Das Wagnis des Scheiterns

Da habe ich mich auf was eingelassen! Eine Ausstellung mit meinen Fotos – Handyfotos wohl bemerkt, reichlich dilettantisch. Wie peinlich, ich schäme mich jetzt schon. Meine Mutter meinte es gut und hat mich zum Reeser Kunstsonntag angemeldet, an dem sie selbst seit Jahren erfolgreich und gerne vertreten ist. Und nun ich. Oh je. Mitgefangen – mitgehangen.

Klar, mir selbst gefallen meine Bilder, sie sprechen mich an, erzeugen auch nach dem x-ten Anschauen Resonanz, und ich habe mir ja auch etwas dabei gedacht. Habe mir Gedanken gemacht, ein Konzept entwickelt – mehr so beiläufig allerdings, weil die Motivation für die Fotomotive eigentlich ganz natürlich aus mir selbst entsprang. Also reichte es ja, mich selbst zu erkennen, um den Ausdruck dieses Selbst benennen zu können. Und ich musste ihn als kreativen Ausdruck erkennen. Das war eigentlich das Schwierigste. Also nicht wirklich: das Schwierigste war jahrzehntelang die Suche nach überhaupt mal einem kreativen Ausdruck, die bis vor etwas mehr als einem Jahr erfolglos schien. Aber dann gab es einen Moment – den „fruchtbaren Moment“, wie Friedrich Copei es nannte -, in dem ich plötzlich sah, dass Fotografie durchaus kunstvoll und kreativ ist. Bäng! Da war die Antwort, die Findung am (vorläufigen) Ende der Suche.

(Jemand sagte neulich zu mir, an mir sei eine Fotografin verloren gegangen. Ich war (mal wieder) nicht schlagfertig genug, um erwidern zu können „Nee, im Gegenteil, die ist ja gerade gefunden worden!“)

Seitdem fotografiere ich noch bewusster, gezielter und absichtsvoller und habe mir eine anständige Kamera gekauft. Mit der ich allerdings noch nicht umgehen kann. Also weiter Autofokus, aber immerhin mit System.

Und nun diese Ausstellung! Herrje – was für ein Wagnis! Ich habe voll Angst zu scheitern, weil alle meine Bilder als laienhaft, trivial, unfachfrauisch und amateurhaft erkennen werden. Es möge sich ein großes Loch auftun….

Ach, was soll’s – was habe ich schon zu verlieren!? Nicht mal einen guten Ruf: Als „Fotografin“ habe ich eh keinen, als Mensch und Person ist er bereits ruiniert. Und was heißt schon „Scheitern“? Es kommt ja schließlich auf die Fallhöhe an, ob ich etwas als scheitern definieren kann, und da die eben kaum höher als eine Treppenstufe ist, KANN ich gar nicht scheitern.

Aber genau: Was heißt eigentlich scheitern?

Chemnitz, Garagencampus; 2025. Ausstellung „Stadt am Fluss – Stadt im Fluss“

Etymologisch kommt das Scheitern vom mittelhochdeutschen Scheit für Holzscheit, ein abgespaltenes Stück Holz, im Plural „Scheiter“. Etwas zerfällt in Stücke, bricht auseinander, „geht zu Scheitern“. In der Schifffahrt wandelte sich dieser Ausdruck zum Schiffbruch, eine starke Metapher, über die Hans Blumenberg ausgiebig philosophiert hat. Das zerschellende Schiff bricht in tausend Scheiter, wahrlich ein Misserfolg! 

Aber im Gegensatz zum Versagen betrifft das persönliche Scheitern nicht die ganze Person (auch nicht die des Schiffbauers). Man kennt den Ausdruck des menschlichen Versagens, hier ist es der Mensch, der etwas verschuldet und zu verantworten hat. Beim Scheitern stehen Teilaspekte, steht die Sache auf dem Prüfstand.

Und doch: Im Scheitern liegt ein Akt der Selbstüberschreitung, der zwar beherrschbar ist, aber doch Mut und Risikobereitschaft voraussetzt, denn man widersetzt sich dem Gewohnten, Herkömmlichen, Erwartbaren, man bricht aus Klischees aus. Während das Versagen ein Unterschreiten gesellschaftlicher, sozialer Normen ist, die sich an die einzelne, individuelle Person richten, die die Normen nicht einhält, die Normerwartung nicht erfüllt, zeigt sich in jedem Scheitern doch eine Handlungsfähigkeit und eine immer wieder neue Suchbewegung.

