Die Uhr meines Vaters

Als Kind habe ich sie gehasst. Na ja, halt nicht gemocht. Sie hat mich genervt, sie und ihr penetrantes Gegonge, das einmalige Schlagen der halben Stunden und das Schlagen der vollen Stunden gemäß ihrer Zeitzahl. Es störte mich beim Lesen, beim Nachdenken, beim Fernsehen, beim Ausruhen, bei allem. Mein Vater hat das nicht verstanden und noch viel weniger ernstgenommen, es war seine Uhr. „Ist doch schön!“, „Ach, hab dich nicht so!“ oder „…“ einfach gar nichts gesagt und meinen Unmut seinerseits genervt mit unwirschem Schnauben vom Tisch gefegt. Ich fühlte mich sehr unverstanden.

Die Uhr meines Vaters

Jahre später, ich war längst zum Studieren ausgezogen und nur noch zu Besuch bei den Eltern, war die Uhr auf einmal verschwunden. Sie sei kaputt. Oder: sie stünde jetzt woanders – wo auch immer. Ich hätte erleichtert sein können, aber – es war seltsam – sie fehlte mir. Das „blöde Gegonge“ hinterließ nach seinem Fortgang eine Lücke, eine Stille, eine Leerstelle, die durch nichts anderes gefüllt werden konnte, durch kein Lesen, kein Nachdenken, kein Fernsehen, kein Ausruhen und nicht mal durch eine Unterhaltung. Das fehlende Schlagen der Uhr war greifbar. Und mir wurde deutlich, dass es Dinge, Gegenstände, Geräusche, Gewohnheiten gibt, die zu einem Zuhause gehören, die ein Aufwachsen begleiten und der Rhythmus einer Kindheit sind. Deren Vorhandensein oder Fehlen einen Habitus bilden, etwas über das Milieu aussagen, das uns ein Leben lang prägen wird.

 

Als wir die Wohnung meines Onkels nach dessen Tod auflösten, entdeckte ich dort im Flur die Uhr meines Vaters. Meine Mutter zeigte sich noch überraschter als ich es und beteuerte nichts anderes darüber zu wissen, als dass sie irgendwann aufgehört hatte zu gehen, zu ticken, zu schlagen. Einfach stillgestanden sei sie plötzlich. Mit so etwas finde ich mich ja schon aus Prinzip nicht ab, zog Uhr- und Schlagwerk auf und stellte die Uhrzeit ein und – sieh da: Die Uhr begann freudig zu ticken, um kurz darauf korrekt die Stunden zu schlagen.

Seitdem steht sie in meinem Wohnzimmer, tickt und schlägt, was das Zeug hält, wenn auch begleitet von einem herzzerreißenden Stöhnen und Ächzen. Wieder stört es mich beim Lesen, beim Nachdenken, beim Fernsehen, beim Ausruhen, bei allem. Aber es ist mir auch eine liebe Erinnerung.

Biografiearbeit befördert nicht nur die selbstreflexive Auseinandersetzung mit dem 
eigenen Gewordensein, sondern erzeugt auch Resonanzen, die sich auf das eigene 
(pädagogische professionelle) Handeln auswirken, das dann wiederum Reflexionen 
vor dem Hintergrund der eigenen Biografie anregt 
vgl. Epp, A. (2022). Biografiearbeit im Rahmen von Supervision: 
Ungenutzte Potenziale für die Lehrer*innenbildung. PFLB - PraxisForschung
Lehrer*innenBildung, 4(3), 122–137. https://doi.org/10.11576/pflb-5223)

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