Das Cello im Beitragsbild gehört nicht mir, sondern einem Mitglied des Concerto Köln.
Verdammt lang habe ich diesen B-Beitrag vor mir her geschoben. Voll prokrastiniert. Nicht, weil mir nicht viel dazu einfiel, sondern weil ich zu viele Gedanken und Assoziationen hatte. Weil ich keine Lust hatte, zu recherchieren, was MAN oder irgendeine Theorie, eine Wissenschaftsdisziplin zu diesen Gefühlen und emotionalen Zuständen zu sagen hat. Weil ich mich aber auch nicht zu persönlich aus meiner eigenen Befindlichkeit heraus quasi psycho-exhibitionistisch über dich ergießen will.
Ich will persönlich, aber nicht trivial, authentisch, aber nicht aus purer Subjektivität heraus denken und schreiben. Und doch komme ich nicht umhin, mich selbst mitzuteilen, denn ohne Bezug zu mir selbst kann ich nicht wirklich etwas über Gefühle schreiben. Und schon gar nicht über diese drei B-Gefühle: berührt, bewegt, betroffen.
Überhaupt lässt sich nicht schreiben (oder malen oder komponieren oder irgendeine Art von art machen), ohne aus sich heraus zu gehen.
We are storytellers by nature, which means we get to rewrite these stories about what we are meant to be doing with our lives. And we get to put creativity at the center of them. That doesn’t mean it will be easy. We will have to excavate our souls to do so. […]
‚Excavate our souls?‘ one reader screams. ‚But i just wanted to make some art.‘
SAME. Unfortunately, the making of things means the making of you.
(Amie McNee, We need your art. NY:Penguin 2025)
So, und nun prokrastiniere ich nicht weiter, lenke mich nicht länger ab, sondern stelle mich der Herausforderung.
Wieso gerade diese drei Emotionen? Gibt es keine anderen mit B-? Stehen die drei überhaupt in irgendeinem Verhältnis zueinander? Ich meine ja. Allerdings kann ich es nur vage bestimmen. „Stimmen“ ist dabei fast wörtlich zu nehmen, denn ich will den Vergleich mit dem Cello (oder einem anderen Streichinstrument) wagen.
BERÜHRT
Weißt du, was ein Flageolett ist? Wie solche Töne klingen? Einen Eindruck bekommst du von Michael Heupel hier bei Instagram. Ohne Vergleich zu gegriffenen Tönen ist es nicht leicht zu verstehen, worin die Besonderheit liegt. Um einen Flageolett-Ton zu erzeugen, greift der Finger die Saite nicht mit Druck, d.h. er presst sie nicht fest auf den Steg, sondern er – Achtung: jetzt kommt’s! – berührt sie nur leicht, schwebt fast über ihr. Es gibt nur einen Punkt, um den gewünschten Ton zu erzeugen. Erwischt man den nicht, klingt es leicht kratzig, verstaubt, verzerrt. Oder gar nicht. Griffe man fest zu, klänge der Ton, wenn schon nicht sauber intoniert, doch klar. Halt nur falsch. (Liebste A., verzeih‘ mein laienhaftes Geschwätz!)
Was ich sagen will, ist dies: Um berührt zu sein, darf kein Druck auf der Seele lasten, die Saite darf nur sanft in Schwingung versetzt werden, und der Ton erklingt schwebend, das Gefühl ist wie ein leichtes Zittern oder Beben, keine starke Erschütterung. Berührt zu sein ist für mich eine zarte Regung, die infolge von etwas Leisem erzeugt wird. Das können Szenen eines Films sein, Beobachtungen im Alltag, musikalische Berührungen (ich erinnere mich an das Antrittskonzert der Bamberger Symphoniker unter Jakub Hrůša, die es gemeinsam schafften, mich zutiefst zu berühren) und natürlich Kunst.
Was mich fast immer berührt, sind Hände. Kleine Hände, schmale Hände, geöffnete oder verschränkte Hände, ausgestreckte Hände oder gereichte Hände. Ich finde eine Hand subtiler als Augen bzw. Blicke. Klar, ein Blick sagt mehr als tausend Worte, oder so ähnlich, aber es scheint mir zu plakativ, es grenzt ein wenig an Kitsch. Nicht im wirklichen Leben, aber in dessen bildlicher oder textlicher Darstellung; es hat was von einer Inszenierung, in meinen Augen jedenfalls.
