Eine Zumutung zur samstäglichen Vesperzeit:
Angst entspringt angesichts der Möglichkeit zur Freiheit. Angst ist Angst vor dem Guten, und das Gute liegt in der Freiheit. In dieser Angst vor dem Guten liegt das Dämonische. Das Dämonische ist Angst vor dem Guten, wenn die Freiheit verloren ist und die Unfreiheit das Regiment übernommen hat. Das Dämonische ist die Unfreiheit, die sich verschließen will, doch im Verhältnis zur Freiheit zeigt sich die Angst vor der Berührung des Guten unmittelbar. Das Dämonische ist das Verschlossene, das Stumme, und das unfreiwillig Offenbare. Während Freiheit das Erweiternde ist, negiert das Verschlossene jede Kommunikation. Wenn nun die Freiheit das Verschlossene berührt, bekommt diese Angst. Das Verschlossene will nicht mit der Sprache herausrücken, ist gerade das Stumme; die Sprache, das Wort ist gerade das Erlösende von der leeren Abstraktion des Verschlossenen. Die Offenbarung ist hier das Gute, denn sie ist der erste Ausdruck der Erlösung. Sie kann sich in Worten verkünden, in Mienen, in Blicken, den Augen. (Kierkegaard)
Was ich hier keineswegs korrekt zitiere, klingt irgendwie theologisch, aber auch philosophisch, existenzphilosophisch, und das ist es auch, denn es stammt von Sören Kierkegaard. Der Begriff Angst. Mehr als 200 Seiten Definition, Analyse, Exemplarik. Und dabei hochpoetisch und in dieser Poesie ahnungsvoll.
Ahnungsvoll berührend und angsterregend sind auch die Bilder von Edward Munch. Den „Schrei“ kennt jede*r, kennst auch Du. Ich habe eine andere Version – „Das Geschrei“ getitelt – in einer Ausstellung von Munchs Bildern in Chemnitz gesehen. Die Ausstellung wurde unter dem Begriff „Angst“ kuratiert und widmet sich den tiefgreifenden Themen, die Munch bearbeitet und in vielen seiner Werktitel festgehalten hat, darunter Krankheit und Tod, Einsamkeit, Verlust, Melancholie. „Munchs Kunst lässt uns den fragilen Zustand des Malers oder seiner Umwelt erahnen“, verspricht der Ausstellungskatalog im Vorwort. Und, so möchte ich ergänzen, auch den der Betrachtenden, die vor den Kunstwerken stehen und die Titel nicht zu kennen brauchen, um von den Gefühlen, der Angst, der Einsamkeit, der Angst vor der Einsamkeit ahnungsvoll umweht und berührt zu werden.
Es gibt eine Aussage Munchs zu der Situation, die ihn zu dem Bild „Der Schrei“ inspirierte. Munch litt an Depressionen und Angstzuständen, die Quellen seiner Kunst gewesen sind, so auch zu diesem Bild:
Ich ging mit zwei Freunden die Straße entlang – die Sonne ging unter – plötzlich wurde der Himmel blutrot – ich blieb stehen, lehnte mich todmüde ans Geländer – und sah, wie Blut und Feuer über den blauschwarzen Fjord und die Stadt quollen. Meine Freunde gingen weiter – und ich stand da, zitternd vor Angst – und ich fühlte den großen, unendlichen Schrei der Natur. (Bandelow)
Fühlt er das Dämonische, die Berührung von Freiheit, das Plötzliche, das aus der Kontinuität des Lebens herausbricht, kein Gesetz kennt und als psychisches Phänomen die Äußerung der Unfreiheit ist? Bricht das Dämonische über ihn herein, das sich unfreiwillig offenbart und sich in einem Schrei nur entladen kann? Das aus dem Verschlossenen, dem Verborgenen, was unter der Oberfläche nur zu erahnen war, wie ein Geysir herausschießt, gewaltvoll, dämonisch eben. Findet nicht der Mensch in genau diesem winzigen, flüchtigen, spontanen Augenblick ganz zu sich selbst, sieht sich seinem eigenen Angesicht ausgesetzt, das in diesem Moment seine gesamte Existenz offenbart, findet letztlich dort „spontan (und) ursprünglich […] seinen Ort“:
Er ist außer sich und gerade im selben Augenblick identisch mit sich: Das Machtvolle ist etwas Atmosphärisches, das den Menschen wie eine weite, räumliche Macht ergreift — und zugleich verändert. Plötzlich aus dem Schweigen, aus der Tiefe, dem Aushalten der Stille erwächst etwas überraschend Faszinierendes, etwas, das mitgeht, auch wenn ich längst wieder woanders bin. (Verst)
Das Dämonische ist Angst vor dem Guten.
