Zugegeben: nicht alle Gefühle und Emotionen in der alphabetisch geordneten Liste sind wirklich Gefühle, sie ist auch nicht wirklich professionell. Manche sind eher Bedürfnisse, Zustände, Einstellungen oder auch Eigenschaften. Aber das macht sicher nichts, denn entweder regiert man dann emotional zum Beispiel auf einen Zustand, der sich angenehm darstellt, oder aber es ist ein Gefühl mit einer Eigenschaft oder Einstellung verbunden. Sei’s drum.
Es gibt also Listen der Gefühle und Emotionen, die Differenzierungen der universellen Grundemotionen Wut, Angst, Trauer, Ekel und Freude; der US-amerikanischen Psychologen Paul Ekman fügt noch Überraschung und Verachtung hinzu. Oder aber sie sind Begleiterscheinungen oder Folgen sozialer Konventionen, kultureller Praktiken oder biographischer Prägungen. Sowohl die Grundemotionen als auch sicher sehr viele weitere Gefühlslagen kennst du sicher selbst sehr gut.
In meiner Reha, die ich im Frühsommer 2024 gemacht habe, ging es oft und vielfach um Gefühle und Emotionen. Auch dort wurde eine Liste verteilt, auf der entsetzlich viele Gefühle aufgeführt waren. Obwohl ich immer der Meinung war, nicht gerade der emotionalste Mensch zu sein, musste ich doch zugeben, die meisten Zustände bereits erlebt zu haben, und ich konnte ihnen sogar einen Namen geben. Ihnen Ausdruck zu verleihen, verbal, mimisch-leiblich oder gar künstlerisch, hingegen fiel und fällt mir eher schwer. Verbal noch am ehesten, denn ich kann sie ja benennen, aber dann ist auch schon wieder Schluss. Ich bewundere Schriftsteller*innen, die eine extrem bildhafte, metaphorische und präzise Sprache für Erinnerungen, Gefühle, Gedanken und allgemein Erlebensweisen finden. Diese Art von Ausdruck ist ebenso eine Kunst, wie die inneren Empfindungen bildend auszudrücken, wie es Maler*innen oder Bildhauer*innen etwa können. Um Himmels Willen – ich bin weit entfernt davon! Würde es aber furchtbar gerne können …
(Es gab jemanden in der Reha, dem es noch schlimmer erging, denn er konnte mit den meisten der gelisteten Gefühle gar nichts anfangen, sagte er selbst von sich, und er hätte auch irgendwelchen Zuständen niemals die entsprechende Bezeichnung geben können. Interessanterweise hat er dann höchst systematisch die Liste für sich in der Art abgearbeitet, dass er Emotion für Emotion in seine Vorstellungswelt integriert, sie nachvollzogen, benannt und darüber gelernt hat. Erfolgreich, wie er mir Monate später erzählte. Das hat mich echt verblüfft, ich war aber gleichzeitig skeptisch.)
Deshalb und weil ich mich ja viel mit Reflexion, Kunst und Reflexion durch Kunst beschäftige, kam eben der Wunsch auf, nunmehr dieses Journal schwerpunktmäßig dem Alphabet der Gefühle zu widmen und deren Ausdrucksmöglichkeiten zu erforschen. Na ja, ein wenig darüber nachzudenken halt.
Fange ich also nach dieser längeren Vorrede mal an, und zwar mit Angst als Grundemotion. Ich versuche ihr in meinen Überlegungen Abscheu und Alleinsein zu Seite zu stellen.
Mit dem Alleinsein fängt das Problem der Emotionsdefinition schon an, denn man kann sich natürlich allein fühlen, aber das Alleinsein ist zunächst einmal ein Zustand, also raum-zeitlich zu erfassen und ihn einer zeitlichen Phase, einem Lebensabschnitt zuzuschreiben oder an einem Ort zu lokalisieren. Ein Alleingefühl, eine Alleinigkeit gibt es so nicht. Aber der Reihe nach. Es sollte ja um die Angst gehen.
Angst gehört zum Menschsein genuin dazu, sagt beispielsweise die Psychologie. „Angst schützt uns, Angst bewahrt uns vor Gefahr, oder ‚Best safety lies in fear‘, wie es in William Shakespeares „Hamlet“ heißt. Tatsächlich wirkt Angst als biosoziales Signal und trägt wesentlich zu einer risikobewussten Auseinandersetzung mit der Umwelt bei“. Diese klugen Sätze sind auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung bpb nachzulesen.
Ich will hier aber keine langwierigen multidisziplinären Definitionen liefern, die kannst du ja alle selbst nachlesen. Vielmehr stellt sich mir die Frage, wie dem Gefühl der Angst Ausdruck verliehen werden kann und wie sich mit ihr umgehen lässt, damit sie nicht pathologisch wird. Die Palette psycho-pathologischer Ängste ist breit; am bekanntesten sind Phobien, z. B. vor Spinnen, engen Räumen oder weiten Plätzen.