Vielleicht ist das auch Humbug. Nehmen wir aber zum Beispiel diese Hand:
Ist sie für dich gut zu erkennen? Sie liegt auf einer Unterlage auf: ein Tisch? Ist sie entspannt oder bittend? Gab sie etwas oder nahm sie es? Oder schläft ihr*e Eigentümer*in womöglich? Überhaupt: wessen Hand ist es? Ziemlich sicher die einer erwachsenen Person. Viel mehr aber lässt sich nicht sagen, außer dass es in der Umgebung eher dunkel ist. Aber: Mich zumindest berührt diese Hand, ich sehe sie offen, zart, verletzlich. Etwas klingt leise in mir an….
Was verbindest du damit? Bist du berührt? Oder eher gerührt? Oder was anderes oder nichts davon?
Nehmen wir den unmittelbaren Kontext dazu:
Hm, Hand mit Unterarm auf dem Boden, daneben ein nackter Fuß, umgestürzte Gegenstände … es wird ernst: Was ist da passiert? Und was wird noch geschehen? Meine Berührung wandelt sich vorsichtig in besorgte Betroffenheit, ein Gefühl, das ich mit dem Emoji mit den aufgerissenen, leicht bestürzten Augen (also doch wieder Augen …) ausdrücken würde 😳. Ich ahne und fürchte einen Gewaltakt – aber ich will der Betroffenheit eigentlich nicht vorgreifen und dem Bewegtsein schon gar nicht, zumal sich das Ganze schnell auflösen lässt:

Charles-Alexandre Crauk, 1865, Médée rendant la jeunesse à Eson, son beau-père (Medea gibt Aeson seine Jugend zurück)
Medea braut einen Zaubertrank, mit dem Jasons Vater – alt und krank – wieder verjüngt werden soll, und es gelingt. Tja. Das war es dann mit der Berührung.
Und was ist mit „bewegt“? Ich bin total abgeschweift – sorry!!!
BEWEGT
Um nochmal auf das Cellospiel zurückzukommen: So ein Flageolett klingt zwar sehr zart und ein bisschen engelsgleich, aber auch ein wenig spillerig. So richtig kommt die Saite nicht in Schwung oder eben nur ganz zart hauchend. Bei „bewegt“ assoziiere ich eher die C-Saite, die tiefste der vier Cello-Saiten. Die kann fein brummen und auch wild, fast hart klingen, so sehr, dass man die Schwingung von weitem schon sieht. So eine C-Saite in Schwung zu bringen heißt aber keinesfalls sie zu drücken; man benötigt schon etwas Kraft, um sie dazu zu bringen, sich zu bewegen, aber dann muss man sie auch gleich wieder lassen. Und so fühle ich mich, wenn ich mich von etwas bewegt fühle.
Was mir dabei – komischerweise – als Erstes in den Sinn kommt, ist ausgerechnet Maria. Das Lied, in dem sie durch einen Dornwald geht, zum Beispiel. Bald ist ja schon wieder Weihnachten, die Lebkuchen stehen längst in den Supermarktregalen, und es wird nicht mehr lange dauern, bis dazu die passende Musik erklingt. Halt nein, wir leben ja im neoliberalen Superkapitalismus, da bekommen wir es regelmäßig mit den Songs der gelb-orangefarbenen Superdeal-Nation und ihren weihnachtsmannbegeisterten, alles buntblinkend verhässlichenden bellenden Jingles zu tun. Wer kennt da noch Marias Dornwald?! Und erst recht diese wunderschöne Textzeile – ihr wisst, ich liebe die biblische Sprache, Stichwort Bachkantate und Brahmsrequiem – aus der Engelsverkündigung in Bethlehem:
Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. (Lukas 2, 15-20)
Kontemplation, Beschaulichkeit, bewusstes Nach-Denken nach dem Hören von Worten, dem Sehen von Bildern, dem Erfahren von Nachrichten oder Vorhersagen, all das steckt in dieser Formulierung. Und genauso fühlt es sich für mich an. Die Schwingung einer starken, aber freien, tief nachdenklich und innerlich dunkel klingenden C-Saite.