Unweit des Bilds „Das Geschrei„, vis à vis, hängt die Lithographie „Angst“ von 1896. Sie zeigt eine andere Art von Angst als „das Geschrei“, das dem Gemälde „Schrei“ nahezu identisch ist, als monochrome Version. Hier zeigt sich die Verschlossenheit, das Stumme in seiner Reinform. Die Gesichtszüge blass, durchscheinend, in zaghaft-unsicheren Strichen nur angedeutet, die Augen fast auf Punktgröße starr verengt, die Körperhaltung erstarrt und zugleich zur Körperlosigkeit in der Gruppe der Menschen aufgelöst, Nicht-Körper gehen identitätslos ineinander über, nur die Gesichtsmasken scheinen fahl aus dem Schwarz heraus. Der Hintergrund ähnlich dem „Geschrei“, Fjord, Schiffe, Geländelinien und über all dem ein rotgestreifter Himmel (den ich blöderweise nicht mit aufs Foto genommen habe).
Hier bricht nichts hervor, das Dämonische als Angst vor dem Guten, der Freiheit, zeigt sich als sich verschließende Unfreiheit. Unberührt, zur Unendlichkeit eingefroren. Dem offenen Horizont die Rücken zugekehrt; das angstvoll aufgerissene und zur Fadenscheinigkeit eines allzu häufig benutzten Leinentuchs reduzierte Gesicht starrt die betrachtende Person an, verletzlich, verwundbar. Auch das ist eine existenzielle Angst, aber eine andere, eine, die das Herz fest umklammert hält, die als ständige Begleiterin so selbstverständlich an Deiner Seite bleibt, dass Du sie kaum mehr bemerkst. Und sie bleibt stumm. Existenziell, aber stumm.
Was wäre, wenn Du sie anschautest? Mit einem tiefen, ruhigen, geduldigen Blick? Ihr Worte schenken könntest, „[e]in Wort, das auf einmal trifft – und etwas öffnet“ (Verst) und mit einer Tiefenbewegung Dich zum Leben erweckt. Was wäre, wenn Du sie lieben lerntest.
Munchs Darstellung der „Madonna“, die er auch „Die liebende Frau“ benannt hat, zeigt sie nicht wie gewohnt als hingebungsvolle heilige Mutterfigur, sondern als eine Frau, die Sinnlichkeit, Schöpfung und die Vergänglichkeit des Lebens in sich vereint. In ihr zeigt sich der Archetyp der Liebenden, der Heilerin wie auch der Magierin, symbolisiert durch Nacktheit, die farbigen Wirbel, die dunkle Tönung der Erdverbundenheit. Ihr nach innen gekehrter Blick scheint der Welt entrückt, gleichsam zwischen Leben und Tod oszillierend. Im Gewahrsein der Unschuld, die der erste Mensch, vor dem Sündenfall, nur träumend erlebte, umfängt sie sich selbst und ihre Angst. Vielleicht liegt darin das Mysterium von Liebe, Leben und Tod, und mit der existenziellen Angst, der man nicht entkommen, aber den Umgang mit ihr lernen kann.
„Sich ängstigen lernen, damit man nicht verloren ist, entweder weil man sich niemals geängstigt hat, oder weil man in der Angst versunken ist; wer aber sich recht ängstigen lernte, der hat das Höchste gelernt.“
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Bandelow, Borwin, 2025, Edvard Munch. Angst. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung. Museumsausgabe. Kunstsammlungen Chemnitz/Hirmer Verlag Görner, Rüdiger, 2012, Sich ängstigen lernen, damit man nicht verloren ist. Recherche Germaniques, 42, https://doi.org/10.4000/rg.526 Kierkegaard, Sören, 1844, Der Begriff Angst. Reclam-Ausgabe 2023 Verst, Ludger: Wummm! Kirch im WDR vom 13.09.2025, abzurufen unter https://www.kirche-im-wdr.de/startseite?tx_krrprogram_pi1%5Bformatstation%5D=3&tx_krrprogram_pi1%5Bprogramuid%5D=100570&cHash=5aed4a40afd67d5d8899e79b27baeb60

