Ach, du lieber, armer Fehler!

Ich bin jetzt mal ganz freundlich zu dir, du lieber, armer Fehler, denn ich lebe in einer wahren, der einzig wahren Fehlerkultur voller Fehlerfreundlichkeit, in der Fehler ja so süß und niedlich und putzig sind, dass man sie einfach nur liebhaben muss!

Bullshit.

Fehler zu machen, sich zu irren, über falsche Informationen zu verfügen oder auch eine Meinung zu vertreten, die erstmal nicht sachlich begründet werden kann, ist so selbstverständlich wie Atmen. Warum so viel Worte darüber verlieren und komische Begriffe einführen, die meistens nur darüber hinwegtäuschen, dass die eigenen Schwächen nicht ausgehalten werden?

Wann ist ein Fehler ein Fehler? Was macht etwas zu einem Fehler? Warum sollte man freundlich sein, wenn man Fehler doch vermeiden will? Ehrlich gesagt halte ich diese ganze Rede von Fehlerkultur für eine Verschleierung ganz grundsätzlicher Systemfehler. Was fehlt (haha), ist der Respekt vor den mündlichen oder schriftlichen oder sonstwas Beiträgen von anderen Menschen, die sich in einen Diskurs einbringen. Es mangelt an Respekt für den Diskurs selbst, an dem bitte schön jede*r teilnehmen können sollte, der es aber auch gestatten sollte, Meinungen und Argumente nicht nur auszutauschen, sondern auch zu korrigieren; der Lernen und Transformation ermöglicht; durch den ein neues Verhältnis zu den Dingen und zu sich selbst entstehen kann.

Auf LinkedIn fand ein Kommentarwechsel statt, in den ich mich einmischte; auf die Einlassung auf einen Beitrag über sogenanntes „Cold Calling“, das unangekündigte Drannehmen von Kursteilnehmenden (bei Lehrkräften auch als Abfragen beliebt), man könne ein Klima der „Fehlerfreundlichkeit“ herstellen, entgegnete ich:

„Echte Fehlerfreundlichkeit“? Ich bemühe mich eigentlich immer Fehler zu vermeiden bzw. zu korrigieren. Warum sollte ich zu Fehlern freundlich sein? Ich bin lieber zu denjenigen meiner Studierenden (Transfer auf andere Gruppen erlaubt) freundlich und respektvoll, die im Seminar lieber nicht sprechen möchten, und bemühe mich, ihnen Formate anzubieten, die ihnen in ihren Bedürfnissen entgegenkommen. Oder auch einfach nur etwas mehr Zeit zum Nachdenken oder Mut fassen.

Dies löste bei beiden Diskussionsteilnehmenden eine längere Erklärung aus, was der Begriff beinhalte, und was mit dem ersten Beitrag gemeint war. Darin hieß es unter anderem, Fehler seien ein integraler Bestandteil des Lernens; Unsicherheiten über das, was richtig oder falsch sei, seien normal; Fehlerfreundlichkeit sei eine Haltung, die Denken erlaubt. Aha. Sobald dieser Journalbeitrag hier fertig ist, werde ich (endlich) darauf reagieren und erläutern, was ich mit meinem Kommentar ausdrücken wollte, nämlich diese kritischen Fragen:

  • Wenn etwas integraler Bestandteil von etwas Umfassenderem ist, warum muss man es eigens so bezeichnen, dass man keine Angst davor haben muss?
  • Wenn Unsicherheiten gegenüber der Richtigkeit von eigenen Meinungsäußerungen oder anderen Redebeiträgen normal sind, warum ist der Umgang damit so schwierig?
  • Warum muss man in einer demokratischen Gesellschaft das Denken erst erlauben? Und wieso braucht es dafür eine spezifische Haltung?