Der berühmteste Ausdruck der Angst findet sich sicher in Edvard Munchs Bild der Schrei. Hierüber habe ich ja schon mal einen Beitrag geschrieben. Das Bild ist es aber wert, ein weiteres Mal aufgegriffen zu werden.
Eigentlich trägt das Bild den Titel ‚Das Geschrei‘. Schreien kann man ja nun auch aus Wut, Ärger, Zorn, Verzweiflung oder Entsetzen. Dennoch wird umgehend klar, dass die Person, die da auf einer Holzbrücke steht, Angst hat. Die Augen weit aufgerissen; die Hände in großem Schrecken halten den Kopf, als müssten sie ihn davor bewahren herabzufallen, oder sie möchten verhindern, dass die Person buchstäblich außer sich gerät. Die Person ist allein, wenn auch zwei weitere, schwarz erscheinende Figuren ebenfalls über die Brücke gehen, und im Hintergrund fahren zwei Boote über den See.
Die Lithographie ist in Schwarz und einem bräunlichen Grau gehalten; durch die in verschiedenen Fluchtpunkten gezogenen Linien – gewellt, horizontal, vertikal und in verschiedenen Schräglagen – entsteht eine Unruhe, die von den Geländerbalken scharf durchschnitten wird.
Wie reagierst du auf das Bild? Was empfindest du beim Betrachten? Kannst du die Angst der schreienden Person wahrnehmen und nachempfinden? In mir entsteht ein Gefühl der Enge (Angst kommt übrigens aus dem lateinischen angustia, zu Deutsch „die Enge“ – sinnbildlich für die bei Angst entstehende Enge in der Brust, das Druckgefühl, die zugeschnürte Kehle; dies sagt nochmal die bpb), Beklommenheit kommt auf, ich fühle, wie sich mir die Nackenhaare aufstellen, eine evolutionsbiologische Reaktion auf Gefahr. Obwohl nicht zu erkennen ist, wovor die Figur eigentlich Angst, reagiere ich in ähnlicher Weise.
Munch sagt selbst, er beschreibe nichts konkret Angst Machendes. Er verarbeite vielmehr mit dem Bild eine eigene Panikattacke, die ihn anfiel, als er bei einem Spaziergang plötzlich fühlte, wie der Himmel blutrot wurde, und die Natur einen ohrenbetäubenden Schrei ausstieß, der ihn in eine tiefe existentielle Panik versetzte. Dies ist eine weitere Facette der Angst, der sich nicht psychologisch, sondern philosophisch, eben existenzphilosophisch angenähert wird. Hier hat Angst keine physisch existenzsichernde Funktion, sondern stellt ein Urphänomen menschlichen Dasein dar. Sie führt uns an die Grenzen unseres Seins und trifft uns im Innersten, in der Seele. Damit sind existenzielle Ängste im philosophischen Sinne auf die gesamte Person und ihr Selbst bezogen und in den Prozess der Selbstwerdung eingebunden. Sie können sich konkret zum Beispiel in der Angst vor sozialer Isolation, vor Sinnverlust oder persönlichem Versagen, aber auch vor Krankheit oder Krieg äußern. Eine Reaktion darauf kann zum Beispiel eine Depression sein. Angst essen Seele auf.
Und damit wären wir wieder beim Alleinsein. Denn auch die Angst vor sozialer Isolation ist existenziell bedrohlich; der Mensch als soziales Wesen kann ohne Nähe, Berührung, Vertrauen, Austausch mit, von und zu anderen Menschen nicht existieren, nicht gesund leben oder gar überhaupt nicht leben. Gemeinschaft und Zugehörigkeit, Bindung und Beziehung sind überlebenswichtig, das haben schon die Bindungsforscher Spitz und Bowlby in den 1940er und 1950er Jahren festgestellt und mit ihren Bindungstheorien Phänomene wie den Hospitalismus und die Deprivation erkannt, die tatsächlich zum Tode der untersuchten Heimkinder haben führen können.
