hertrug und nichts tat ohne vernünftige Begründung. Und auch er hat ständig alles kritisiert. Für ihn gehörte das zu einem gebildeten Geist. Was anderes also hätte aus mir werden sollen???

Nach der Bildungstheorie von Heinz-Joachim Heydorn muss der Widerspruch zwischen Bildung und Herrschaft erkennend ausgehalten, aber überwunden werden (auch ein Widerspruch). Bildung soll dabei das Instrument zur Befreiung von Herrschaft sein, ihr Motiv liegt in der Hoffnung auf die zukünftige Möglichkeit einer humanen Gesellschaft. Sag ich doch! Immer ma wech mit den Mächtigen, den machtvollen Strukturen, den inhumanen Zuständen als Folge von Unterdrückung und Knechtschaft! Dafür ist so ein bisschen Widerstand, ein trotziges Aufbegehren sehr hilfreich.

Jetzt bin ich etwas abgeschweift, der guten Vorbereitung zum Trotz …. Apropos Trotz: Entgegen der verbreiteten Meinung, bei Trotz handele es sich um einen sehr unbequemen früh- (und manchmal auch spät-)kindlichen Affekt, ein stures, bockiges Festhalten am einmal Beschlossenen, kann Trotz auch irritieren und imponieren. In dieser positiven Bedeutung ist Trotz eine Herausforderung, Mut, auch Stolz und Widerstand, der derr einen Seite entgegengesetzt wird, um einer anderen Seite Schutz zu bieten. Gerade diese innere Haltung, Trotz aufzubieten, um Schutz zu gewähren, erweckt Vertrauen und die Zuversicht, Hindernisse überwinden zu können. Dies alles ist nachzulesen im Essay „Zum Trotz“ von Daniela Strigl.

Trotz, Widerstand, Kritik, auch Ungehorsam, um selbstbestimmt in Freiheit leben zu können – jede*r Einzelne, jede Gruppierung, ganze Gesellschaften – sind notwendig, um Macht und Herrschaft, Hierarchie und Heteronomie, einengende und bevormundende Strukturen aufzubrechen. Das ist noch lange keine Preisgabe von Sorge und Verantwortung, Verbindlichkeit und ethischer Verpflichtung – im Gegenteil!

Ich erinnerte mich an eine Aufführung der Tanzschule meiner Tochter, als sie noch recht klein war, in der Bilder von Paul Klee „vertanzt“ wurden. Teil dieser Aufführung war eine Kindergruppe, die einen Tanz mit dem Titel „Es war ein Kind, das wollte nicht“ aufführte. Sehr aufklärerisch, sehr trotzig, und sehr überzeugend.

Paul Klee. Es war ein Kind, das wollte nicht. 1920

 

Nein nein nein, ich tanze nicht. Aufführung der Tanzwerkstatt Bamberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sich selbst in seiner biographischen Gewordenheit reflektieren – einfach durchs Erzählen – und einen begründeten, kritischen Standpunkt einnehmen: Das geht mit dem Erzählcoaching und der Reflexionsbegleitung von fabula Me!

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