Was Katja da im letzten Beitrag gesagt hat, brachte mich zum Nachdenken.
[…] dafür sind wir ja dann da. Den Menschen dabei zu assistieren, diesen Luxus zu entdecken und zu genießen.
Das ist wahr. Entdecken, genießen und darüber nachdenken. Über sich nachdenken. Und ein Verhältnis dazu gewinnen, sich positionieren und einen Standpunkt einnehmen. Haltung entwickeln. Das letztlich ist Sinn und Ziel einer Reflexion, die sich einer ethischen Haltung verpflichtet fühlt. Und diesen Weg über die Kunst zu gehen und sie als Anlass und Begleiterin zu wählen, über sich und die Welt und die anderen in dieser Welt zu reflektieren. Nein. Nicht einfach nur in DIESER Welt, sondern in meiner, in deiner, in ihrer – in ihren jeweiligen Welten. Unser aller Welten sind so unglaublich unterschiedlich. Schon deine und meine unterscheiden sich immens, wie verhält es sich da erst mit den Welten von Menschen in anderen Kulturen, in anderen Milieus, von Menschen, die sich in anderen sozialen und ökonomischen Lebenslagen befinden.
Gestern saß ich mit einer Freundin L. auf einer Bank im Telgter Dümmert-Park; wir suchten etwas Kühle im Baumschatten, gaben uns dem Nichtstun und der Stille eines heißen Sommertags hin – dem ersten nach astronomischer Zählung – und plauderten angenehm entspannt miteinander. Bis L. etwas Wichtiges und Wahres sagte, und damit schloss sie beinahe nahtlos an Katjas Gedanken an: Wie schön wir es doch hier haben, und wie groß der Luxus ist, hier leben zu können und diese stillen Momente genießen zu dürfen, ohne größere Sorgen, ausgestattet mit Bildung und Einkommen und so etwas wie sozialer Sicherheit.
Und sie erzählte von einem anderen Ort, an dem sie in den vergangenen Wochen tätig war und dort Menschen in ganz anderen, prekären Lebenslagen kennengelernt hat. Die für die Menschen viele Hürden und Hindernisse, Beeinträchtigungen und Unsicherheiten bedeuten.
Ja, stimmt, liebe L., wir leben in privilegierten Verhältnissen, hatten gute Startbedingungen, die unser weiteres Leben und vor allem unser Denken gebahnt haben, unserer Herkunft, Geburtsort, Familie und deren sozioökonomischen Status sei Dank! Soziale Herkunft – soziale Ungleichheit. Und umgekehrt.
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich immer wieder mal mit dem Phänomen des Klassismus, nicht vertieft, eher beiläufig und keinesfalls anhand wissenschaftlicher Literatur. Aber ich reflektiere immer wieder darüber und erinnere mich dabei auch an mein eigenes Aufwachsen.
Gutes Bildungsbürgertum, ein gewisser Wohlstand, materiell bestens ausgestattet, Kunst, Literatur, Kultur, Musik – E-Musik natürlich, dazu eine Portion Jazz – gehörten zum Alltag, waren allgegenwärtig. Reisen und Ausflüge widmeten sich der Kunst und den Museen. Als Kind fand ich das todsterbenslangweilig, insbesondere die „Trümmer“ an den antiken Stätten des Mittelmeerraums. Und dazu die ständigen Dauervorträge meines Vaters – puh! Lehrreich natürlich, ganz dem humanistischen Bildungsgut verpflichtet, aber ich war angeödet bis zum Abwinken. Zum Glück war ich autoreisekrank, da musste ich nicht jedes Mal mit 😉. Und mit Eintritt in die Teeniejahre und die Pubertät verlor das alles ohnehin an Bedeutung und die damaligen jugendkulturellen Stile setzten sich allmählich unter Peer-Hochdruck bei mir durch. Ich begann die entsprechende Musik zu hören – einerseits noch die der 70er-Jahre, andererseits die aufkommende Neue Deutsche Welle -, ich gab mein Hochdeutsch zugunsten des Platt-durchmischten Sozio-Slangs auf (gruselig!!!) und las die Bravo statt des Spiegels. Okay, den habe ich in dem Alter ohnehin nicht gelesen. Wäre aber möglich gewesen.
