Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann. (Marie v. Ebner Eschenbach)

Im Juli letzten Jahres entdeckte ich einen gesprayten Schriftzug auf dem Promenadenmäuerchens entlang des Mains in Würzburg.

Schriftzug am Mainkai in Würzburg

Ich war mal wieder in der alten Heimat, das Wetter war wie immer spitze und ich spazierte an der Main-Promenade entlang Richtung der Alten Mainbrücke und in Richtung eines gekühlten Glases Würzburger Weißwein, als ich den Text entdeckte. Faszinierend kurz. Berückend dezidiert. Drei kleine einsilbige Worte und ein abschließender Punkt. Sofort geriet ich ins Denken, Assoziieren. Und nun – Monate später – auch ins Reflektieren.

Natürlich habe ich erst einmal gegoogelt, ob es irgendetwas zu bedeuten haben könnte. Ob das irgendein Bekenntnis von wem auch immer für was auch immer sein könnte. Mit Graffitis und entsprechenden (sub)kulturellen Gruppierungen kenne ich mich wahrlich nicht aus. Tatsächlich aber fand ich ein weiteres Foto dieser Botschaft bei Flickr, ebenfalls von einer Mauer am Main in WÜ. Aber nicht von derselben Stelle. Und ohne Erklärung. Was hat es damit auf sich?

Das Erste, was mir in den Sinn kam, war das Gedicht Herbsttag von Rainer Maria Rilke. „Herr, es ist Zeit….“ heißt es da und nimmt Abschied vom Sommer, bilanziert, schaut voraus in die dunkle Jahreszeit und bitte um einige Tage Aufschub vor der Einsamkeit. Der Feststellung auf der Mauer aber fehlt die Perspektive, die Hoffnung und damit auch paradoxerweise die Zeit. Und: es fehlt jeglicher Bezug zu einer*m möglichen Adressierten.

Wem gilt die Botschaft? Was beinhaltet sie? Welche Zeit und Zeit wofür? Der Punkt irritiert: Der Aussage wird nichts hinzugefügt, sie wird nicht weitergeführt auf ein logisches Ziel hin, auf etwas, das sich ihr anschließen müsste, um ihr einen Sinn zu verleihen. ES IST ZEIT. Punkt. Kein Doppelpunkt. Nicht mal ein Komma.

Über Zeit wird viel gedacht und geschrieben, politisiert über gewendete Zeiten, philosophiert über das Paradox der drei Zeiten der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft (Augustinus) und lamentiert über zu wenig Zeit, Zeitdruck und Zeitstress. Es häufen sich Empfehlungen über achtsame Zeitnutzung, meditatives Zeitvergessen, spirituelles Auflösen in der Zeit.

Nächster Schritt: Pinterest.

Suchvorschläge bei Pinterest für „Es ist Zeit“

Soso, klingt ja nach „Vermischtes“ – ein Kommen und Gehen, zwischendurch innehalten oder neu beginnen, danken oder auch nichts. Ein Klick auf den „Neubeginn“ führt mich zu Meister Eckhart.

Und plötzlich weißt du: Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.

Zig Websites aufgerufen, zig Cookies abgelehnt – glaubt ihr, eine Seite nennt die Quelle? Mist. Aber neben Rilkes Wehmut zwischen Sommerfrüchten und winterlicher Einsamkeit wirkt diese Eingebung sehr inspirierend. Gibt Hoffnung und Zuversicht, macht optimistisch.

So ging es mir vor Jahren, als ich – plötzlich! – diese Eingebung hatte, die mich auf diese Reise schickte, an deren Zwischenstation „Journal“ ihr nun teilhabt. Einfach so gewusst: „Ja!“ Es tut sich etwas, nämlich ein Ziel auf, aus dem sich der Weg nahezu von selbst ergibt. Allerdings geht er sich nicht von selbst, es gehört viel Planung, Denken und Konzipieren, Organisieren, Lernen und letztlich auch Tatkraft hinzu. Aber: ES IST ZEIT. Etwas Neues zu beginnen.

 

Noch etwas fällt mir dazu ein:

Alles hat seine Zeit
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Das stammt aus der Bibel, und NEIN: Ich bin nicht christlich-kirchlich religiös, aber ich liebe gute Gedanken und schöne Worte, also bitte! Sei’s drum!

Jedenfalls findet das ES IST ZEIT PUNKT hierin eine Öffnung für ETWAS. Für den richtigen Zeitpunkt oder Zeitraum. Zeit-Traum. Weder hat es Sinn, etwas zu überstürzen noch zu verschleppen noch zu erzwingen. Keine Zeit für ein Zufrüh, keine Sorge um ein Zuspät. Einfach nur wahrnehmen, was da kommen möge und wann etwas dran ist. Der Text geht nich weiter – ich erspare es euch – mute euch aber die letzten Zeilen zu:

So sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?

Damit aber bin ich nun ganz und gar nicht zufrieden! Hat der Mensch denn kein Hirn? Keine Fähigkeit zur Weitsicht – Vorsicht – Umsicht – Rücksicht?

Fröhlich sein in der Arbeit? Gerne! Liebend gerne! Nichts schlimmer als Arbeit und Freude, Lernen und Freude, Leben und Freude voneinander zu trennen. Aber nicht fröhlich und dann „Nach mir die Sintflut…! Hauptsache Spaß gehabt, was nach mir kommt, ist mir doch egal!“

Wer also will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird, wenn nicht er selbst!? Und sie auch. Und alle anderen *. Verantwortung aus Weitsicht zu übernehmen, ist angesagt. Für jetzt und die Zukunft. Nächstenliebe und Fernstenliebe, wie Hans Jonas im Das Prinzip Verantwortung von 1979 schreibt. Aktueller denn je, was auch die aktuelle Auflage mit einem Nachwort von Robert Habeck von 2020 zeigt.

Hanns Ludwig Katz, Junge Frau im Korbstuhl, ca.1933–1934

Nie wieder ist jetzt. Es gibt keinen Planeten B. …weil man uns die Zukunft klaut.

Es liegt an uns, ob wir auf unserem Hintern hocken bleiben und paralysiert vor uns hin starren wie die Dame im Korbstuhl oder die Komfortzone verlassen. Ob wir etwas zu ändern bereit sind oder die Verantwortung weiter hin und her schieben, egal wohin, Hauptsache von uns weg.

Klar, eine einzelne Person ändert wenig, aber allein in good old germany gibt’s 84 Mio. Einzelne. Zumindest auf das eigene Land kann Einfluss genommen werden. Ich hoffe dringend, es tun diejenigen, die nicht hocken bleiben und ansonsten nichts tun.

ES IST ZEIT. Morgen wird gewählt. Und gezählt. Danach wird sich zeigen, ob wir auf uns zählen können oder ob die Zeit uns weiter davonläuft. Punkt.

 

(Ja, ich weiß, alles höchst verkürzt und simplifiziert. Und kein Wort über Mister T. oder Gospodin P. oder andere Personen dieses Kalibers, gegen die kaum jemand jetzt noch etwas unternehmen kann. Aber dieses lakonische ES IST ZEIT. verstärkt meine Angst und Sorge vor dem, was noch Schlimmeres kommen mag. Ich will nicht predigen, nicht moralisieren, noch politisieren. Nur ein wenig assoziieren und nachdenken. Und das mit(euch)teilen. Danke!)

 

 

 

Wie man mit Bildern den eigenen Gedanken und Gefühlen nachspüren, sich im Bild entdecken und (wieder)finden kann, könnt ihr bei mir oder gerne auch mit mir erfahren.

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