Eigentlich wollte ich anhand dieses Bildes meinen Gedanken über anstrengende Aufstiege Raum geben. Über einen Aufstieg bei gar nicht vorweihnachtlichem Wetter, im Regen, mit Schmerzen in den Knien, außer Atem. Die jüngeren und ganz jüngeren Familienmitglieder waren vorausgeeilt, der Älteste mit dem Taxi vorgefahren. Tochter und Schwiegersohn in spe gingen mit dem Hund ganz andere Wege, nur wir „mittlere Generation“ – Boomermutter und Boomertochter (das bin ich) gingen gemeinsam, die Schwägerin schloss sich an. Ziel war erst das Käppele in Würzburg, oberhalb des Mains, eine Wallfahrtskapelle mit gesonderter Seitenkapelle, die Maria gewidmet ist, voll mit Devotionalien und Dankesbekundungen der Gläubigen, denen Maria in schwierigen Zeiten geholfen haben mag. Danach dann ein wunderbares Café-Restaurant noch ein Stück weiter oben.
Bei der Auswahl des Bildes und der Reflexion, über die ich hier Worte festhalten wollte, fiel mir aber ein seltsames, großes Blatt auf, das auf dem blauen Regenschirm zu kleben schien. Es wirkte deplatziert, unrealistisch in der Haftung auf dem Schirm bei Wind und Regen, fast wie ein Fehler in einem KI-erzeugten Bild. Ein Anruf bei der Schirmbesitzerin brachte zunächst keine Klarheit, der Schirm ist uni-blau, basta. Aber solche Blätter hängen ja auch an den Bäumen, da könne es schon sein, dass eins auf den Schirm gefallen und kleben geblieben war.
Das eröffnete eine neue Perspektive: Das Blatt klebte nicht am Schirm, sondern hing an einem ausladenden Zweig am Baum. Da, wo es hingehört, auch im Spätherbst. Ganz unschuldig. Durch die Zweidimensionalität wirkte es ganz anders und das warf Fragen auf, löste Irritation aus. So ist es ja häufig, Unverstandenes, Merkwürdiges zeigt sich bei veränderter Perspektive schnell in neuem Licht und bietet eine ganz einfache, leicht nachvollziehbare Lösung an. Wie heißt es im Abendlied von Matthias Claudius, bekannt als das Lied „Der Mond ist aufgegangen“:
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
Manchmal lohnt es sich genauer hinzuschauen, sich Fragen zu stellen, auch wenn sie zunächst ganz nebensächlich erscheinen, und nach anderen, neuen Perspektiven zu suchen. Räumlich-verschobene Perspektiven, Spiegelungen und Lichtbrechungen verweisen auch metaphorisch gesprochen auf Unerwartetes, in dem man sich selbst in ein neues Verhältnis zur Welt und zu anderen setzen kann. Eine kleine Irritation, eine scheinbare Ablenkung wirft neue Fragen und die Suche nach Antworten auf. Es geht natürlich nicht um Blätter auf Schirmen, sondern auf Ver-Rückungen des Bekannten, Gewohnten, Erwarteten durch Abweichung, Differenz und Vakanz als Offenheit im Möglichen und Deutbaren.
Am Käppele und im Café bei wärmenden Köstlichkeiten fand die Familie wieder zusammen, stolz auf den Aufstieg oder froh ihn per Taxi umfahren zu haben. Der Regen war vergessen, man schwelgte in Glühwein, Gesprächen und Lachen und es kam eine ganz harmonische Stimmung auf, während die nassen Sachen trockneten.