Und nun der Klassismus: Schon in der Grundschule gehörte ich zu den wenigen, die bildungs- und leistungsorientiert waren (sein mussten), und war die Einzige, die aus einer Familie des höheren Mittelstands stammte. So eine Rotary-Club-Familie, also der männliche Hausvorstand jedenfalls. Und ich war natürlich eine der wenigen, die zum Gymnasium gegangen sind. Alle anderen Schüler*innen kamen aus traditionellen Familien, die entweder in der Landwirtschaft oder der industriellen Produktion tätig waren, klassistische Kurzformel: Arbeiter und Bauern, und besuchten NATÜRLICH die Hauptschule. Mir persönlich war das in diesem Alter nioch nich tbewusst und ihre Herkunft war mir egal, eher war es umgekehrt: Ich „reiche“ Zahnarzttochter war das Problem für sie. Es hat mich Jahre und viel Anpassungsleistung gekostet anerkannt zu werden, und im Gymnasium ist es mir nie gelungen, denn – welch Ironie! – dort war ich die Fahrschülerin vom Land, während alle anderen zur städtischen Bourgeoisie gehörten. Vorteil für mich heute ist aber: Ich kenne beide Seiten, und zwar von innen. Beide Welten, wenn ich das mal pauschal so dichotomisieren darf. Auch so ein Indikator für Privilegiertheit: Die Beherrschung der Bildungssprache. Ein großes Distinktionsmerkmal schon im Kindergarten/KiTa, dann in der Grundschule und erst recht im Gymnasium. Wenn man es denn erreicht. In NRW deutlich leichter als in Bayern. Dort fällt zum Ausgleich das „Abschulen“ leichter 😏😕. Demzufolge ist der Anteil der Studierenden aus Familien in prekärer Lebenslage und mit „internationaler Familiengeschichte“ (leider fällt beides allzu oft zusammen) an bayerischen Universitäten deutlich geringer als an denen in NRW. Aber sie haben es anscheinend trotzdem schwer hier und zwar gerade wegen der Schwierigkeiten in der Bildungssprache, aber auch wegen dem, was man nach Bourdieu als Habitus bezeichnet. Die akademische Welt der Universität ist eine gänzlich andere als die Welten in der Emscher-Lippe-Region, in Dortmund-Nord oder Duisburg-Marxloh.
Aber warum zum Teufel diese Einteilung von Menschen in Klassen, Schichten, prekären und gesicherten Verhältnissen? Hat es nicht Jede*r verdient, ein sicheres Leben zu führen? Also sicher nicht nur im Sinne von Krieg oder nicht Krieg, Verfolgung oder Privatheit. Aber das ist jetzt nicht mein Punkt. Mein Punkt ist der, den Katja ansprach und auf den ich nun endlich zurückkomme.
Was können wir tun, ich und du und jede*r einzelne – um Menschen ein bisschen von dem zu geben, was wir derzeit tatsächlich als unseren Luxus bezeichnen? Und bezeichnen müssen! Weil so viele keinen Zugang dazu haben und keinen bekommen. Klar, offiziell natürlich schon, schließlich leben wir in einer Demokratie, aber faktisch eben nicht. Die formalen Ressourcen sind da, die formalen Berechtigungen auch, aber leider nicht die faktische Fähigkeit zu einem (selbstgewählten) Zugang dazu. Das ist das, was Martha Nussbaum mit ihrem Capability-Ansatz beschreibt. Diesem Ansatz geht es um individuelle (Amartya Sen) sowie zentrale (Martha Nussbaum) Verwirklichungschancen, die jedem Menschen real gegeben sein müssen, um ein Leben in Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung führen zu können, so, wie man es für richtig hält. Erst wenn das für alle gewährleistet ist, kann man von einer gerechten Gesellschaft reden.
Deshalb finde ich (und findet Katja) es wichtig, etwas dazu beizutragen, dass dies – wenn auch nur im Kleinen – gelingen kann. Über die Ermöglichung der Teilhabe an Kunst. An Gedanken. Gedanken über sich selbst, über die Welt, zu anderen – und in all dem ein moralisches, d.h. ethisch verpflichtetes Verhältnis, das zu einem besseren, freieren, gerechteren Leben beiträgt.
Und warum eigentlich nur im Kleinen? Warum keine Visionen?
Der Grund, aus dem ich dieses Journal schreibe, liegt genau darin: Ich möchte etwas verändern, bewirken. Der Welt etwas zurückgeben. Noch ist alles eher privatim, aber es ist erst der Anfang. In nicht allzu ferner Zukunft, wenn gewisse Vorbereitungen abgeschlossen und Routinen gefunden sind, gehe ich damit und weiteren Angeboten (Seminare, Fortbildungen, Publikationen) an eine größere Öffentlichkeit. Nein, keine Sorge, ich bin nicht übergeschnappt und größenwahnsinnig. Ich bin mir meiner Beschränkungen und realen Möglichkeiten bewusst. Aber nur in realistischer, nicht pessimistischer Weise. Weil ich sonst gar nicht tun würde. Und das ist ja auch keine Lösung.