Marc Chagall, Le Cirque (The Circus), from Cirque, 1967

Das Suchen und Aufsuchen des Neuen, Unbekannten, Fremden führt zu einer Antwort, die ungewiss ist, ungewiss, ob sie überhaupt gegeben wird, und ungewiss, wie sie ausfällt. Zu verharren und den Blick festzustellen, statt ihn neugierig nach allen Seiten schweifen zu lassen und offen Ausschau zu halten, scheint dagegen sicher und sehr bequem, denn es ist ein Wagnis, loszugehen, allein sich auf den Weg zu machen und dabei womöglich stolpern zu können. Und doch ist es oft notwendig – eigentlich immer, denn das Scheiternkönnen ist notwendigerweise an jeglichen Lernprozess gekoppelt und – für den aufgeklärten, sich seiner selbst bewussten Menschen – auch an Bildung. Wenn Altes seinen Dienst versagt und Neues noch nicht zur Verfügung steht – der Weg eben – ist das halt unbequem und unsicher, dem Alten wird nicht mehr vertraut und das Neue ist noch unbekannt, das ist schon eine unbehagliche Situation. Und dann sind da noch die Stimmen der anderen, die behaupten zu wissen, was richtig ist und was gut, was erfolgversprechend ist und wertvoll und was hingegen zum Scheitern verurteilt ist, geradezu prädestiniert zum Scheitern. Womöglich war die „an mir verlorengegangene Fotografin“ total ironisch gemeint, mockierend und desavouierend!?

Doch liegt in dem Ausbrechen aus Klischees und der Konformität auch etwas Widerständiges und im Scheitern ein Protest gegen die ach so festgefahrenen Erwartungen an den status quo, welche die jederzeit möglichen und verfügbaren Erfahrungsräume zu schließen versuchen. Nicht verfügbar ist hingegen das Subjekt, der Mensch, und erst in der aktiven Suchbewegung, die dem offenen Blick entspringt, entsteht Freiheit. Und doch ist das Subjekt in Dialog und Alterität, Fremdheit und Neuanfänglichkeit eingebunden. Bildung als Beschreiten von Erfahrungsräumen, als Bruch mit dem Alten ist nicht ohne die Person des Anderen zu denken, Dialogizität ist ihre Signatur. In der Widersprüchlichkeit von Altem und Neuen, von Bruch und Ordnung, liegt ein aufklärerisches, emanzipatorisches Potenzial.

Daniela Mattstedt, Erfahrungsräume_Horizonte

Dieses Potenzial ist aber eben untrennbar verbunden mit der Möglichkeit zu scheitern – öffnet sich ein Erfahrungsraum, so kann sich Leere und Mangel auftun oder aber ein Begehren erfüllt werden. In diesem Zwischenraum des Scheiternkönnens und der Ungewissheit, ob das Begehren eine Antwort erhält, dem Raum zwischen Unterwerfung unter die Erwartungen und der Selbstüberschreitung droht und wirkt die Scham als ein eingeschriebener Zensor. Sich dem zu widersetzen ist Ausdruck von Selbstbestimmung; das Scheitern bewusst und risikofreudig in Erwartung neuer Erfahrungen, und sei es auch nur die des eigenen Wankens, das in den Raum der Reflexion gestellt werden kann, in Kauf zu nehmen, ja: freudig zu begrüßen und willkommen zu heißen als Negativität, in der sich neue Perspektiven und Wege eröffnen, ist absolute Notwendigkeit für jedwede Bildung und persönliche Weiterentwicklung.

Indem ich mich als neugefundene (Kunst-)Fotografin selbst überschreite, denke ich das Wagnis des Scheiterns in seiner Negativität: als Chance mich zu bilden. Einen Neuanfang nicht mit dem Preis des Scheiterns, gar eines persönlichen Versagens zu bezahlen, sondern selbst in diesem Fall um neue Suchbewegungen bereichert zu werden. Scheite und Schiffsplanken lassen sich weiterverwenden und wieder zu etwas Neuem zusammenbauen.

Also Kopf hoch, Rücken strecken und Krönchen geraderücken: ich freue mich auf die Ausstellung und die Chance zu scheitern.

 

 

 

 

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