Die Kunst zu bauen und zu wohnen

Als Kind hast du dir eine Höhle gebaut. Bestimmt hast du das. Aus Decken und Tüchern, alten Mänteln, dem großen Wollschal, geblümten Sofakissen und deiner Bettdecke. Über Stühle oder Tische gehängt, mit Wäscheklammern und dickem Garn fixiert. Gemütlich war das, und du bist hineingekrochen und hast dich eingerichtet. Allein oder mit Schwester oder Freundin. Hast gelesen, mit der Taschenlampe, das gab ein heimeliges Licht, oder hast all deine Kuscheltiere und die Lieblingspuppe eingeladen und sie mit Tee und Kuchen bewirtet. Gemütlich war das, traulich und geborgen hast du dich gefühlt. Wie in einem Nest, gut versteckt im Blätterwerk, unerreichbar und sicher, hoch oben im höchsten Baum.

Gaston Bachelard schreibt in seiner Poetik des Raumes

So gibt uns das Behagen wieder dem ursprünglichen Erlebnis der Zuflucht zurück. Körperlich drängt sich das Wesen, das die Empfindung der Zuflucht hat, in sich selbst zusammen, zieht sich zurück, kauert sich hin, versteckt sich, rollt sich ein.

Wenn wir mal im Garten – im eigenen oder in einem fremden – ein Nest entdecken, meistens zu spät, im Herbst, wenn das Laub sich lichtet und den Blick auf das Nest freigibt, oder wenn es dem Oktobersturm ausgesetzt war und seinen Halt verloren hat, runtergepurzelt ist aus dem schützenden Geäst, wenn wir also ein Nest entdecken, dann, so schreibt Bachelard, finden wir eine „naive Verwunderung“ wieder, die

uns in unsere Kindheit zurück[versetzt], in die Kindheit ganz allgemein. In Kindheiten, die wir hätten haben sollen. Selten sind diejenigen unter uns, denen das Leben das volle Maß seines kosmischen Bezugs gegeben hat.

Aufwachsen in der Geborgenheit eines Nestes, das doch für den ganzen Kosmos steht. Für das Universum, das Gesamte, das Ganze, das uns in einer Alles-mit-Allem-Verbundenheit hält und trägt. Danach sehnt sich wohl jeder Mensch.

Was haben wir stattdessen? Anonyme Großstädte, Trabantensiedlungen, Banlieues, Schlafstätten, in denen nicht gelebt wird, Neubaugebiete für junge Familien mit handtuchgroßen Gärtchen oder auch kleinbürgerliche Siedlungen aus den 1960er und 70er Jahren, die inzwischen überaltert sind. Aber es entstehen allerortens auch andere Formen des Zusammenlebens, gemeinschaftliche, generationenübergreifende oder familienfreundliche, weil autofreie Wohngebiete.

Dabei wird viel neu gebaut, neue Areale werden dazu neu erschlossen oder alte, in die Jahre gekommene Gebäude, ja ganze Gebäudekomplexe abgerissen. Letzteres ist ein Problem: Es ist unfassbar energieintensiv. Das können wir uns in diesen Zeiten des Klimawandels einfach nicht leisten. Berechnungen weisen den Bausektor mit bis zu rund 40 % aller Emissionen als den CO2-intensivsten Bereich aus, eine große Last tragen dabei die Herstellung von Baustoffen wie Zement, der Transport dieser Materialien zur Baustelle, der Abriss alter Gebäude und die Entsorgung von Materialien. Zudem fällt in der Baubranche mit jährlich mehreren Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfällen ein erheblicher Anteil des globalen Mülls an: Lösungen werden in der Einführung einer Kreislaufwirtschaft, der Wiederverwendung von Material und Bauteilen, Ressourceneffizienz und Sanierung statt (Abriss und) Neubau gesehen. Solche Lösungsansätze zur Zukunft des Bauens zeigt sehr eindrucksvoll die Ausstellung WE/trans/Form in der Bundeskunsthalle in Bonn. Sollen die Klimaziele und die Sustainable Development Goals (SDGs) noch halbwegs erreicht werden können, so müssen wir jetzt umdenken. Und das betrifft eigentlich nicht nur die Zukunft des Bauens, sondern auch die der Stadtentwicklung und des Wohnens. Letztlich mündet alles in der Frage: Wie wollen wir leben? Und wie wollen wir zusammenleben?