Der frühere Schwimmlehrer meines liebsten Töchterchens, der sehr erfolgreich seine Schwimmschule betrieb und in seinen Kursen allen Fünfjährigen in Bamberg und Umgebung das Schwimmen beibrachte – mit Garantie! -, sagte mir einmal, das reiche ihm nicht, er wolle richtig etwas bewegen, eine große Wirkkraft ausstrahlen. Über die lokale Reichweite hinaus. Ob und wie er es gemacht hat, habe ich nicht verfolgt. (Meine Tochter hat dort ohnehin nicht schwimmen gelernt, aber die Grundlagen wurden insoweit gelegt, dass sie es sich in der Regnitz, ein Fluss in Bamberg, selbst beigebracht hat.)
Dieser Gedanke aber hat mich lange begleitet und begleitet mich noch. Was tue ich eigentlich den ganzen Tag? Hat mein Tun irgendwelche Reichweite, irgendetwas wirklich Wichtiges und Nützliches für andere? Macht es in der Welt irgendeinen Unterschied, die Welt irgendwie besser? Ich fürchte nein. Jedenfalls nicht, soweit es meinen Ansprüchen genügt.
Vor Jahren habe ich einen Film gesehen, der mich wirklich angefasst und bewirkt hat, dass ich mich und mein Wirken infrage gestellt habe. Ein Film über einen Künstler, der seine Kunst als Sozialprojekte gemeinsam mit Menschen in wirklich extrem prekären Lebenslagen realisiert und eigentlich ist es dann gar nicht mehr seine alleinige Kunst, sondern die der partizipatorisch mit-wirkenden Menschen. Eine Kunst, deren Ertrag bei Auktionen ebendiesen Menschen auch ausgezahlt wurde. Der Film heißt Waste Land und zeigt ein solches Projekt des Künstlers Vik Muniz auf einer der größten Müllkippen der Welt, in Rio de Janeiro, Brasilien. Großartig, beeindruckend, ergreifend, berührend. Dieser Mensch machte damit und mit weiteren derartiger Projekte einen Unterschied.
Und vorhin las ich in der Zeitschrift Werde-Magazin einen Beitrag über eine Kunstschule, ebenfalls in Brasilien, die von einem Schwarzen für Schwarze gegründet wurde, um ihnen Teilhabe, künstlerische Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung in ökologischer Verantwortung zu ermöglichen: Sertão Negro, gegründet von Dalton Paula. Auch das macht einen Unterschied, ist nicht trivial, nicht belanglos, nicht beliebig.
Ich denke nicht, dass meine Wirkung dieser gleichkommen wird, dass ich es so weit bringen kann, aber versuchen will ich es. Mit Kunst ins reflektieren führen, über die Reflexion mehr zu sich kommen, mit sich und mit der Welt in Verbindung treten. Daher auch dieses Journal. Ich schreibe das nicht für mich, dazu hätte ich ein Tagebuch, ich schreibe es für dich, für euch, und bald hoffentlich für viele. Bisher ist es mehr eine vorbereitende Übung, aber bald, ganz bald schon, die Vorbereitungen laufen, gehe ich damit in die anonyme Öffentlichkeit, die hoffentlich nicht lange anonym bleiben wird. Und über das Journal hinaus plane ich verschiedene Angebote, um meine kleine bescheidene Vision zu verwirklichen.
Oder, wie es Rilke formulierte:
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
Vielleicht bin ich auch nur ein Hering, eine einzelne Note oder ein winziger Windhauch, aber das will ich versuchen möglichst gut zu sein. Um den Luxus des Kunstgenusses und der Gedanken zum Allgemeingut zu machen und der Welt etwas zurückzugeben. Meine bescheidene Mission.
Fotos:
Alle Kunstwerke gesehen in der Ausstellung Civilization. Wie wir heute leben. Kunsthalle München am 14.06.2025
Beitragsbild oben: Huang Qingjun, Online Shopping Familiy Stuff. Inner Mongolia. 1971. (Ausschnitt)







„Der Welt etwas zurückgeben . . . “ – ein wirklich spannendes Thema, das mich ebenso umtreibt wie euch, Simone u. Katja. Danke für die Denkanstöße die ihr beide mir heute Abend beim Lesen gegeben habt. Ein schöner Anstoß war das für mein Projektbuch: „Ein Familienunternehmen verkauft man nicht“,
an dem ich gerade intensiv arbeite und diesen o.g. Aspekt glaube ich damit verbinden zu wollen.
Danke für deinen Kommentar, lieber Karl, es freut mich natürlich, wenn du daraus etwas für dich und deine Unternehmer-Biographie mitnehmen konntest!