Manchmal quält uns ein Riesenproblem, es scheint unlösbar und verfolgt uns bis in den Schlaf. Wir fühlen uns machtlos, ausgeliefert, verlieren das Vertrauen an der Situation selbst etwas ändern zu können. Egal von welcher Seite wir das Problem betrachten, gleichgültig, wie viele Lösungsansätze wir durchspielen, es bleibt vertrackt. Alles rational durchdacht, multiperspektivisch mit Freunden und Familie durchgesprochen – keine Chance. Unlösbar. Nix zu machen.
Manchmal hilft es da, die Gedanken, den Kopf für eine Weile auszuschalten und nur die Gefühle, die Intuition wirken zu lassen. Sie überhaupt erst einmal wahrzunehmen und zu ihrem Recht zu verhelfen. Wie könnte das besser gelingen, als durch Kunst?!
Kunst spricht die Intuition direkt an – nachdenken kann man später noch. Kunst inspiriert und führt die Reflexion in tiefere Schichten des Bewusstseins. Es ist dabei egal, was sich der*die Künstler*in dabei gedacht hat und uns sagen will – meistens gar nichts – aber, es ist Ausdruck tiefster Empfindungen und Überzeugungen. Was wir als Kunstbetrachtende darin sehen, ist gleich-gültig, gleichberechtigt. Es werden Impulse vom Kunstwerk ausgehen, die in uns etwas auslösen und die wir aufgreifen können, um für uns Wesentliches zu erkennen.
Probieren wir es aus!
Im Job (als den ich ihn nie gesehen habe) ergeht es mir gerade gar nicht gut. Die Situation ist insgesamt nicht so, wie ich mir „gute Arbeit“, Führung und Geführtwerden, Transparenz und Zusammenarbeit wünsche. Ich habe aber derzeit keine realisierbare Alternative. Alles schon durchdacht, und im Kopf ist mir alles klar. Besser geht es mir dadurch aber nicht. Ich muss an meiner Einstellung und Haltung etwas verändern. Nur was und wie? Das geht nicht als Expresssendung, es gibt dafür kein take-away oder eine App. Ich muss herausfinden, zu welcher Lösung ich kommen kann.
Mir begegnete in einer ganz großartigen Ausstellung dieses Bild hier von Lyonel Feininger, es heißt Leviathan (Odin I)*. Es zeigt eine sehr wilde Farb- und Formgebung. Alles scheint fragmentiert, aufgelöst und durcheinandergeraten. Das Meer unter dem Dampfer brodelt rot wie von Feuer, aber die schäumenden Wellenkämme ragen hart und spitz, türkis glänzend wie Eisscharten auf, überschlagen sich teilweise und brechen sich am Schiffsrumpf. Der scheint zerborsten, gestaucht von immenser Kraft durch jeden neuerlichen Aufprall auf dem stahlharten Wasser. Aber Odin I schlägt sich tapfer und bietet Wogen und Sturm die Stirn. Die Schiffsschraube rotiert oben auf dem Rücken des Dampfers, scheint in der Luft durchzudrehen und rotglühend heißzulaufen. Entfesselte Kraft. Der Himmel über allem ist steingrau, wild durchzackt, wirkt bedrohlich und ist doch von einem blauen Kranz regennasser Wolken umgeben, ohne dass Regen die finstere Atmosphäre durchbricht.
Das ganze Bild wirkt aufwühlend auf mich, fast beschleunigt sich mein Herzschlag bei der Versenkung und mein Blick wird wie magisch in die schwarzen Fensterhöhlen des Dampfers hineingesogen, halb um Schutz zu suchen, halb um mich hineinziehen zu lassen ins Innere des tobenden Wetterdämons. Sowohl die scharf gezackten Konturen der einzelnen Elemente als auch die kräftigen, fast harten, kontrastreichen Farben lösen trotz ihres satten Strahlens eine gewisse Beklemmung in mir aus. Die Abwärtsneigung des Schiffs scheint geradezu in den Abgrund zu führen, das macht es noch schlimmer, und dieses irre Rotieren (ist es wirklich die Schraube oder nicht vielmehr Rauch aus dem Bauch des Schiffs, rot im Widerschein der arbeitenden Maschinen?) setzt einen gefahrvollen Kontrapunkt in die aufgeladenen Lüfte.
Andererseits zeugen die leuchtenden Farben von Stärke und Kampfgeist, geben Kraft, machen Mut durchzuhalten. Der blaue Rahmen aus Wolken, hier und da zwar durchbrochen, bietet Schutz, dämpft die Wildheit und spendet der Hitze des lebendigen Meeres und der eisernen Maschinen etwas Kühlung.
Mir selbst geht es oft so, dass ich keinen Konflikt und Kampf scheue, mich vielmehr auflehne gegen Widerstände. Dass ich mich dabei schnell aufrege, in die Konfrontation gehe und aufbrausende Wut entwickele, ist dabei von Nachteil. Ein Freund riet mir einmal, die hochkochende Verärgerung über missliche Umstände nur zu simulieren und kaum, dass die Wut verraucht scheint, wieder konstruktiv in die Kommunikation einzutreten. Peitsche und Zuckerbrot. Nur was, wenn keine Kommunikation stattfindet?
Es wäre vielleicht hilfreich, wenn die intensiv blauen Regenwolken sich entladen würden. Der Regen brächte Kühlung. Blau steht ohnehin für Nüchternheit und Rationalität. Blau wirkt heilend, steht für Ferne, Weite und einer unerreichbaren Distanz. Die Versenkung in blaue Farbe beruhigt das Gemüt und weckt Vertrauen. Eine kalte Dusche wird sowieso empfohlen, wenn das Gemüt überhitzt. Okay, das würde ich nur mental durchstehen. Aber auch das kann hilfreich sein. Dem Schiff allein auf weitem, wilden Meer etwas Kühlung zuzugestehen und dann vielleicht auch noch einen leuchtenden Regenbogen aufzuspannen, der etwas Heiterkeit ins Bild zaubert – vielleicht ließe sich so in Zukunft Ruhe, Gleichmut und Vertrauen in die eigene Stärke aufbringen, Demut vor den Kräften der Elemente zeigen und geduldig mit mir selbst sein.
Wenn ihr euch euren Herausforderungen mal intuitiv mit Kunst annähernd möchtet, versucht es gern – ich begleite euch auch gerne dabei!
*Leviathan (hebr. Liwjatan, »das Gewundene«) bezeichnet in der hebräischen Bibel einen Meeresdrachen beziehungsweise eine gewaltige Schlange, die eine latente Bedrohung der Weltordnung darstellt, da sie jederzeit durch einen Fluch (das »Aufwecken«) virulent werden kann.