Sehr beeindruckt haben mich dabei die Ansätze, die natürliche nachhaltige Baustoffe verwendet, an die man am allerwenigsten denkt, die aber dank aufwändiger Forschung sehr vielversprechend in verschiedener scheinen und die zu einem naturnahen Wohnen, mehr noch: einem naturverbundenen Wohnen einladen. Sie verwenden zum Beispiel Flachs oder auch Pilze.

Erinnerst du dich an die Häuser, in denen die Schlümpfe wohnen? Es sind Pilze mit Fensterchen und Haustür, neben der oft eine kleine Laterne baumelt. Anders als bei den Schlümpfen jedoch könnten wir in der Zukunft nicht direkt in einem Pilz wohnen, aber in einer Art Iglu oder Höhle aus natürlichen Baumaterialien wie Flachsziegel oder Geflechte aus Weidenruten, verarbeitet mit Werkstoffen aus Pilzmyzel, Algen oder Wolle. Gerade die gezeigten Bauten aus Algen vermitteln eine sehr harmonische Atmosphäre; die mit lebenden, natürlich bewachsenen Pilzpaneelen konstruierten Hütten aus Holz macht die „Kohabitation“, also das Nebeneinander-Miteinander-Leben geradezu körperlich erfahrbar. In dem Raum herrscht eine dichte, energiereiche und vitale Atmosphäre, und außen fühlen sich die Paneele an wie ein Camembert, weich, etwas pelzig, es ist, als streichelte man ein kleines Tierchen, ganz sanft und zart geht das.

Auch der Pavillon aus Seetang überzeugt durch eine naturbezogene Harmonie des sanft-warmen Lichts und das weiche, pergamentartige Material. Anders die Wandfliesen aus Haushaltsplastik, die nicht natürlich sind, aber das einmal eingesetzte Erdöl wiederverwenden, die Plastikabfälle recyclen und zu ebenfalls jederzeit wiederverwendbaren Bauteilen für die Wandverkleidung weiterverarbeiten.

Viel Forschung ist notwendig, viel Technologie, um zu einer so schlichten Behausung zu gelangen. Anders als die aus Lehm gebaute und strohgedeckte Hütte, von der Bachelard schreibt,

Das Nest, wie jedes Bild der Ruhe, der Gelassenheit, verbindet sich unmittelbar mit dem Bilde des schlichten Hauses. Von dem Bilde des Nestes zum Bilde des Hauses und umgekehrt sind die Übergänge nur vollziehbar unter dem Zeichen der Schlichtheit. […]. Ein dichtes, grobgeflochtenes Stroh unterstreicht noch den Willen zu beschützen, indem es über die Hauswände hinausragt. Für alle Kräfte der Zuflucht ist das Dach hier der Hauptzeuge. Unter der Decke des Daches sind die Wände aus Erde gemauert. Die Öffnungen sind niedrig. Die Hütte ist auf die Erde gesetzt wie ein Nest auf das Feld.

Um diese Wirkung zu erzeugen, ist viel Arbeit und Mühe notwendig. Aber die wird anscheinend geleistet. Es gab noch viele anderer Präsentationen von Baustoffen, Funktionswerkstoffen, Projekten, ganzen Wohnarealen und Stadtentwicklungsmodellen, alles sehr beeindruckend, aber auch anregend und einladend. Noch sind es Zukunftsvisionen, aber die brauchen wir unbedingt. Ich zumindest bekam plötzlich wieder Lust und Zuversicht für die Zukunft, wenn…. ja, wenn…. sich alles, aber auch alles ändern würde!

Vielleicht ist es die archaische Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit in einer Höhle tief in einem Berg, in einem Nest mitten in dichtbelaubten Geäst, die letztlich als Motor für eine solche Veränderung wirkt.

Die Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle geht noch bis zum 25. Januar 2026 – ein Besuch lohnt sich!

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