Bild: KI-generiert

Letzteres ist wohl der für mich ausschlaggebende Aspekt. Wir leben in einer Gesellschaft der Leistungsorientierung, Effizienz und Effektivität, unterwerfen uns der Logik von Ökonomie, Verwertung und Konsum, weiten dies auf Gefühle, Emotionen und Befindlichkeiten aus, optimieren uns selbst zu Tode und inszenieren unsere Perfektion. Auch Lernen und Bildungsprozesse werden diesem Diktat unterworfen, und die Schule ist die beste Disziplinaranstalt dafür. Heißt in Konsequenz: Sie bringt den an der beschriebenen Logik ausgerichteten „Normschüler“/ die „Normschülerin“ hervor und sanktioniert jede individuelle Abweichung. Erst diese Disziplinierung macht einen Fehler zur angstbesetzten Bedrohung, macht jedes Scheitern an einer Frage zu einem persönlichen Versagen und jede falsche Äußerung zum Ziel für Beschämung und Bloßstellung.

In was für einer Gesellschaft leben wir also? Anscheinend (ganz sicher!) in einer, die Begriffe braucht, um die Unfreiheit des Subjekts zu verschleiern, die Unterschiedlichkeit von Individuen (normal, oder?) und die Einmaligkeit jeder einzelnen Person (selbstverständlich, oder?) als Diversity bezeichnet und den Umgang mit Heterogenität (überall zu finden, oder?) als Herausforderung ansieht. Die es für notwendig erachtet, Menschen in eine Gemeinschaft inkludieren zu müssen, als gehörten sie nicht sowieso und selbstverständlich dazu. Die zu einem freundlichen Umgang mit Fehlern aufruft, diese aber gleichzeitig als integralen Bestandteil von Lernprozessen bezeichnet. Klar sind sie das, so what? Aber erstmal müssen die Schüler*innen dazu gebracht werden, jedes Scheitern an der von außen festgelegten Norm als persönliches Versagen zu begreifen, um ihnen dann die Angst vor Fehlern durch die Gestaltung eines fehlerfreundlichen Lern- und Diskussionsklimas nehmen zu wollen. Erst wird Leistungsdruck ausgeübt, dann bemüht man sich um die Stärkung von Selbstwert und Resilienz. Erst werden „Fehler“ sanktioniert und die arme fehlbare Person womöglich verlacht, dann trägt man ihr eine Ermutigungsstrategie hinterher, die auf der Anerkennung des Muts und der Wertschätzung des Versuchs zurückgreift.

Warum das Ganze?

Klar, die Beitragenden und der Kommentierende auf LinkedIn haben völlig recht mit ihren Erklärungen und Kontextualisierungen. Ich verstehe natürlich ganz genau, worum es dabei geht. Und wir sind alle Kinder des Systems, und es wäre vermessen, so zu tun, als stünden wir außerhalb, jenseits seiner Machtstrukturen. Wir können nur so viel sein und uns so weit bewegen, wie es der gesellschaftliche Rahmen mit seinen Normierungen und Disziplinierungen zulässt. ABER: wir können die Dinge, unser Handeln und Denken, Fühlen und Bewerten kritisch hinterfragen, inwieweit es den grundrechtlich und schulrechtlich fixierten, verfassungsmäßig geregelten und gesellschaftlich-sozial akzeptierten Maximen und Werten entspricht. Inwieweit wir bereit und fähig sind, freiheitlich-demokratischen Werten und Rechten ihrer Realisierung zuzuführen. Ob wir es schaffen, einander in unserem Bemühen, ein guter, gerechter Mensch zu werden und ein gutes, gerechtes Leben zu führen, wahrzunehmen und zu unterstützen. Inwiefern wir einander mit Anerkennung gegenüber jeglicher Leistung, jeglichen Bemühens und jeglichen Versuchs zu lernen und uns zu bilden, zu begegnen. Und ob wir es schaffen, und gegenseitig unabhängig von Leistung, Erfolg, Effizienz und Fortschritt als Person anzunehmen und wertzuschätzen.

Erst dann ist ein Fehler buchstäblich nicht mehr der Rede wert und wir könnten uns endlich befreit aufatmend der Sache zuwenden, um die es bei Lernen und Bildung eigentlich gehen sollte.

Was meint ihr dazu? Kommentiert gerne! Widersprecht, wenn ihr widersprechen wollt! Stimmt zu und sagt warum, wenn ihr gleicher Ansicht seid. Bringt neue Aspekte ein, wenn ihr den Denkrahmen erweitern mögt! Ich freue mich darauf!

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