Es gibt sehr viele Bilder mit einem Fenstermotiv. Viele, vor allem ältere Bilder, zeigen eine Ansicht, bei dem eine Person dem Fenster den Rücken zukehrt; hier geht es darum, eine Aussage über ihren Status anhand der Beschaffenheit des Hauses, der Größe des Fensters und den Ausblick auf eine prosperierende Landschaft oder Stadt zu treffen. Andere Bilder gestatten ihren Figuren den Blick aus dem Fenster, sie stellen sie also mit dem Rücken oder in einer Seitenansicht zum*zur Betrachter*in. Das Motiv des Fensters ist jedenfalls ein häufig gewähltes, in dem eine starke Metaphorik liegt.
Dabei geht es zum Beispiel um die Unterscheidung des Innen vom Außen, es geht um Einsamkeit und Verlorenheit, um Sehnsucht nach Freiheit oder um Gefangensein im häuslichen Umfeld mit all seinen Routinen, alltäglichen Abläufen und grauen Einerlei. Leider habe ich von den berühmtesten Gemälden mit Fenstermotiven keine Fotos – das muss ich unbedingt einmal ändern. Wer sich einen Eindruck verschaffen mag, kann ja mal googeln, z.B. nach Edward Hopper, der sehr ausdrucksstarke Bilder gemalt hat, oder auch nach Picasso.
Nehmen wir mit meinen Bildern vorlieb und schauen wir mal, was so ein Bild an Gefühlen und Gedanken auslösen mag.
Hier die ‚Lesende Frau‘ von Pieter Janssens Elinga. Sie sitzt in einer niederländischen Stube auf einem Sessel ohne Tisch, den Blick fest auf ihr Buch gerichtet. Eine Schale mit Obst steht etwas unsicher weit entfernt von ihr auf einem Stuhl, darunter – eine Tasche? Ein Kissen? Die Fenster in diesem Bild, denen die Frau zugewandt ist, sind ziemlich groß, aber nur hoch oben lassen sie Licht ins Zimmer, die untere Reihe ist verdunkelt oder schlicht nicht verglast. Dennoch scheint der Raum hell und lichtdurchflutet zu sein, der schmale Streifen des einfallenden Lichts der hochstehenden Sonne draußen reicht völlig aus. Der Raum ist karg möbliert, eine dunkle Truhe neben der hellen Fläche des Holzfußbodens, eingerahmt von zwei Stühlen, zwei Bilder an der Wand darüber, ein weiteres zwischen den Fenstern, ein Paar herumliegende Schuhe, schnell abgestreift von den Füßen. In der linken unteren Bildecke scheint ein Bett zu stehen; eine schwarze Decke hängt herunter auf den Boden. Dies und die Schuhe sind die einzigen Zeichen für Bewegung, für Handlung. Ansonsten Ruhe, Konzentration, Stille. Die Frau sitzt aufrecht, aber entspannt und in sich gekehrt da und liest. Nichts lenkt sie ab, nichts fordert sie auf, Ordnung zu machen, nichts außerhalb des Zimmers lenkt sie ab. Die Fenster bieten keinen Ausblick aus, selbst wenn sie aufstehen würde, könnte sie nicht hinaussehen. Ist es ihr gleichgültig? Ist sie mit sich und ihrem Buch und der Stube zufrieden? Ich wäre es nicht, ich liebe es aus dem Fenster zu schauen, den Blick schweifen zu lassen in die Ferne, die Weite, ins Grüne daheim, über die Dächer der Stadt im Büro, in die Landschaft, wenn ich mit dem Zug unterwegs bin. Immer rausschauen, immer etwas entdecken, nicht aktiv-suchend, sondern kontemplativ-findend. Ein Zustand äußerster Entspannung und Anregung gleichermaßen.
Geht es diesem Jüngling hier vielleicht ähnlich? Er steht nicht nur am Fenster, er beugt sich hinaus, und anders als zum Beispiel die Bilder von Hopper scheint der Betrachter draußen zu stehen und sich zum Fenster und dem Gebäude hinzuwenden. Der Jüngling am Fenster, ein Bild von Karl Hofer von 1933, es hängt im Hessischen Landesmuseum für Kunst und Natur in Wiesbaden, ist unbekleidet, gänzlich unbekleidet vermutlich, denn er hält ein helles Tuch so vor seine Lenden, dass ein Schelm wäre, wer Böses dabei dächte. Sein Blick ist leicht nach unten gerichtet, vielleicht traurig, nachdenklich vielleicht, oder einfach nur müde. Mit der linken Hand schiebt er einen Vorhang beiseite, über seinem Kopf schlängelt sich eine Weinranke und links von ihm liegen zwei kleine Kürbisse. Es ist Spätsommer, das Licht ist golden und schimmert auf seinem nackten Oberkörper. Trauert er dem Sommer nach oder seiner* Geliebten, die ihn gerade verlassen hat? Sinnt er darüber nach, was der Herbst bringt, der Winter, die kommenden Jahre? Hinter ihm das Zimmer liegt völlig im Dunkeln, wichtig ist nur die Gegenwart im Moment des noch wärmenden Lichts am Ende des Sommers, nicht die Vergangenheit hinter ihm und auch nicht die Zukunft, die vor ihm liegt. Die aber weder der Jüngling noch die betrachtende Person ausmachen kann, sie ist nicht zu erahnen, nicht einmal in seinem dem Boden zugewandten Blick. Ein Moment der Stille, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.
Das Fenster markiert die Grenze zwischen innen und außen, zwischen dem Raum hinter einem und der Offenheit davor. Wie sieht der Raum aus, was mag die Offenheit bereithalten? Wie sieht der Raum in dir selbst aus, was ist dir fremd?
Hinter einem liegt auch die Vergangenheit – wodurch ist sie bestimmt? Was lässt man hinter sich, was steht einem bevor? Wonach sehnt man sich, was mag man fürchten? Welche Geschichten kannst du über dein Leben erzählen, was hat dich zu der Person gemacht, die du heute bist? Und als wen entwirfst du dich in einer noch unbekannten Zukunft? Wohin schweift dein Blick?
Durch Bilder Erinnerungen wachrufen, Geschichten über sich selbst erzählen und sich selbst besser kennenlernen – mit fabula Me begleite ich dich.