Das Gefühl von Einsamkeit hat nicht erst seit der Corona-Pandemie stark um sich gegriffen und wird intensiv beforscht. Es gibt zahlreiche Aktionen, Initiativen und Bündnisse, zum Beispiel die Allianz gegen Einsamkeit. Allerdings sind Alleinsein und Einsamsein nicht dasselbe; ich zum Beispiel bin oft und viel allein, fühle mich aber keineswegs einsam. Eher ist es so, dass ich mich einsam fühle, wenn ich unter Menschen bin, mit denen keine Verständigung möglich ist, kein gegenseitiges Verständnis und keine Zugewandtheit. Und das finde ich schlimm, davor habe ich Angst. Aber das ist nicht der Grund, oder jedenfalls nicht der einzige, warum ich gerne allein bin, warum ich das Alleinsein sogar brauche. Der ausschlaggebende Grund ist mein Bedürfnis nach Ruhe, Stille, Menschenleere. Ich habe eine Abscheu vor großen Gruppen, Menschenmassen, Großveranstaltungen. Lärm, laute Geräusche, Kakophonie. Ich verabscheue allzu große Enge, Bedrängnis und die ungebetene Nähe fremder Menschen, die sich an einem vorbeidrängeln und -quetschen, die einem in vollen Zügen auf die Pelle rücken (müssen, und ich ihnen), deren Ausdünstungen mich olfaktorisch belästigen und sich mir feucht-klebrig auf die Haut legen wie die wassersatte Luft in einem Tropenhaus. Nein, falsch, vor der empfinde ich überhaupt keine Abscheu, denn ihr haftet nur Natürliches, nichts Menschliches an.
Ich habe in Menschenaufläufen Angst, in dem Lärm und Gedränge in Panik zu geraten wie Munch auf der Brücke unter blutigem Himmel, ich werde gereizt und aggressiv, als ginge es um meine Existenz – nur weg! Sofortiger Fluchtreflex! Die Abscheu selbst ist keine Angst, führt aber dazu. Mein Verhältnis zu Spinnen war auch nie angstbesetzt, phobisch, sondern von Ekel und Abscheu durchdrungen – bis… ja, bis mir eines Tages eine nette kleine Spinne auffiel, die ich ganz besonders hübsch fand, was mich sehr überraschte. Das kannte ich nun wirklich nicht, ich musste mich schon immer vor lauter Ekel schütteln und empfand Widerwillen, ein Gräuel und Aversion gegen die Achtbeiner. Voll zwei Beine zu viel! Aber ab diesem Zeitpunkt der Begegnung mit der hübschen Spinne nahm die Abscheu nach und nach ab. Und das brachte mich auf einen Gedanken.
Was wäre, wenn man die Vorstellung dessen, vor dem man sich ängstigt oder ekelt, einfach verändern, verschönern und in Wohlgefallen auflösen könnte?
Tatsächlich ist die oben gezeigte Lithographie von Munchs ‚Geschrei‘ nur eine Version von mehreren Umsetzungen, die bekannteste ist das farbige Gemälde von 1910. Ob es Munch damit gelungen ist, die Angst zu schmälern, zu entgiften, weniger bedrohlich wirken zu lassen, wage ich zu bezweifeln. Auch die Arbeit von Warhol von 1984 ist zwar in leuchtenden Farben gehalten, aber nach wie vor schnürt es mir die Kehle zu.
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Was würdest du ändern, wie würdest du der Angst den Stachel nehmen?
Ich würde vielleicht die Brücke weiß streichen und der Figur ein strahlend-weißes flatterndes Tuch umbinden. Die Sonne auf dem Wasser glitzern lassen. Blumenkästen mit Geranien oder duftendem Lavendel ans Brückengeländer hängen. Ein wenig Grün fehlt noch.
(Ich hatte mal ein Kinderbuch, Tuppi Schleife hieß es, die drei Grobianen, die faul in einer alten Mühle hausten und alles verlottern ließen, kräftig einheizte und sie dazu antrieb alles aufzuräumen und zu putzen, die Wände und Fenster neu zu streichen – farbig natürlich – und das kaputte Treppengeländer zu reparieren, innen alles mit Deko aufzuhübschen und den Garten wie aus dem Katalog komplett neu anzupflanzen.)
Das ‚Weinende Mädchen‘ würde ich in ein schickes weißes Kleid packen und ihr hochhackige knallrote Schuhe anziehen. Die Vorhänge würde ich weit aufziehen und das Fenster aufreißen. Einmal tief Luft geholt, eine feine Qi Gong-Übung gemacht, die Yin und Yang-Übung vielleicht oder die für ein langes Leben, und dann ab nach draußen in die Sonne und der Welt dein Gesicht zeigen!
Okay, die Wirkung auf die Haltung der Lady stellt sich sicher erst zeitverzögert ein.
Aber es geht viel mehr Stärkendes von den veränderten Bildern aus, sie zeigen nun eine Weiterentwicklung, die ihnen alles Bedrückende und Schwächende nimmt, die aufatmen und die Ängste und Sorgen ein wenig vergessen lässt.
Na, wie fühlt sich das an? Damit lässt es sich doch leben, oder nicht? Auch hier und heute und in dieser Welt. 🙏🏻🤗
Mit Gefühlen umgehen, Gedanken sortieren, neue Aspekte und Perspektiven kennenlernen, sich weiterentwickeln – geht mit Kunst natürlich besser! 🎨🖌️
Entwirf dich neu mit fabula Me!



