A wie Ausdruck und ein Kühlschrank

Wie ihr wisst, beschäftige ich mich seit einiger Zeit immer wieder mal mit der Tiefenökologie, mit Gefühlen wie Wut oder Angst angesichts der gegenwärtigen Krisen und Katastrophen in der Welt sowie mit der Frage, wie es gelingen könnte, ausgeglichen, aber engagiert, empört, aber friedvoll in der Welt zu sein.

Dies interessiert mich, obwohl oder weil ich ja nicht gerade die größte Philanthropin, Menschenfreundin, bin, und mein Interesse bekam neue Nahrung, seit ich aufgrund diverser Unverträglichkeiten nur noch ausgewählte Nahrung zu mir nehmen darf. Statt missmutig darüber zu sein, war ich einfach nur dankbar, dass mit der speziellen und eingeschränkten Ernährungsweise meine Beschwerden, die mich ohne Ende ausgezehrt haben, fast vollständig zurückgegangen sind, und ich bin dankbar, dass es doch recht viele Ersatzlebensmittel gibt: Reissirup oder Maiszucker statt Haushaltszucker, fructosefreie Marmeladen und Honig, glutenfreie Backwaren, laktosefreie Milchprodukte (die veganen mag ich einfach nicht) und nicht zuletzt fructosefreien Wein und Sekt – holdrio!

Dieses Gefühl der Dankbarkeit hat mich wirklich sehr zufrieden und deutlich ausgeglichener gemacht, als ich früher je war. Okay, es gibt natürlich nicht andere Faktoren, die dies bewirken. Aber wo alle möglichen Meditationen, Dankbarkeitstagebücher, Achtsamkeitsübungen, Coaching-Kalender und Reflexionsimpulse nur wenig verändert haben, veränderte diese Erfahrung der hohen Zufriedenheit trotz vieler Einschränkungen, Auswand und Ausgaben meine Haltung deutlich.

Das würde ich gerne teilen, und zwar mit einem neuen Gewand, in dem die Journalbeiträge erscheinen.

Ich werde ein „Alphabet des Ausdrucks“ beginnen.

Vor ein paar Wochen besuchte ich in Hamburg ein Theaterstück, das ein gewichtiges Stück Lyrik der Schriftstellerin Inger Christensen auf die Bühne brachte, und zwar extrem eindrucksvoll und tief berührend.

Das Buch „Alphabet“ besteht aus in der Länge zunehmenden, alphabetisch erscheinenden Beschreibungen von Beobachtungen, Wahrnehmungen und Gedanken, Expressionen und Reflexionen darüber – alles im lyrischen Stil und begleitet von Radierungen, die sehr intuitiv und emotional wirken.

Angelehnt an diese Idee – eigentlich ist es viel mehr als nur eine Idee, eine kreative Umsetzung, sondern ein mühevoller und verzweifelter Versuch von Inger Christensen, sich einer Schreibblockade zu stellen – angelehnt an dieses Werk möchte ich nun versuchen, die Palette großer und kleiner Gefühlslagen, Erlebens- und Ausdrucksweisen in Worte zu kleiden: ein Alphabet der Gefühle. Mit meinen beschränkten Möglichkeiten, unterstützt durch die Gedanken und Worte anderer und wie immer begleitet von Bildern, die dem Gesagten die Möglichkeit des Fühlbaren zur Seite stellen.

Fangen wir mit dem Allgemeinen an:

Was bedeutet Ausdruck? Ausdruck wovon?

Von Eindrücken, Gefühlen, Gedanken – als Expressionen jenseits der Worte. Von Persönlichkeit, Identität, dir selbst in Form von Bildhaftigkeit, Dingen, Symbolen und Zeichen. Und doch authentisch. In Form von gestaltetem Raum, gelebter Zeit, vollführter Bewegung.

Neulich saß ich vor meinem Kühlschrank, also eigentlich am Küchentisch, der aus Platzgründen so steht, dass ich eben auf den Kühlschrank schauen muss. Der aber ist an den beiden sichtbaren Seiten, so auch an der dem Küchentisch zugewandten, über und über mit Magneten, Karten und Fotos bespickt, auf den meisten natürlich irgendwelche Gemälde oder andere Arten von Kunst, auf manchen irgendwelche Sinnsprüche. Vier Briefmarken hängen dort – drei Mainzelmännchen, gehalten von einem Magneten mit einem grünen Ungeheuer von Niki de Saint Phalle, und der Kniefall von Willy Brandt.

Magnete mit diversen Frauenporträts

Und ich schaute so versonnen von einem Magneten zu anderen, entdeckte manchen neu, sortierte andere um und fragte mich dabei, was wohl andere Menschen an ihren Kühlschränken haben (manche kenne ich ja, also die Kühlschränke, und weiß, was dran klebt, aber ich fragte mich das so generell), wie diese Menschen wohl meinen Kühlschrankbehang wahrnehmen (von einer Freundin weiß ich auch das, sie bemerkte amüsiert die Masse an „Bildern“, nicht nur am Küchenmöbel, sondern an nahezu jeder Wand in meiner Behausung), und ich fragte mich, was solche Dinge, deren Auswahl und Präsentation über den Menschen aussagen, der die Gestaltung vollbracht hat.

Gaston Bachelard hat ein bemerkenswertes Buch über den Raum und seine Dinge, seine Gestaltungselemente geschrieben: Poetik des Raums heißt das Buch. Er beschreibt dabei in einer wirklich poetischen, aber philosophisch-literarischen Sprache, welche Bedeutung und Wirkung Dinge im Raum haben können: das Haus selbst, eine Höhle, eine Nische, ein Schlupfwinkel; Kästchen, Schubladen und Schränke, aber auch Muscheln und Nester; schließlich das Drinnen und das Draußen und das Räumliche selbst. Dabei untersucht er die Macht der Bilder im Unvordenklichen und wie die Dinge und ihre Bilder wirken, was das Metaphorische und Symbolhafte an ihnen ist, in dessen Sog wir uns hineinziehen lassen.

Um zu meinem Kühlschrank zurückzukommen:

Was also sagen die Dinge, mit denen wir uns umgeben, die wir um uns herum ansammeln, über uns selbst aus? Über das, was wir sind und wie wir sind? Was wir brauchen oder vermissen, wonach wir uns sehen? Was drücken wir darin aus, welche Gefühle verbinden wir mit ihnen?

Maria Lassnig, Paar. 2005. Sammlung Lambrecht-Schadeberg.

Wie betrachtest du diese Dinge?

Wir betrachten uns damit irgendwie auch selbst, nicht wie in einem Spiegel, der dir deine Oberfläche ach so glatt wieder zuwirft. Du blickst ohne Umwege – höchstens dir ausweichend – direkt in dich hinein, nur musst du den hauchdünnen Stoff, der dein Innerstes wie eine Faszie den Muskel zart umgibt, beiseiteschieben; und dahinter bemerken deine Gefühle, die sich auf deinem Gesicht, in deinen Augen, unter deinem Blick zeigen.

Betrachte die Dinge um dich herum als Ausdruck deiner selbst, deiner Gefühle, Erinnerungen, deiner Welt. Und deines Wertes.

 

Freue dich also auf die neue Journal-Reihe: das Alphabet der Gefühle und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten.

Und ich freue mich, wenn ihr dabei seid! Ab Juni hier auf diesem Channel! 🤗

 

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