Worte, die zu Herzen gehen, Engelsworte gegen die Angst und für den Frieden. Da muss man nicht religiös sein, um sich in der heutigen Zeit, in der alles und alle von Krieg, Kampf und Krisen bestimmt werden, nach Trost zu sehnen und sich im positiven Sinne bewegen zu lassen.
Dieses Bild hier links kennst du schon aus einem Beitrag vom vorvergangenen April, in dem es um den Dialog ging. Dialog findet sich auch in der Bewegtheit: Ich und mein Erlebtes, ich und das Erfahrene, das es zu reflektieren gilt, nachdem die Saite angeklungen ist und nun eine Weile weiterschwingt. Hier im Bild ist es das Vertrauen und die Einmütigkeit zwischen Tröstendem, der gleichzeitig gefährdet, aber gerade deshalb vertrauensvoll und nicht furchtsam ist, und dem schlafenden Löwen, der die Krallen einzieht und die Nähe des ihm unvertrauten, fremden Wesen zulässt, sich ihr, der Nähe, hingibt, die Ruhe annimmt. Es bewegt mich, weil ich mir eine lebenswerte Welt genau so vorstelle.
Grad vorhin, im Garten auf dem unbequemen Stuhl, unter mir die „Möwe“, die eigentlich eine Katze ist, um mich herum Schmetterlinge auf der Suche nach dem letzten spärlichen Rest Nektar in den Blüten eines liederlich zurechtgeschnittenen (eigentlich gar nicht) Schmetterlingsflieder, las ich das Magazin WERDE. Fühlte mich bewegt durch die großartigen Projekte, Lebensweisen und Initiativen, durch die Menschen sich für ein nachhaltiges Leben und eine lebenswerte Zukunft einsetzen. Frage mich dadurch, was ich selbst eigentlich bereits dafür mache oder noch machen kann und soll. Frage mich, wie ich im Kleinen und Kleinsten eine Engel-Löwen-Trostwelt ein winziges Stückchen mit bewirken kann. Ob es legitim ist, sich dauern nur mit sich selbst zu beschäftigen, oder ob es nicht vielmehr unabdingbar ist, sich um Andere und für ein gerechtes, nachhaltiges Leben zu sorgen.
Wodurch lässt du dich bewegen? Was bewegt dich?
Betroffen
Hier nun kann ich mich wirklich kurzfassen, denn Anlass für Betroffenheit – und hier meine ich nicht diese inflationäre Betroffenheitsprosa à la „unfassbar!!!“ – gibt es wahrlich in über-ausreichenden Maße, wie diese winzige Auswahl des diesjährigen World Press Photo Contest zeigt:
Mich betroffen zu fühlen macht mich sprachlos, ratlos, es ist, als haute mich etwas um und als würde unter diesem Schlag meine Fassade einstürzen. Tief ins Mark getroffen. Die Sprache verschlagen. Mit einem Schlag mit dem zutiefst Menschlichen – im besten Sinne dieses Begriffs – konfrontiert sein. Mitten in den Magen, mitten ins Herz. Erstmal bewegt sich nichts mehr.
Darf ich noch einmal das Cello bemühen: Mit der Hand auf alle Saiten gleichzeitig schlagen. Auf den Cellokörper schlagen. Oder gleich der Sprung zur Königin der Instrumente: Unterarmtechnik plus Schuhgröße 48 quer auf alle Pedale. Klang damals im Bamberger Dom, als kreiste ein Hubschrauber mitten zwischen den vier Türmen und brächte in wenigen Sekunden das ganze Bauwerk zum Einsturz.
Das oben gezeigte zweite Bild ist das Gewinner-Foto: Seperated by ICE. Das letzte Bild zeigt junge Tänzerinnen der Joburg Ballett School in Soweto/Südafrika, Schwarze, die ohne Förderung keinen Zugang zu solch apart-elitären Institutionen erhalten würden.
Eines der Mädels, die zehnjährige Sabelo, sagt über ihre Motivation:
Somehow it makes me feel like myself. (WorldPressPhoto)
Berührt, bewegt, betroffen – durch etwas außerhalb des eigenen Egos, durch das man wieder beim eigenen Selbst landet.
Was macht dich betroffen? Was betrifft dich?






