Der Mond ist aufgegangen

Und hat sich dabei frech vor die Sonne geschoben.

Was für ein Glückstag: Am Tag der Astronomie fand heute dieses kleine Spektakel statt – eine partielle Sonnenfinsternis lässt die Herzen der Hobby-Astronomen und Sternengucker höher schlagen.

Auch ich habe mir die Zeit genommen, wie ihr vielleicht schon erfahren habt, und mich mit der Brille von damals – 1999 – auf den Balkon gestellt und dem Mond beim Vorbeiziehen an der Sonne zugeschaut. Wie ein angebissener Keks sah die glühende Scheibe aus. Aber was mich dann ziemlich aus der Bahn geworfen hat, waren die Kapriolen, die mein Handy dann schlug. Denn natürlich habe ich versucht, den Sonne-Mond-Keks in Bits and Bites festzuhalten. Nur „sah“ die Handykamera etwas ganz anderes als ich.

Zuerst ging alles gut, Finsternis-Brille vor die Kamera-Augen gedrückt, blind-geblendet auf dem Display rumgetippt, und der Keks war digital gebannt, wenngleich weit, weit und noch weiter weg. Gaaaanz klein irgendwo in der hintersten Ecke des Displays konnte ich das angeknabberte Gestirn entdecken.

 

 

 

 

 

 

 

Also: ranzoomen. Und dann: eine volle Sonne. Wie frisch gebacken. Kein Mond im Weg zwischen Sonnenfeuer und Handyauge. Merkwürdig. dann eine Wolke – sogar mit bloßem Auge konnte ich rechts oben den Mond-Biss erkennen. Das muss doch mein Handy auch sehen! Hingehalten – mal mit, mal ohne Brille – keine Chance. Die Sonne blieb voll. Also wieder ohne Zoom, aber mit Brille und ohne Wolke. Aaaaahhhh, da ist der Mond wieder – aber, nanu: links unten. Was ist das für ein Schabernack?!? 😳

 

 

 

 

 

 

 

Es scheint doch nicht alles so klar zu sein, wie uns die naturwissenschaftliche Weisheit lehren will. Natürlich, der foto- und handykameraversierte Mensch wird es ganz leicht erklären können, die Geisteswissenschaftlerin aber staunt. Wird argwöhnisch. Fake-news? Lügenpresse? Deep Fake? Beherrscht die KI nun auch den Himmel? Kann ich glauben, was ich sehe – am Himmel oder am Display – oder sehe ich etwa nur das, was ich glaube?

Klar, was ich weiß oder zu wissen glaube, beherrscht mein Denken und meine Wahrnehmung. Wovon ich überzeugt bin, will ich immer wieder neu bestätigt wissen. Daher ist es umso wichtiger, sich nicht mit voreiligen Urteilen abzufinden, sondern die Dinge zu hinterfragen, kritisch zu bleiben und auch mal die Kontroverse zu suchen.

Wie heißt es in dem Gedicht von Matthias Claudius, dem Abendlied, das als ‚Der Mond ist aufgegangen‘ bekannt ist:

Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Dem Mond ist’s egal, der Sonne auch. Er zieht gleichmütig seine Bahn um die Erde, die Sonne bleibt, wo sie ist, und spuckt Feuer, und scheren sich in ihrer kosmischen Indifferenz nicht um Belange der Menschen, die klitzeklein auf ihren Balkonen stehen und fasziniert in den Himmel starren. Was auch immer sie da sehen mögen.

 

 

 

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